Zuletzt hieß es oft, die AfD habe sich professionalisiert. Im krassen Gegensatz dazu steht eine Schlammschlacht in der Partei, die in den vergangenen Tagen für Aufsehen sorgte. Sehr zum Unmut der Parteiführung, die gern weiter professionell erschiene. Doch sie ist selbst beteiligt. Raushalten kann sie sich aber auch nicht. Denn der NRW-Landesverband droht im Chaos zu versinken.Woran das liegt und um was es geht, ist Kern der Schlammschlacht, die derzeit auf juristischen Wegen, in sozialen Netzwerken, aber auch per Rundschreiben ausgetragen wird. Inzwischen beziehen die wechselseitigen Vorwürfe sich auf mehrere Ebenen: ideologische, handwerkliche und grundsätzlich-moralische. Für die AfD-Spitze ist das allein schon ein Problem. Erst recht, weil der Streit auch sie selbst spaltet.In einer Rundmail, die der NRW-Landesvize Kay Gottschalk am Mittwochabend an die Mitglieder des Landesverbandes schrieb, finden sich mehrere Anspielungen darauf. Mal schreibt Gottschalk, er habe „einen der beiden Bundessprecher“ informiert, also nicht etwa die Bundesspitze, mal, die Tür der NRW-AfD stehe weiterhin offen „für alle Mitglieder des Bundesvorstandes, die mit uns vertrauensvoll zusammenarbeiten wollen“. Also nicht überhaupt für alle.Noch deutlicher ist der Vorwurf, der Bundesvorstand sei in Teilen „offenkundig außer Rand und Band“. Im Telefonat mit der F.A.Z. legt Gottschalk noch einen drauf: „Ich habe noch nie erlebt, dass ein Bundesvorstand in drei Wochen so viel Porzellan zerschlagen hat.“Es geht nicht nur um Ideologie, sondern auch um AntipathieUm zu verstehen, warum die Sache in den vergangenen Tagen eskaliert ist, muss man die Vorgeschichte kennen. Die Verhältnisse sowohl innerhalb des größten Landesverbandes als auch zwischen ihm und dem AfD-Bundesvorstand sind schon lange kompliziert. In Nordrhein-Westfalen stehen sich zwei Lager gegenüber: Die Gruppe um den Landesvorsitzenden Martin Vincentz, die vergleichsweise gemäßigt auftritt, und die völkisch-nationale Gruppe um den Dortmunder AfD-Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich, der sich einst selbst als „das freundliche Gesicht des NS“ bezeichnete.Helferich zählt zu den einflussreichsten westdeutschen Strippenziehern des rechtsextremen Höcke-Flügels. Vincentz' Versuch, Helferich aus der AfD zu werfen, scheiterte Ende Juni endgültig, als das Bundesschiedsgericht einen entsprechenden Beschluss des Landesschiedsgerichts aufhob.Doch das Zerwürfnis hat noch andere Gründe. Zu den Flügelkämpfen kommen Feindschaften, die regelmäßig auf offener Bühne ausgetragen werden, wie zuletzt beim Parteitag in Marl zur Wahl der Kandidaten für die Landtagswahl im kommenden April.Auf beiden Seiten gibt es Leute, die nach Enttäuschungen die Seite gewechselt haben. So finden sich im Vincentz-Lager radikale Leute wie Christian Blex oder Thomas Röckemann, während an Helferichs Seite auch eher Gemäßigte wie Fabian Jacobi oder Sven Tritschler kämpfen. Es haben sich Konstellationen gebildet, die man in der AfD selbst gern „Beutegemeinschaften“ nennt.Filz, Vetternwirtschaft und gefälschte HochschulabschlüsseEine Rolle spielen auch Vorwürfe um Filz und Vetternwirtschaft. Bis heute wühlt die Partei der Fall des Vincentz-Vertrauten Klaus Esser auf. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Aachen hat der Landtagsabgeordnete sich mit gefälschten Hochschulabschlüssen auf eine Stelle bei der AfD beworben, weshalb sein Parteiausschluss beantragt wurde. Doch Ende 2025 zog der Landesvorstand um Vincentz den Antrag wegen „Verjährung und Nichtbeweisbarkeit“ zurück. Seither gilt Esser endgültig als das „Feindbild der Völkischen“.Dass der Parteitag in Marl zeitweilig im Chaos versank, lag auch an Esser. Auf die Besetzung der ersten zehn Plätze der AfD-Liste hatten sich die beiden Lager noch einigen können. So akzeptierte Vincentz auch, dass der mit ihm verfeindete Tritschler auf Platz vier stand. Doch als es dem völkischen Lager nicht gelang, Klaus Esser auf Platz 13 zu verhindern, eskalierte die Lage. Am dritten Tag der Versammlung nominierte das Helferich-Lager zeitweise mehr als 90 Kandidaten, von denen jedem bis zu acht Minuten