Salzburg geht mit seinem Musen-Sommerfest eher sparsam um; nur vereinzelte Aufsteller oder Transparente weisen darauf hin. Die Brücke zwischen beiden Seiten der Altstadt immerhin ist dicht beflaggt, was ein schönes Bild geben könnte. Nicht dieser Tage allerdings: Dröge baumeln die Stoffbahnen unter dem zunehmenden Hitzeglast an ihren Masten, das Festspielsignet ist verformt und kaum zu erkennen. In den Fenstern einiger Buchhandlungen aber liegt eine rot gebundene Broschüre des Autors Sven Hartberger: „Das Salzburger Große Affentheater“ heißt sie und handelt „Vom Ende der Ära Markus Hinterhäuser“.Der klandestin eingefädelte Hinausschmiss des langjährigen Intendanten ist vor Monaten durch die Feuilletonspalten gegangen, wobei keiner so recht um das Warum wusste; die offiziellen Verlautbarungen zu „unüberbrückbaren Auffassungsunterschieden und Differenzen“ waren gewollt unscharf und sind es bis zum heutigen Tage geblieben. Der nunmehrige Intendant i. R. wahrt Stillschweigen aus gewiss vertrags- und wahrscheinlich finanztechnischen Gründen; die Exekutoren des Festspielkuratoriums ebenfalls – in diesem Falle in der wohl müßigen Hoffnung, die längst eingetretene öffentliche Blamage möglichst in Stille zu begraben. Das ist das Thema von Hartbergers amüsant zu lesendem Büchlein, doch nicht unbedingt das aktuell dringlichste der Festspielstadt – was paradoxerweise vor allem daran liegt, dass dieser ganze Jahrgang 26 zum allergrößten Teil noch von Hinterhäuser konzipiert und durchgeplant wurde: Man feiert in einem Gebäude, dessen Hausherr vor die Tür gesetzt wurde – doch die Feier läuft trotzdem prima, was im Sinne der Kunst vielleicht nur gut sein kann.So meint es jedenfalls offenkundig auch der Betroffene selbst, der nach wie vor am Orte anwesend ist und zudem auch als Aktiver mittut. Das war auch in vergangenen Jahren so und ist heuer – man darf sagen: glücklicherweise – nicht den Vorgängen hinter den Kulissen zum Opfer gefallen. Denn diese Schubert-„Winterreise“ im proppenvollen Mozarteums-Festsaal war nicht nur ihrer Umstände wegen ein Ereignis.Da kam zum einen der Bariton Matthias Goerne, für die letzten Jahrzehnte wohl der Winterreisende schlechthin: Schon 1997 hatte ihn der Pianist Graham Johnson mit dem Zyklus für die legendäre „Hyperion“-Gesamteinspielung sämtlicher Schubert-Lieder verpflichtet, seither teilten unter anderem Brendel, Trifonow und Andsnes mit ihm das Podium.Tief enttäuscht, aber nicht mehr jungMittlerweile geht der Künstler auf die 60 zu, und das jenseits aller Einzelheiten Überzeugende seiner Interpretation bestand zuerst einmal darin, hier nicht mehr einen tief enttäuschten jungen Menschen zu mimen, den arges Liebesweh in die kalten Wüsteneien treibt. Natürlich kann der erotische Stachel auch ältere Herren piesacken, aber sie werden, mögliche Desillusionierungen schon von vornherein einrechnend, in der Regel anders reagieren: distanzierter, verächtlich-ironisch nicht nur der Umwelt, sondern auch sich selbst gegenüber – und damit in gewisser Weise auch überlegener als ein bis ins Mark durchgeschüttelter Jungspund.Genau das tat Goerne, und die nachgerade beiläufige Art, wie er zum Beispiel in der „Letzten Hoffnung“ oder vorher schon in „Rückblick“ und „Post“ mit den eigenen Illusionen aufräumte und eine nüchterne Schlussrechnung stellte, ließ solchen Erfahrungsgewinn dank durchgebrachter Jahrzehnte unmittelbar nacherlebbar werden. Dabei kann Goerne auch Pathos – doch sogar ein nachgerade herausgebrülltes Wort wie das „selber“ im erstgenannten Lied ist alles andere als wehleidig gegenüber einer bösen Umwelt, sondern in fast autoaggressiver Weise selbst beobachtend: So weit habe ich Mistkerl es nun gebracht!Geborgenheit im GesangGenerell ließen die Akteure die Emotionskurve bis zum fieberträumend zerrissenen „Lindenbaum“ erst einmal ansteigen; doch vom nächsten Lied an wurde alles Folgende zu einer fast philosophisch durchdeklinierten Variationsreihe über das Thema gesellschaftlicher wie privater Desillusionierung, ausgebreitet zwischen fast kühler Gelassenheit und verzweifeltem Nihilismus, ästhetisch aber geborgen in den langen Phrasierungsbögen eines Sängers, dem die Schwingungen melodischer Entwicklung wohl mehr bedeuten als Schärfe und Deutlichkeit jeder Einzelbetonung und jedes Konsonanten.Nicht zuletzt daraus entstehen mitgestalterische Chancen des Pianisten, und Hinterhäuser nutzte sie glänzend als Ko-Erzähler und Kommentator weit jenseits höflicher Begleitarbeit. Dreimal kommen in Wilhelm Müllers Texten Krähen und Raben vor, und es war eines der vielen Hörabenteuer des Pianisten, wie er die finsteren Flügeltiere in ihrem Schweben und Krächzen heranzoomte oder in nebliger Ferne zerstieben ließ. Eine derartige Plastizität der inneren wie äußeren, seelischen und atmosphärischen Akzentsetzung dürfte unter allen „Winterreisen“ dieser Welt ein beeindruckender Ausnahmefall bleiben.An jenem fast utopischen Moment, wo sich im Mitgefühl zum ausgegrenzten Leiermann die Selbstbeobachtung des Winterwanderers in mögliche Gemeinschaftlichkeit wandelt, gingen die Interpreten in ebendieser Weise – vertrauensvoll und solidarisch – durchs Ziel, enthusiastisch gefeiert von einem Publikum, das mit seinem Applaus im Stehen fraglos auch ein Statement zugunsten Hinterhäusers (der noch einen weiteren Auftritt im Programm hat) und gegen eitle kulturpolitische Kleingeisterei liefern wollte. So war es zu erwarten, so ist es aufgegangen.