Kürzlich wurden in Kalabrien vier Erntehelfer ermordet, weil sie ihren Lohn eingefordert hatten. Kein Einzelfall, sondern die extremste Ausprägung eines Systems, das in Italien zu reden gibt. Zu Besuch in Europas grösster illegaler Barackensiedlung. Ein Besuch.Marc Zollinger (Text), Manuel Dorati (Bilder)05.07.2026, 05.30 Uhr10 Leseminuten«Brutto, brutto, brutto!» Dreifach hässlich. Hussain verzieht sein Gesicht, als er auf das Leben im Slum angesprochen wird. Der 48-Jährige aus Gambia ist erst kürzlich hier angekommen. Hätte er Geld und gültige Papiere, wäre er längst wieder weg.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Überall liegt Abfall herum, an manchen Stellen türmt er sich zu Bergen. Es hat keine Toiletten, keine Kanalisation. Wasser gibt es aus Bottichen, die zweimal die Woche gefüllt werden. Strom fliesst nur an jedem zweiten Tag in die Haushalte, aber auch das nicht immer. Es wimmelt von streunenden Hunden mit Hautkrankheiten und ausgemergelten Katzen mit verlaustem Fell.«Ein Albtraum», findet Hussain – und überhaupt nicht gut für die Gesundheit. Vor kurzem sei ein Bewohner an Tuberkulose gestorben. Als der Flüchtling auf die Baracke zeigt, in der der Mann gelebt hat, kommen ihm die Tränen.«La Pista», die Flugpiste, wird die Barackenstadt manchmal genannt, weil sie sich auf dem Gebiet eines ausgemusterten Militärflugplatzes befindet. Mussolini hatte diesen in den dreissiger Jahren im Brachland ausserhalb der süditalienischen Stadt Foggia erbauen lassen. Gleich daneben stampfte er ein Dorf für 700 Landarbeiter aus dem Boden und liess ein Bewässerungssystem für den Ackerbau erstellen; es war die italienische Variante der Anbauschlacht.Entstanden auf einem ausrangierten Militärflugplatz: Das ist Borgo Mezzanone, die grösste Barackensiedlung Europas, wo vor allem illegal anwesende Erntehelfer wohnen.Borgo Mezzanone, wie das Retortendörfchen aus faschistischer Zeit heisst, wird manchmal auch als Bezeichnung für das Flüchtlingslager nebenan verwendet. Für viele ist es aber nur: das Ghetto. Das klingt weniger beschönigend. Ein abgesondertes Wohngebiet, in dem von der Gesellschaft Ausgestossene sich selbst überlassen sind.Unbegleitete Besuche? Nicht zu empfehlenEs wird davon abgeraten, ohne kundige Begleitung hinzugehen, weil es dort Zonen gibt, die man besser nicht betreten sollte: Drogenhandel, Prostitution, Gewalt. Immer mehr Bewohner reagieren auf die prekären Umstände mit Psychosen. Die Unberechenbarsten unter ihnen sind in einem ehemaligen Werftgebäude untergebracht, von dem man besser Abstand hält.Allein in Apulien existieren siebzehn solcher Ghettos. Jenes in Borgo Mezzanone hat mit der asphaltierten Piste einen Standortvorteil. Die anderen sind ins Grüne gebaut und versinken bei Regen im Schlamm. Borgo Mezzanone ist nicht nur die grösste Barackenstadt Italiens, sie ist es auf dem ganzen Kontinent. Im Sommer, wenn es auf den Feldern besonders viel zu tun gibt, leben hier bis zu sechstausend Menschen. Im Winterhalbjahr sind es vielleicht dreitausend. Genau weiss das niemand. Die staatlichen Behörden haben sich nie die Mühe gemacht, die Bevölkerung zu zählen.Begonnen hat alles vor zwanzig Jahren, zur Zeit des Kosovo-Kriegs. Damals wurde am Rande des stillgelegten Flughafens ein Zentrum für Asylsuchende erstellt – ein sogenanntes Cara, die Abkürzung für «Centro di accoglienza per richiedenti asilo». Fast alle der Gesuchsteller kamen aus dem Balkan. Wer abgewiesen wurde, richtete sich einfach jenseits des Zauns entlang der Flugpiste