Peter Handkes Kosmos als Trümmerfeld und als verbrannte Erde, auf der die Sentenzen dampfen und verdampfenAn den Salzburger Festspielen bringt Jossi Wieler Peter Handkes «Schnee von gestern, Schnee von morgen» zur Uraufführung. Die Schauspieler überzeugen. Den Sinn sucht man zwischen den Zeilen.Bernd Noack29.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenZwei Gestalten wie Wladimir und Estragon in «Warten auf Godot».Ruth Walz / SFVielleicht war das einmal ein komplettes Bühnenbild? Als ob jemand hier noch kurz vor der Premiere gewütet hätte, liegen jetzt nur Trümmer drunter und drüber auf den Brettern des Salzburger Landestheaters. Wie nach dem Ende einer Schlacht sieht es aus: Eine intakte Welt ist untergegangen, in ihr nur noch zwei Gestalten, die in ihren schwarzen langen Mänteln daherschlurfen wie Wladimir und Estragon in «Warten auf Godot». In den nächsten zwei Stunden wird man indes hören und merken, dass sie auf nichts mehr warten. Sie sind Zeit-Totschläger, Ewigkeits-Herauszögerer. Die Sätze, die sie auf den Lippen tragen, erweisen sich als unzusammenhängende Fragmente – wie man sie auch auf dem Bühnenboden verteilt sieht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Peter Handkes neues Stück «Schnee von gestern, Schnee von morgen», das am Montag an den Salzburger Festspielen uraufgeführt wurde, ist ein Werk, das der Autor sicherheitshalber mit einem Beipackzettel versehen hat: «Das Lautwerden des einen Kreuz-und-Quer-Gehenden zeit seines jeweiligen Innehaltens.» Das ist ein typischer Handke-Satz.Und der Verlag hat auf die Rückseite der Buchausgabe noch eins draufgesetzt: «Und nur nichts dramatisieren hier und jetzt, das Drama, es ist da, es läuft längst ab, Schritt für Schritt von vornherein» – ein Textfetzen aus dem 70 Seiten schmalen Büchlein, der wie ein Freibrief klingt für alle, die sich auf dem Theater mit dem Stück beschäftigen wollen.Ein Teppich aus WeisheitenJossi Wieler war das nun als Erster. Und er hat zusammen mit den Schauspielern Marina Galic und Jens Harzer versucht, aus vielen Puzzleteilen ein Bild zu kreieren. Dabei passen seltsamerweise Formen, aber kaum Motive zusammen. Und am Ende ist da keineswegs ein stimmiges Ganzes – nur ein bunter Teppich aus alten Weisheiten, rätselhaftem Raunen, Kalauern, Gedankensprüngen, beginnenden Geschichten, die abgehackt im Nichts enden. Handkes Kosmos als verbrannte Erde, aus der noch so manche brauchbare Sentenz dampft.Ein klassisches Stück ist dieser «Schnee von gestern, Schnee von morgen» nicht. Ihm ist die Handlung abhandengekommen, und den Sinn muss man suchen zwischen Zeilen, die unzusammenhängend in schönster Sprache etwas hermachen. Lauscht man ihnen nach, sind sie schon verpufft. Manchmal entdeckt man Verweise auf alte Zeiten, etwa «als das Wünschen noch geholfen hat», bisweilen dringt die abgeschwächte Wut des Autors durch. Etwa wenn er von Kriegen spricht. Und dann droht er gar: «Ich hab schon noch ein paar Pfeile im Köcher.»Ein bisschen fühlt man sich bei diesem Theaterwerk an die vielen Notizbücher des Peter Handke erinnert, die er über die Jahre hinweg quasi als sein zweites Hauptwerk auf den Markt gebracht hat. Auch hier streift man lesend nur wie ein Mitläufer mit dem Dichter durch Welt und Zeit, staunt über seine Beobachtungsgabe, seine Genauigkeit, wenn er die Natur sieht, seine Einsamkeit, wenn er in Selbstgesprächen über sich und den Rest richtet.Wieler, Galic und Harzer lassen ihre Ehrfurcht vor Peter Handke fahren.Ruth Walz / SFAus dem Gemurmel aber will keine Welthaltigkeit mehr erwachsen. In Handke haben wir keinen mehr, der uns in seinem endlosen Mäandern den Weg zeigt: «Es wird schon. Oder auch nicht? Noch nicht! Nicht mehr? Nie mehr? Oder doch? Nur nichts wissen.»Wie nun aber baut man aus diesem Sammelsurium der bedeutungsschwangeren Belanglosigkeiten, der Ruinen und verkapselten Innerlichkeiten ein Theaterstück, das nicht nur dem Autor gefällt, sondern auch dem Publikum? Wieler, Galic, Harzer und die Bühnenbildnerin Anja Rabes lassen ihre ganze Ehrfurcht fahren, von der sie im vorausgegangenen Terrassentalk noch beseelt schienen. Und sie nehmen die Sätze, wie sie sind.Jossi Wieler lässt sie im Chaos, über dem stets eine blasse Wolke zu schweben scheint, stehen, auf dass sie Ruhe verbreiten. Und die beiden Schauspieler, die sich den durchgängigen Text wie zufällig untereinander aufteilen, zelebrieren die schon mal das Schnoddrige streifende Hochsprache wie eine Alltagskunst, wie den Geistesblitz einer Eintagsfliege, der Handkes kurz flackernde Aufmerksamkeit einmal tatsächlich gehört. Nur nichts Ewiges mehr in dieser rasch ablaufenden Zeit, durch die man am besten als «Hüpfschrittler» kommt!Ein Greis am StockDas hat seinen Reiz, weil da vorne zwei spielen, denen man ob ihrer wunderbaren Kunst so manche Sinnlosigkeit gerne durchgehen lässt. Das ermüdet aber auch mit der Zeit, weil halt schon gar kein Zusammenhang, keine Entwicklung erkennbar bleibt. Die Verweise auf den Steppen-Reisenden Tschechow oder Peter Weiss als Wanderer durch absurde Welten, die Handke seinem Text voranstellt, helfen nicht weiter. Sie bleiben eine Behauptung und sind bloss ein Hinweis auf den Lieblingslesestoff des Dichters, der aus seiner Enklave bei Paris heraus der Welt doch schon alles gesagt hat. Jetzt muss mal gut sein. Ein paar Sätze nachgeworfen zum guten Abgang, ein paar Rätsel ausgedacht, die garantiert in die Irre führen: «Destillieren Sie einen Hauch Phantasie aus Ihrem Tun.»Pustekuchen! Peter Handke schreibt: «Denn es geht mir vor allem andern darum, mein Nichts zu erkennen.» Das mag «nach Pascal» zitiert sein, passt aber wohlgeformt auf diesen Abend, der im Gehen begann und im Gehen endet: Man sah ihn doch gerade noch, «wenn auch wie einen Schemen».Dann, beim heftigen Premierenapplaus, holt Jossi Wieler einen greisen Mann auf die Bühne: Peter Handke. In den Händen hält er einen breitkrempigen Hut und einen Gehstock aus Holz. Den hebt er keck in die Höhe. Oder droht er uns?Passend zum Artikel
Zwischen Trümmern und Rätseln: Peter Handkes «Schnee von gestern, Schnee von morgen» in Salzburg
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