Antonio Calanni / APIn den Höhlen von Matera wohnten einst die Ärmsten Italiens. Heute zahlt man 1200 Euro die Nacht und fragt sich, wer hier eigentlich arm ist.Marc Zollinger24.07.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenDie Handfläche stellt den ersten Kontakt her. Kühl ist der Stein, kompakt, reglos und doch voller Geheimnisse. Sasso, sagen sie ihm hier, der Stein, Mehrzahl Sassi, wonach auch die Altstadt von Matera benannt ist, jener Höhlenstadt in der süditalienischen Basilikata, die wie eine überdimensionierte Skulptur die Hügel überzieht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nachdem man das blendende Licht der sengenden Sonne hinter sich gelassen hat, muss sich das Auge in der Höhle an die Verhältnisse gewöhnen. Die Lampen und Kerzen, die in Ausbuchtungen positioniert sind, spenden wenig Licht. Piano, piano. Wie bei einer meditativen Innenschau benötigt es hier drinnen etwas Zeit, bis man klar sieht.Der Raum reicht weit hinein in den Bauch des Felsens. Es ist keine natürliche Höhle. Sie wurde von Menschenhand geschaffen, ausgehöhlt, wie die meisten prähistorischen Behausungen hier. Der relativ weiche Kalkstein lässt das zu. Bis in die fünfziger Jahre lebten in Höhlen wie diesen die Ärmsten der Armen; vielköpfige Bauernfamilien oder Taglöhner zusammen mit ihren Mauleseln, Schweinen, Hühnern, ohne fliessendes Wasser und Strom. Heute kehren Begüterte ein, Touristen, die je nach Saison, Grösse und Ausstattung der Höhle zwischen 300 und 1200 Euro für eine Nacht bezahlen. Auf sie wirkt Matera so anziehend, weil die Stadt zeigt, wie schnell das weltliche Glücksrad sich drehen kann.Als «Sextantio» eröffnet wurde, war die «New York Times» derart begeistert, dass sie es in die Liste der fünf schönsten Hotels der Welt aufnahm.Die Felsenkirche Santa Maria de Idris im Quartier Sasso Caveoso. Der weiche Kalkstein liess sich mit einfachen Werkzeugen aushöhlen.De Agostini / GettyJetzt ist das Auge bereit. Es erkundet den Raum, sucht die Tiefe der Höhle, erkennt irgendwo im Hinten einen Gang, der weiter in den Berg führt. Dort ist das Badezimmer, oder besser: die Badehöhle. Zimmer mit Türen gibt es im Höhlenhotel «Sextantio» keine, ebenso wenig wie Fenster.Im vorderen Bereich zwei Stühle und ein kleiner Tisch, auf dem eine Schale mit Früchten steht. Gleich daneben ein grosses Holzbett mit blütenweissen Laken aus Leinen. Auch das andere Mobiliar ist aus Holz, einfach geschnitzt wie in alten Zeiten, und doch wirkt es edel. Schlichtheit ist der wahre Luxus in komplexen Zeiten. Und das kommt grottengut an: Als das «Sextantio» mit seinen im Hang verstreut liegenden achtzehn Höhlen eröffnet wurde, war die «New York Times» derart begeistert, dass sie es in die Liste der fünf schönsten Hotels der Welt aufnahm.Sieht man vom Komfort ab – Klimaanlage, Bodenheizung, Designbadewanne von Philippe Starck –, wird man hier ziemlich weit in die Menschengeschichte zurückgeworfen. Einige der Höhlen sollen vor 10 000 Jahren bewohnt worden sein. Damit gehört Matera neben Varanasi in Indien zu den ältesten dauerhaft besiedelten Städten der Welt.Wie fühlt es sich an, der Ewigkeit so nahe zu sein? Man setzt sich auf einen Stuhl, schliesst die Augen. Und ab geht’s, in die Steinzeit und darüber hinaus.«Die Sassi waren Anfang der neunziger Jahre tot und verlassen, eine Wüste aus Stein. Niemand konnte damals erwarten, dass sie zu einem Ort der Sehnsucht werden, wie sie es heute sind.»Besucherinnen und Besucher in einer der zugänglichen Höhlen. Matera zählt zu den ältesten durchgehend besiedelten Städten der Welt.Davide Pischettola / Nur Photo / GettyAm Anfang, kurz nach der Ankunft in Matera, wollte man gleich wieder weg. Oben beim Dom war man plötzlich Teil einer riesigen Blase: Besucherinnen vorne, Besucher hinten, Touristen überall. Sie sahen aus wie hungrige Ameisen, die in einer Reihe mal hierhin und dorthin krabbeln, immer auf der Suche nach – wonach eigentlich?In der nächsten Gasse hinter der Kirche reihen sich Souvenirläden mit Magneten und Miniaturskulpturen, Bars und Imbissbuden. Und das in Matera, das wegen seiner Einzigartigkeit so hochgepriesen wird. Selbst in Matera bedient der Tourismus leere, massentaugliche Klischees und Geschmäcke.