ein. Die ersten Baracken entstanden. Niemand schritt ein. In Apulien gibt es viele Grossplantagen. Und dort sind billige Arbeitskräfte gesucht, besonders zur Zeit der Tomatenernte.Die Wasserstelle der Barackenstadt: Die Tanks werden jeden zweiten Tag aufgefüllt.Heute leben auch Flüchtlinge aus Afghanistan und Pakistan im Ghetto. Die meisten aber stammen aus Westafrika, fast alles Männer. Frauen sind kaum zu sehen, Kinder gar nicht. Wird eines im Ghetto geboren, bringen es die Frauen schleunigst weg.Als Matteo Salvini 2018 Innenminister der Regierungskoalition aus Lega und Cinque Stelle wurde, kündigte er grossmundig das Ende des Schandflecks an. Er liess medienwirksam Raupenfahrzeuge auffahren. Achtzig Baracken wurden zerstört. Das war es dann schon. Die Lücken wurden schnell wieder gefüllt. Seither wächst die Siedlung mit jedem Jahr weiter an.Früher war das Ghetto für die meisten nur eine Durchgangsstation. War die letzte Tomate gepflückt, zogen die Feldarbeiter weiter nach Kalabrien oder Sizilien für die Orangen und Mandarinen. Inzwischen bleiben aber viele das ganze Jahr hindurch. Im Winter gibt es ebenfalls Arbeit, wenn auch weniger. Brokkoli, Blumenkohl, Spargeln, Wartungsarbeiten stehen an, die Reben müssen gestutzt werden. Und vor allem: Wer sich eine Baracke ergattert hat, gibt sie nicht so schnell wieder auf. Im Gegensatz zu den Anfangsjahren, als die Flüchtlinge ihre Heime mit Blech und Holz zusammenzimmerten, besteht die neuste Generation aus Backsteinen, richtigen Türen und Fenstern.Coiffeursalons, Metzger, Taxis und MoscheenMit der Sesshaftigkeit hat sich auch die Struktur der Siedlung verändert. Es gibt inzwischen über zwanzig Lebensmittelläden, Coiffeure, Mechaniker, Restaurants, einen Metzger, Kleiderläden, Taxidienste, drei Moscheen, eine Kirche – ein richtiges Städtchen, das Arbeitsplätze schafft. Die u-förmige Piste ist sozusagen die Pulsader des gesellschaftlichen Lebens, wo sich die Läden befinden und die Behausungen der Bessergestellten. Auf dem Gelände dazwischen und dahinter breiten sich die Hütten der weniger privilegierten Bewohner aus.Der Afghane Farid Sami zum Beispiel führt am Corso einen Lebensmittelladen. Er ist die gute Seele im Ghetto. «Baba» nennen ihn seine Kunden, die manchmal auch nur auf einen Schwatz zu ihm kommen. Sami schenkt Tee aus, verkauft Zigaretten (drei Stück für einen Euro), Konserven, Datteln, Räucherstäbchen gegen den allgegenwärtigen Gestank, gefrorene Pouletstücke, Flüssigseife und alles andere, was es zum Leben braucht.«Essen, trinken, schlafen und etwas Geld verdienen – was will man mehr?» Der Afghane Farid Sami, 52, in seinem Krämerladen.In jungen Jahren hatte er in Glasgow Wirtschaft studiert und arbeitete danach in Kabul als Dolmetscher für die US-Marines, bis ihn eine Bombe der Taliban verletzte. 20 000 Dollar kostete die Flucht, die ihn zuerst nach Sizilien führte und 2013 nach Borgo Mezzanone. Der 52-Jährige fühlt sich wohl im Ghetto: «Essen, trinken, schlafen und etwas Geld verdienen – was will man mehr?»