Salzburg. Festspiele. Es geht wieder los. Zum 106. Mal. Im Schatten von Bayreuth, wie immer, aber mit eigenem Appeal, mit eigenem Untergangsschmäh. Das traditionsbewusste Festival steht vor verschiedenen Großveränderungen – sowohl seine Leitung als auch seine Häuser werden vom Wandel erfasst. Mitten in der zum Weltkulturerbe zählenden Salzburger Altstadt steht ein heikler Umbau an: Die verschiedenen Festspielhäuser müssen saniert, neue Werkstätten gebaut werden, und ein Tunnel muss gegraben werden. Dafür hat kurz vor Festspielbeginn die UNESCO die Genehmigung erteilt, aber der österreichische Rechnungshof hat gleichzeitig eine unzureichende Kostenplanung kritisiert.Treppenwitz der FestspielgeschichteSpätestens ab übernächstem Jahr werden viele Aufführungen in Ausweichquartiere verlegt werden müssen – da wird die amtierende Festspielleitung allerdings voraussichtlich schon nicht mehr im Amt sein. Karin Bergmann, die seit dem Rauswurf des Festspielchefs Markus Hinterhäuser im März dieses Jahres die Geschäfte interimistisch führt, hat angekündigt, nur zwei Spielzeiten lang zur Verfügung zu stehen. Voraussichtlich. Dass sie, über deren eigenständige Berufung zur Schauspielchefin Hinterhäuser gestürzt ist, am Ende vom Kuratorium selbst als Intendantin berufen wurde, ist ein Treppenwitz der Festspielgeschichte. Einige wittern darin ein bühnenreifes Komplott mit Bergmann in der Rolle der Lady Macbeth, die im Vordergrund als Hinterhäusers Vertraute auftrat, im Hintergrund aber dessen Sturz mitverantwortete.Lieder der SchwermutIn andere Richtung tendiert eine Streitschrift, die der österreichische Jurist und Dramaturg Sven Hartberger in diesen Tagen unter dem Titel „Das große Salzburger Affentheater“ veröffentlicht: Darin kritisiert er das Vorgehen des politisch besetzten Kuratoriums scharf und wirft ihm eine unzulässige Einmischung in künstlerische Entscheidungen vor. Der Kampf um Macht hat die Sehnsucht nach Kunst in Salzburg jedenfalls gerade gehörig zur Seite gedrückt. Die Zukunft ist ungewiss und die Angst vor dem, was kommt, groß. Passend also, dass zum diesjährigen Auftakt „Lieder der Schwermut und der Trauer“ zu hören waren, in der Salzburger Kollegienkirche im Rahmen der „Ouverture spirituelle“, dirigiert bei Kerzenschein vom zwielichtig-zentralen Teodor Currentzis.Fährst in die Gruben nackt und bloßDer Titel des von György Kurtág komponierten expressiven Zyklus für gemischten Chor steht paradigmatisch für die dunkle Stimmung, die Salzburg ergriffen hat. Und an der auch ein neuer nackter Hintern im notorischen „Jedermann“ nicht viel ändern kann: Es heißt, Hauptdarsteller Hochmair habe sich gewünscht, beim Satz „Fährst in die Gruben nackt und bloß“ ganz unbekleidet zu sein, um seiner neuen Buhlschaft Roxane Duran und den voraussichtlich wieder 40.000 Zuschauern etwas Neues bieten zu können.Das diesjährige Programm trägt noch ganz die Handschrift des gestürzten Festspielleiters Markus Hinterhäuser. Übrigens auch im Schauspiel. Da warten etwa Uraufführungen von Peter Handke und Jelinek und eine „Faust“-Aufführung mit Valery Tscheplanowa auf ihre vorfreudigen Besucher. Hinterhäuser selbst ist trotz aller Schwermut auch schon gesehen worden bei den ersten Konzerten und Festspielveranstaltungen. Ob er selbst allerdings als Pianist auftreten wird, ist weiterhin unklar. Schon in einer Woche stünde eigentlich eine „Winterreise“ mit Bariton Matthias Goerne auf dem Programm. Vielleicht spielt der verlorene Festspielsohn ja nur das eine, mit „Einsamkeit“ überschriebene Lied: „So zieh ich meine Straße / Dahin mit trägem Fuß / Durch helles, frohes Leben, / Einsam und ohne Gruß.“
Salzburger Festspiele: Macht Kunst und eine ungewisse Zukunft
Der Kampf um Macht hat die Sehnsucht nach Kunst in Salzburg gerade gehörig zur Seite gedrückt: Die Festspiele eröffnen mit nacktem Hintern, zwielichtigem Kerzenschein und dem Blick in eine ungewisse Zukunft.