«Wir sind am Tipping-Point angelangt», sagt denn auch Mikaela Bandini, die man nach einer Verschnaufpause kennenlernt. Matera sei in den vergangenen Jahrzehnten stark aufgeblüht und drohe nun zu kippen, in ein Disneyland des Südens. Die Südafrikanerin lebt seit 1992 in den Sassi. Sie hat einen Materaner geheiratet und für wenig Geld einen 300 Quadratmeter grossen Höhlenkomplex erworben, der heute ein Vielfaches davon wert ist. Die Immobilienpreise sind in der Zwischenzeit explodiert.Bandini gehörte damit zu den ersten Siedlerinnen, die sich nach den Zwangsräumungen in den fünfziger Jahren in den Sassi niederliessen. Damals hatten rund 20 000 Bewohnerinnen und Bewohner ihre Höhlen verlassen müssen, wegen einer Kindersterblichkeit von über 40 Prozent, Seuchen, Krankheiten, bitterer Armut. Matera war die «Schande Italiens».«Eigentlich verrückt», sagt die 52-Jährige, die das miterlebt hatte. «Die Sassi waren Anfang der neunziger Jahre tot und verlassen, eine Wüste aus Stein. Niemand konnte damals erwarten, dass sie zu einem Ort der Sehnsucht werden, wie sie es heute sind.»Seit 1993 gilt die Höhlenstadt als Unesco-Weltkulturerbe. Einige Höhlen sollen bereits vor 10 000 Jahren bewohnt gewesen sein.De Agostini / GettyMatera ist eine Marke geworden. Man glaubt, die Stadt zu kennen, ohne da gewesen zu sein.Zwei Ereignisse sind eng mit dem Aufstieg der Höhlenstadt verbunden: 1993 nahm die Unesco die Sassi als Weltkulturerbe auf, und 2018 war Matera die Kulturhauptstadt Europas. Das brachte Ruhm und neue Aktivitäten. Das Armenhaus spielte plötzlich in der Topliga mit. Aus der Schande wurde Stolz.Mikaela Bandini war an dieser Metamorphose beteiligt. Sie führt als Reiseberaterin ein internationales Unternehmen und hat vor zehn Jahren begonnen, abends in ihren Höhlenbüros und auf dem Vorplatz Getränke auszuschenken.Junge Kreative kamen, Filmteams, die in der malerischen Kulisse von Matera «Wonder Woman», «James Bond» und andere Filme drehten. Sie alle versammelten sich bei Bandini. Leute wie der Filmregisseur Wes Anderson schauten spontan vorbei. Und so wurde ihr «Area 8» innert Kürze zum angesagtesten Treffpunkt der Stadt und der Region und erntete begeisterte Rezensionen in internationalen Medien wie der «Washington Post».Heute werden in Mikaelas Bar jede Woche 2000 Cocktails ausgeschenkt. Vierzehn Personen arbeiten in der labyrinthartigen Höhle, die aus unterschiedlichen Räumen besteht, in die sich die Gäste zurückziehen können. Es gibt ein kleines Theater, einen Konferenzsaal und tief drinnen eine Zisterne, in der früher Wasser gesammelt wurde. Materas Höhlenbewohner wussten diese Ressource auf raffinierte Weise zu nutzen.Tourismus und Gastgewerbe hätten in Matera einen äusserst fruchtbaren Boden gefunden, sagt Bandini. Die Verlockung, mehr anzubieten und das Geschäft weiter anzukurbeln, sei gross. Doch die Zeiten des Wachstums seien vorbei, so ist sie überzeugt: Jetzt gehe es darum, «das Errungene zu bewahren».Ein paar Gässchen und Treppen weiter befindet sich ein anderer Brennpunkt des gesellschaftlichen Lebens von Matera: das TAM. Das Akronym steht für Tower Art Museum. In einem mittelalterlichen Turm, etwas abseits der Ameisenstrassen, organisiert eine Gruppe von sechs jungen Leuten überraschende Ausstellungen von zeitgenössischen Kunstschaffenden. Bis Anfang Juni etwa «Geometric Bang», Künstlername eines 40-Jährigen aus Lodi in der Lombardei, der mit seinen knallbunten Flaggen und Symbolen die gewöhnlichen Geschichtsdeutungen und andere Imaginationen auf den Kopf stellt.Das TAM ist ein kleiner, ziemlich farbiger Punkt im «presepe vivente», der lebendigen Weihnachtskrippe. So wird Matera gerne genannt, weil hier alles so hübsch und museal aussieht. «Wir wollen zeigen, dass es auch anderes gibt», sagt der Direktor Mauro Acito. Nicht nur das Narrativ des einstigen Armenhauses, nicht nur Höhlen, nicht nur Vergangenheit.Das Museum der jungen Wilden sorgt wiederholt für