Redezeit zustanden. Damit war der Parteitag faktisch lahmgelegt.Der Bundesvorstand um Alice Weidel und Tino Chrupalla schaltete sich ein, warf Vincentz Unregelmäßigkeiten vor. Übereinstimmende Schilderungen sprächen dafür, „dass stimmberechtigte Delegierte bedroht oder erheblich unter Druck gesetzt wurden“, heißt es in einem Schreiben. Darin forderte der Bundesvorstand zudem, die Wahl abzubrechen und den Parteitag noch einmal neu zu beginnen. Es gelte, ein Debakel wie 2023 in Bremen zu verhindern, wo die AfD nicht zur Bürgerschaftswahl antreten konnte.Was wusste Weidel von der „Operation Filibuster“?AfD-Landeschef Vincentz erhob seinerseits schwere Vorwürfe gegen das „Weidel-Helferich-Lager“, wie er in einem Brief an den Bundesvorstand formulierte. Mithilfe einer von Sven Tritschler gegründeten Telegramgruppe namens „Operation Filibuster“ sei geplant worden, den Parteitag per Massenkandidatur lahmzulegen. Bundeschefin Weidel distanziere sich nicht von solchen „undemokratischen, Antifa-ähnlichen Auswüchsen“.Der Vorwurf trifft ins Herz des Bundesvorstandes. Denn Chrupalla steht Vincentz und seinem Lager näher, er wurde auch auf dem Bundesparteitag der AfD in Erfurt von diesem Teil der NRW-Delegierten unterstützt. Dort wurden Teile der Schlammschlacht ausgetragen: Der Vincentz-Mann Gottschalk wurde aus dem Bundesvorstand abgewählt, der Helferich-nahe Tritschler zog dafür ein.Gottschalks offensives Auftreten im aktuellen Machtkampf erklärt man sich im Weidel-Lager auch damit, dass er nun auf einer Art Rachefeldzug sei. Gottschalk selbst bestreitet das. Doch auch hier spielen wieder Fragen des persönlichen Umgangs eine Rolle. Aus verschiedenen Richtungen wurde auf dem Bundesparteitag erzählt, es sei gut, wenn Gottschalk aus dem Bundesvorstand raus sei. Er sei zu emotional, geradezu unberechenbar.Die Aufforderung des Bundesvorstandes, den Landesparteitag abzubrechen, blieb ohne Wirkung. Eine klare Mehrheit der Delegierten stimmte gegen einen Abbruch – woraufhin die Vincentz-Gegner den Saal verließen und nicht mehr versuchten, Einfluss auf die Aufstellung der Liste zu nehmen, die dann wie geplant bis Platz 82 besetzt wurde.Anfang der Woche spitzte sich der Streit noch einmal zuAuf kurzfristige drastische Maßnahmen im Machtkampf mit Vincentz verzichtete der Bundesvorstand am Montag in einer Schaltkonferenz. Stattdessen beschloss das Gremium mögliche Ordnungsmaßnahmen gegen Mitglieder des NRW-Landesverbands und die Einsetzung einer Untersuchungskommission. Unter die Lupe genommen werden sollen die Finanzen und die Aufnahmepraxis neuer Mitglieder. Auf der Plattform X jubelte Helferich über die „richtige Entscheidung“. „Jedes Mitglied in NRW weiß, was in der Landesgeschäftsstelle schlummert.“Dazu, was das sei, kursieren wilde Gerüchte. Personen, die eher Helferich und Weidel nahestehen, verbreiten, Vincentz habe in NRW ein System etabliert wie Ansgar Schledde, Chef der AfD Niedersachsen, in seinem Landesverband. Diesem wird Vetternwirtschaft vorgeworfen, und die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen aufgenommen wegen des Verdachts auf Untreue und Verstößen gegen das Parteiengesetz.Zusätzlich spitzte der Streit sich Anfang dieser Woche zu. Dabei ging es um die Frage, wie mit den Ereignissen des Parteitags umzugehen sei. Denn noch am Wochenende hatte das Vincentz-Lager sich gegen die Einmischung des Bundesvorstandes gewehrt – und zwar gewissermaßen mit einer doppelten Ladung Schlamm, einem Antrag auf einstweilige Verfügung beim Landgericht Düsseldorf. Diese sollte die Einmischung der Bundesebene verhindern.Nachdem das Vincentz-Lager zunächst angekündigt hatte, den Antrag zurückzuziehen, um zu deeskalieren, kam Mitte der Woche heraus, dass das doch nicht geschehen war. Neuer Streit entbrannte, diesmal darüber, ob die Ankündigung ein Versprechen oder eher eine Absichtserklärung unter Vorbehalt gewesen sei. Zwar hat das Gericht inzwischen den Antrag zurückgewiesen. Doch der Schaden für die Partei bleibt. Die Lager sind verfeindeter denn je. Und die Bundesspitze muss aufpassen, dass sie sich über den Landesstreit nicht noch selbst heftig in die Haare kriegt.