«Tax free zone!»Sahid aus Pakistan, der daran ist, am anderen Ende des Ghettos einen weiteren Shop einzurichten, sagt es unverblümter: «Tax free zone!» Das sei der Grund, warum es ihn nach Borgo Mezzanone gezogen habe. Wer hier ein Geschäft besitzt, bezahlt keine Miete und keine Steuern. Und den Strom zapft man direkt von den herunterhängenden Kabeln ab. Die jährlichen Gesamtkosten über 500 000 Euro bezahlt die Provinz Foggia.Farid und Sahid repräsentieren die Oberschicht im Ghetto. Beide haben aus politischen Gründen Asyl erhalten und könnten sich überall in Italien niederlassen. Andere wie Assima können nur davon träumen. Der 53-Jährige aus Togo ist 2011 von Mailand nach Borgo Mezzanone gezogen, nachdem er seine Stelle als Übersetzer in einem Temporärbüro verloren hatte. Als ihm die harte Arbeit auf den Feldern immer mehr zu schaffen machte, kam ihm die Idee, ein Restaurant zu eröffnen. Seine Spezialität: Spaghetti alla Bolognese.Assima trägt ein buntes Foulard um den Hals und lächelt freundlich. Es ist noch früh. Reservationen sind noch nicht eingetroffen. Der Koch arbeitet nur auf Bestellung, weil er Wert auf Frische legt – gerade wegen der prekären hygienischen Bedingungen im Ghetto. Er ist ein höflicher, sensibler Gastgeber. Seine traurigen Augen aber, die kann er nicht verstecken. «Es ist hart hier», sagt er. Auch weil seine Frau jung gestorben ist. Die beiden Töchter leben in Togo. Und doch, bekennt er: «Hier ist der einzige Ort, an dem ich mich ohne gültige Aufenthaltsbewilligung sicher fühlen kann.» Um Polizeikontrollen zu vermeiden, verlässt Assima das Ghetto nur noch für grössere Einkäufe.Insider schätzen, dass mehr als zwei Drittel der Slumbewohner in der Illegalität leben. Die hohe Zahl hat damit zu tun, dass die Hürden für eine rechtmässige Niederlassung in Italien gross sind. Grund dafür ist das Gesetz 189, das aus der Zeit stammt, als Berlusconi zum zweiten Mal regierte. «Bossi-Fini» wird es auch genannt, weil diese beiden Kabinettsmitglieder die Ersten waren, die es unterzeichnet haben. Kernpunkt ist die Regel: Wer eine Aufenthaltsbewilligung möchte, muss einen Arbeitsvertrag vorweisen können – was nur die wenigsten schaffen. In der Landwirtschaft, wo die meisten Flüchtlinge landen, gibt es fast nur Schwarzarbeit.Abdul Assima, 53, kommt aus Togo und betreibt in Borgo Mezzanone ein Restaurant. Seine Spezialität: Spaghetti alla Bolognese.Die Regierung von Giorgia Meloni hat es für die Migranten noch schwieriger gemacht. Neu braucht es für ein «Permesso di Soggiorno» auch einen gültigen Mietvertrag. Damit beisse sich die Katze in den Schwanz, wie Insider sagen: Stellt ein Migrant das Gesuch für eine Aufenthaltsbewilligung, muss er beweisen können, dass er eine Arbeitsstelle und eine Wohnung hat. Möchte er eine Wohnung mieten, verlangen heute fast alle Vermieter gültige Dokumente; Arbeitsvertrag und Aufenthaltsbewilligung. Die meisten Flüchtlinge driften in die Illegalität ab.Wo Rechtlosigkeit herrscht, ist die Mafia nicht weitIm Ghetto finden sie Zuflucht. Es wird zum Gefängnis ohne Mauern. Als Rechtlose sind sie ein gefundenes Fressen für die Mafia.Eines der sichtbaren Zeichen für die Präsenz der organisierten Kriminalität im Ghetto sind die weissen Lieferwagen, die überall entlang der Piste parkiert sind. Bis zu zwanzig Arbeiter werden dort hineingezwängt und am Morgen auf die Felder gebracht, wo sie sich für 2 oder 3 Euro pro Stunde abrackern. Am Ende eines Arbeitstages, der zehn Stunden dauert und oft auch länger, bleiben ihnen weniger als 20 Euro in der Tasche. Die Hintermänner, die das alles organisieren, werden Caporali genannt. Sie zweigen einen Teil des Lohns für sich ab – und oft stecken sie sogar alles in die eigene Tasche.Wer sich gegen dieses System auflehnt, riskiert sein Leben. Das zeigte jüngst ein Fall in Kalabrien, der ganz Italien erschütterte: Vier Erntehelfer aus Afghanistan und Pakistan wurden in einem Kleinbus eingesperrt und bei lebendigem Leib verbrannt, weil sie ihren ausstehenden Lohn