Taj Mohammad Alamyar hat überlebt. Er hat den Kofferraum aufgestemmt, hat es nach draußen geschafft, da waren seine Unterarme schon von den Flammen versengt. Alamyar, Afghane, 1991 geboren, konnte sich aus dem Auto befreien. Als Einziger. Aus dem Auto, das offenbar seine Bosse in Brand gesteckt hatten.Vier Erntehelfer sind in Kalabrien in Süditalien gestorben, nach allem, was man weiß, wurden sie lebendig verbrannt. Mitten am Tag, an einer Tankstelle. Einer der Bosse habe Benzin im Wageninnern verschüttet, so wird Alamyar in italienischen Medien zitiert, und der andere es dann angezündet.Seit Tagen sind im italienischen Fernsehen die Bilder aus Amendolara zu sehen, da, wo die Stiefelspitze Italiens in die Stiefelsohle übergeht. Die Bilder des ausgebrannten Minivans. Und die der Überwachungskamera der Tankstelle. Man sieht, wie schwarze Flammen aus dem Minivan aufsteigen. Wie erst ein Mann die Türen zuhält und dann ein anderer. Wie das Auto wackelt, als würde im Inneren jemand kämpfen.Drei der Ermordeten kamen aus Pakistan, einer aus Afghanistan. Sie waren zwischen 19 und 29 Jahre alt und arbeiteten als Erntehelfer, in diesen Wochen pflückten sie Erdbeeren.Der Fall erschüttert das Land nicht nur wegen seiner Grausamkeit. Sondern auch, weil er ein Licht auf die Bedingungen wirft, unter denen in Italien Obst und Gemüse geerntet wird, bevor es in den Supermärkten des Landes und halb Europas verkauft wird.In diesem Minivan starben vier Saisonarbeiter. Ein fünfter Mann konnte den Flammen entkommen. ANSA/dpaDurch das Tankstellen-Video und die Aussage des Überlebenden konnten die Ermittler zwei Tatverdächtige ermitteln. Beide kommen ebenfalls aus Pakistan, beide schweigen bisher zu den Vorwürfen. Der Überlebende Taj Mohammad Alamyar sagt den Berichten zufolge, es habe Streit um die Bezahlung gegeben. „Sie wollten uns umbringen, weil wir um Geld oder einen Arbeitsvertrag gebeten hatten“, zitiert die Zeitung Il Sole 24 Ore aus seiner Aussage vor dem Ermittlungsrichter. Vereinbart gewesen seien eigentlich 45 Euro pro Tag, für acht Stunden. Doch bezahlt worden seien sie zuletzt im April.Zahlreiche Tagelöhner arbeiten auf den Feldern Italiens unter sklavenähnlichen Bedingungen, die Schätzungen reichen von 200 000 bis 450 000 Menschen. Die meisten sind Immigranten, sie wohnen in vollkommen überfüllten Unterkünften und werden von sogenannten caporali überwacht und zum Arbeitseinsatz gefahren. Auch die caporali sind mittlerweile oft selbst Immigranten, viele haben Verbindungen zur lokalen Mafia. Viele Arbeiterinnen und Arbeiter müssen große Teile ihres ohnehin geringen Lohnes für Fahrten und Unterkunft abtreten. Selbst wer einen Vertrag hat, wird oft nach Gutdünken bezahlt. In Berichten ist von Stundenlöhnen von zwei bis vier Euro die Rede.Caporalato, diese spezielle Form der ausbeuterischen, illegalen Arbeitsvermittlung, ist seit 2011 strafbar, aber immer noch Praxis. Fälle sind nicht nur aus der Landwirtschaft, sondern auch aus dem Baugewerbe bekannt, und das Phänomen beschränkt sich nicht auf Süditalien. In Mailand laufen derzeit Ermittlungen wegen einer ähnlichen Form von Ausbeutung auf der Baustelle des künftigen US-Konsulats. Dort soll es um Löhne zwischen 1,43 Euro und 1,80 Euro pro Stunde gehen.Vor zwei Jahren verlor ein Saisonarbeiter einen Arm in einer Maschine, aber niemand rief den NotarztIn der norditalienischen Provinz Verona hat die Polizei vor zwei Jahren 33 Inder befreit, deren Pässe eingezogen worden waren und die unter Planen versteckt zu den Feldern transportiert wurden. Im Latium, südlich von Rom, starb vor zwei Jahren ein Arbeiter nach einem Unfall. Sein Arm war in eine Maschine geraten, und statt sofort Hilfe zu holen, brachte der Landwirt den Mann erst einmal zur nahe gelegenen Unterkunft, den abgetrennten Arm lieferte er in einer Kiste mit. Erst als andere Arbeiter den Rettungsdienst alarmierten, kam der Verletzte ins Krankenhaus, wo er zwei Tage später starb. Immer wieder werden auch Vorfälle bekannt, in denen Arbeiter einfach verschwinden.Nach dem Tod der vier Arbeiter in Amendolara hat Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ihre Anteilnahme ausgedrückt. „Italien weicht angesichts von Gewalt und Barbarei nicht zurück“, schrieb sie auf der Plattform X und forderte vollumfängliche Aufklärung.In dem kalabrischen Ort demonstrierten am vergangenen Wochenende mehrere Tausend gegen Caporalato und erinnerten an die Getöteten. Auch Elly Schlein, Vorsitzende der sozialdemokratischen Partei PD, trat bei der Demo auf und forderte eine Verschärfung des Gesetzes. Gewerkschaftsführer Maurizio Landini sagte, es brauche eine „moralische Revolte“. Der Bischof der Region, Francesco Savino, äußerte sich bei mehreren Gelegenheiten erschüttert. Er sagte, es brauche nun mehr als bloße Rituale, kurze Aufregung genüge nicht. Er forderte „echte, kontinuierliche Kontrollen“ statt punktueller Maßnahmen, vor allem aber ein Ende der Gleichgültigkeit. Mit dem „schmutzigen Schweigen der Bequemlichkeit“ müsse jetzt Schluss sein, so Savino: „Der Mord stellt einen Punkt dar, an dem es kein Zurück mehr gibt.“