Aufsehen, muss aber auch ums Überleben kämpfen. Sarkastisch meint der 32-Jährige: «Würden wir in unserem Turm Bilder von hungernden Bauernkindern zeigen und davor einen Maulesel grasen lassen, wären wir längst reich.»Acito hat den wundersamen Aufstieg Materas hautnah miterlebt. Er schildert es mit einer kleinen Episode: Wenn man ihn früher fragte, woher er stammt, kam immer die Nachfrage, wo sich denn Matera befinde. In der Nähe von Bari, war jeweils die Antwort. Kürzlich in Venedig kam die Rede auf seinen Heimatort. «Oh, Matera, wie schön!», sagte die Person begeistert, dann stellte sich heraus, dass sie nie dort war. Matera ist eine Marke geworden. Man glaubt, die Stadt zu kennen, ohne da gewesen zu sein.Dabei gibt es wohl kaum einen mysteriöseren Ort in Italien als die Sassi, das Herzstück von Matera. In Assisi, der Heimat des heiligen Franziskus, ist der Frieden spürbar, der Vatikan vibriert vor spiritueller Macht. Die Sassi dagegen sind unergründbar tief. Vor Jahrtausenden schon haben sich hier Suchende niedergelassen und hauten Behausungen, Einsiedeleien und Kirchen in den Kalkstein.Selbst heute, im Gewusel des Übertourismus, kann es geschehen, dass man sich irgendwo auf einen Stein setzt, plötzlich still wird und wie von alleine über die ganz grossen, existenziellen Fragen zu brüten beginnt, auf die es keine Antworten gibt.Es ist mehr als nur ein Gefühl von Geborgenheit, was die Höhle ausstrahlt. Sie wirft einen zurück. Nicht in eine vergangene Zeit, sondern auf sich selbst.Eine ehemalige Höhlenwohnung, die heute über Airbnb gemietet werden kann.Markus Matzel / ImagoMatera ist denn auch ein Anziehungspunkt für Filme mit religiösem Hintergrund: «Die Passion Christi» (2004) von Mel Gibson, «The Nativity Story» (2006) von Catherine Hardwicke oder «Maria Magdalena» (2018) von Garth Davis wurden hier gedreht. Im Gewirr der engen Gassen und der biblisch anmutenden Höhlen erwacht das antike Jerusalem.Für das Mysterium kann es keine Worte geben. Doch wer das Glück hat, einige Zeit in einer Höhle zu verbringen und sich dem leeren Stein hinzugeben, wird bestätigen, dass dort «etwas» existiert. Es ist mehr als nur ein Gefühl von Geborgenheit, was die Höhle ausstrahlt. Sie wirft einen zurück. Nicht in eine vergangene Zeit, sondern auf sich selbst. Wer diese Erfahrung aushält, verlässt die Höhle verändert.«Matera besitzt eine einzigartige Energie, die ich nirgendwo sonst auf der Welt entdeckt habe», enthüllt Biagio Spagnuolo, kein Esoteriker, sondern Manager des Luxusresorts «Sant’Angelo». Er liebt es, sich unter die Gäste zu mischen und über die Besonderheit Materas zu plaudern. Oft berührten seine Worte die Menschen tief, rührten sie gar zu Tränen, weil sie etwas in ihnen zum Schwingen brächten. «Matera ist beste Therapie für erstarrte Seelen», meint der Mittdreissiger.Biagio Spagnuolo glaubt, dass die Abhängigkeit vom billigen Tourismus teuer zu stehen kommen wird.Filmteams nutzten Materas einzigartiges Aussehen als Kulisse für «Wonder Woman» und den James-Bond-Film «No Time to Die».Vittorio Zunino Celotto / GettySpagnuolo hatte im Ausland gearbeitet und kam 2015 zurück in seine Heimatstadt, um im Hotel seines Schwiegervaters zu wirken. Es sei eine phantastische Zeit gewesen, grosse Aufbruchstimmung. Matera wurde Kulturhauptstadt.Biagio Spagnuolo hat genug. «Wir sind auf dem besten Weg, wieder arm zu werden», sagt er. Biagio Spagnuolo glaubt, dass die Abhängigkeit vom billigen Tourismus teuer zu stehen kommen wird. Doch auch der Luxustourismus, der sich in den Sassi festgesetzt hat, bereitet ihm Sorgen. «Es war einst ein Traum der Armen, dem Luxus zu frönen», sagt er. Heute, so betont er, sollte man das Augenmerk auf Authentizität legen, anstatt blind Trends zu folgen.Spagnuolo hat darum entschieden, den Begriff «Luxury Resort» von den Schrifttafeln und Visitenkarten zu verbannen. Mit seiner Familie ist er aus den Sassi ausgezogen. Es wurde ihm zu viel. Weitere der rund 2000 Einheimischen des Höhlenquartiers seien auf dem Absprung, sagt er.Passend zum Artikel
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