eingefordert hatten. Festgenommen wurden zwei mutmassliche Caporali. Ermittler und Beobachter sehen im brutalen Mord ein Exempel, das statuiert wurde – verübt im Umfeld der Agrarmafia.Die Barackensiedlung hat zwar keine Regierung, aber Caporali, die das Sagen haben: In den Gassen von Borgo Mezzanone.Es gibt zwei Typen von Caporali: den «Capo Nero» und den «Capo Bianco». Die schwarzen Bosse sind in der Regel Migranten, die aufgestiegen sind. Sie halten sich schon länger im Land auf, kennen die Gepflogenheiten und sprechen gut Italienisch. Über ihnen steht der weisse Chef, der aus der Agrarmafia rekrutiert wird. In der Region Foggia gibt es seit den neunziger Jahren die «Società foggiana» – oft auch die vierte Mafia genannt – neben den drei kriminellen Organisationen Cosa Nostra, Camorra und ’Ndrangheta. Die Società foggiana gilt als brutaler als die anderen. Weil sie relativ jung ist, muss sie sich Respekt verschaffen.Unser günstiges italienisches Gemüse hat einen PreisDie Verbrecherorganisation wacht über die ganze Lieferkette, die aus Supermärkten, Grosshändlern und Landwirten besteht. Zu diesem System gehören auch die Konsumenten im Norden: Wer billiges italienisches Gemüse oder Obst kauft, kann sicher sein, dass die tiefen Preise nur dank der Caporalato-Praktik möglich sind.Der italienische Staat hätte es in der Hand, gegen die Übeltäter vorzugehen. Seit 1999 gibt es ein Gesetz, das die Caporali hart bestraft: Sie müssen mit bis zu sechs Jahren Gefängnis rechnen. Geändert hat sich nichts – auch weil der Agrarsektor riesig ist und schwer zu überschauen: Die italienische Bauernvereinigung Coldiretti schätzt, dass in der Hochsaison in ganz Süditalien 200 000 Migranten beschäftigt sind. 400 000 sollen es im ganzen Land sein.In Borgo Mezzanone gibt es Gewerbebetriebe, fast wie in einer richtigen Stadt: Zum Beispiel dieser Motorradmechaniker.Wo der Staat wegschaut, springen andere ein. Etwa «No Cap», eine Abkürzung für «keine Caporali». Der Kameruner Yvan Sagnet, der dank einem Stipendium in Turin studierte, gründete die Nichtregierungsorganisation, nachdem er in den Semesterferien auf apulischen Tomatenplantagen gearbeitet hatte. Das Elend und die Ungerechtigkeiten, die er zu sehen bekam, schockierten ihn. Er organisierte Streiks und begann, Feldarbeiter aus dem Ghetto zu holen.Francesco Strippoli, einer von Sagnets Mitarbeitern, erklärt, wie die NGO funktioniert: «Wir arbeiten eng mit Landwirten zusammen, die bereit sind, Arbeiter anzustellen und mehr Lohn zu bezahlen.» Im Gegenzug würden höhere Margen garantiert, weil die Ware ohne Zwischenhandel in die Läden komme. Die christliche Hilfsorganisation Emmaus wiederum stellt Unterkünfte für die Feldarbeiter zur Verfügung. Ein Tropfen auf den heissen Stein, gibt der 37-Jährige zu: «Mehr als fünfzig Migranten pro Jahr können wir nicht aus dem Ghetto befreien.»Auch Francesca Stella gehört zu den Kräften, die sich in Borgo Mezzanone engagieren, selbst wenn die Lage aussichtslos erscheint. Die Gewerkschaftssekretärin arbeitet für die landwirtschaftliche Sektion des italienischen Gewerkschaftsbundes CGIL und betreibt eine Niederlassung in einer Seitenstrasse der Piste. Hier berät die 27-Jährige die Migranten und organisiert Sprachkurse. «Viele unserer Klienten sind in meinem Alter», sagt sie. «Das bringt mich immer wieder zum Denken: Wie würde es mir ergehen, wäre ich in ihrer Situation?»«Viele hier sind in meinem Alter. Wie würde es mir ergehen in ihrer Situation?»: Die 27-Jährige Francesca Stella ist Gewerkschafterin und betreibt in Borgo Mezzanone eine Beratungsstelle.Stella versucht, das Positive zu sehen: «Wenn wir auch nur eine Person herausholen können, hat es sich schon gelohnt.» Der Senegalese Mohammed zum Beispiel hat für so ein Happy End gesorgt: Eben noch reparierte er Autos in seiner Garage im Ghetto, heute ist er Werkstattchef in einer Kia-Vertretung.Ein anderer, der das grosse Los gezogen hat, ist Lamine, auch er aus Senegal. Er schaffte es noch rechtzeitig nach Spanien, wo Staatschef Pedro Sánchez den Status von 500 000 Migranten legalisieren liess. «Spanien ist das neue Sehnsuchtsland der Flüchtlinge», weiss Stella.Die Mordrate ist hochIm Ghetto hingegen enden so manche Schicksale tragisch: Auf einem Stück Land liegen verkohlte Gegenstände herum. Der Mann, der dort wohnte, wollte auf dem Gasherd sein Abendessen kochen, als die Gasflasche explodierte. Brände gehören zu den häufigsten Todesursachen im Ghetto. Doch sie sind nicht die einzige Gefahr. Erst vor wenigen Monaten wurde der 30-jährige Aboubakar aus Mali erschossen, kurz zuvor ermordete man den Senegalesen Khadim im Ghetto. Allein 2025 ereigneten sich sieben von acht Todesfällen in Süditaliens Barackensiedlungen in Borgo Mezzanone.Eigentlich hätten 54 Millionen Euro zur Verfügung gestanden, um die alten Baracken plattzuwalzen und neue Unterkünfte für viertausend Flüchtlinge zu erstellen. Das Projekt stammte aus Mario Draghis Zeit als Ministerpräsident, das Geld kam aus einem EU-Wiederaufbaufonds. Aber das Mitte-rechts-Bündnis um Giorgia Meloni tat dann wenig für die konkrete Umsetzung. Es liess die Fristen verstreichen, worauf die EU den Förderbeitrag wieder von der Liste nahm.Domenico La Marca steht nun vor einem Scherbenhaufen. Als Bürgermeister von Manfredonia ist er verantwortlich für das Ghetto. Zusammen mit anderen Gemeindevorstehern, auf deren Gebiet ebenfalls Barackensiedlungen stehen, hat er sich – wie schon mehrmals zuvor – mit einem Brief an Innenminister Matteo Piantedosi gewandt. Sie möchten, dass der italienische Staat Geld zur Verfügung stellt, um die ausgearbeiteten Projekte selbst zu finanzieren.«Was Flüchtlinge betrifft, weht derzeit ein kühler Wind!»: Domenico La Marca, 53, ist der Bürgermeister von Manfredonia und als solcher zuständig für die Barackensiedlung auf seinem Gemeindegebiet.Das Schicksal des Ghettos ist eng mit La Marcas Leben verbunden: Bevor er im Sommer 2024 für das linke Bündnis zum Bürgermeister gewählt wurde, hatte er viele Jahre als Sozialarbeiter im Ghetto und im angrenzenden Asylzentrum gearbeitet. Jetzt, da er die Seite gewechselt hat, möchte der 53-Jährige die Gelegenheit nutzen, um konkret etwas zu tun.La Marca denkt an Protestmärsche, Blockaden, Hungerstreiks – obwohl, grosse Hoffnung hat er nicht: «Was Flüchtlinge betrifft, weht derzeit ein kühler Wind!» Und die gegenwärtige italienische Regierung habe kein Interesse daran, irgendetwas an der Situation im Ghetto zu ändern.«Brutto da dire», sagt der Bürgermeister. Es sei unschön zu sagen: «Es muss wohl zuerst etwas wirklich Schlimmes geschehen, damit sich hier etwas ändert.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Gefängnis ohne Mauern: In der grössten Barackensiedlung für Italiens illegale Erntehelfer
Kürzlich wurden in Kalabrien vier Erntehelfer ermordet, weil sie ihren Lohn eingefordert hatten. Kein Einzelfall, sondern die extremste Ausprägung eines Systems, das in Italien zu reden gibt. Zu Besuch in Europas grösster illegaler Barackensiedlung. Ein Besuch.









