Salzburger Festspiele: Der leidenschaftliche Sturkopf an der Spitze fehlt schon jetztMitten in der grössten Führungskrise ihrer Geschichte beginnen die Salzburger Festspiele: Wie geht es weiter mit Europas bedeutendstem Kulturfestival? Was bleibt vom künstlerischen Erbe des geschassten Intendanten?Michael Stallknecht, Salzburg20.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenMitglieder des Utopia Choir beim Auftritt in der Salzburger Kollegienkirche unter der Leitung von Teodor Currentzis.Marco Borrelli / Salzburger FestspieleDie Salzburger Kollegienkirche ist eingerüstet, anscheinend muss die Fassade des barocken Meisterwerks von Johann Fischer von Erlach wieder einmal überholt werden. Drinnen veranstalteten die Salzburger Festspiele am vergangenen Freitag dennoch ihr erstes Konzert im Rahmen der «Ouverture spirituelle». Die Reihe mit überwiegend geistlicher Musik dient vor der offiziellen Eröffnung am Sonntag als ein Moment der Besinnung. Teodor Currentzis dirigierte an dem Abend die «Lieder der Schwermut und der Trauer» von György Kurtág und das «Miserere» von Arvo Pärt. Und in den vorderen Reihen sass wider Erwarten der Mann, der dieses Programm geplant hat.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dass Markus Hinterhäuser anwesend ist, erscheint erstaunlich: Immerhin hatte das Festspielkuratorium den seit 2017 amtierenden Intendanten im März mit grösstmöglichem Knall entlassen. Warum genau der Konflikt sich derart hochgeschaukelt hatte, darüber schweigen alle Beteiligten nach wie vor. Sicher ist, dass im Kuratorium eher gewieft klüngelnde Parteipolitiker sitzen, während Hinterhäuser ein impulsiver Charakter ist. Dass er häufig cholerische Ausfälle hatte, auch narzisstische Züge zeigte, ist nicht untypisch für künstlerisch begabte Menschen. Aber bei einem für Hunderte Mitarbeiter verantwortlichen Intendanten am Ende auch eine Frage des Masses.RückzugsgefechteMarkus Hinterhäuser, Verantwortlicher für die künstlerische Konzeption 2026.Salzburger FestspieleMit der ihm vorgesetzten Festspielpräsidentin Kristina Hammer kam es zu Spannungen, ebenso mit der von ihm selbst berufenen Schauspielchefin Marina Davydova. Um die Frage der Schauspielleitung eskalierte schliesslich auch der Streit mit dem Kuratorium, nachdem Hinterhäuser Karin Bergmann ohne reguläre Bewerbung hatte durchdrücken wollen. Dass das Kuratorium nun Bergmann als Interimsintendantin bis – voraussichtlich – Herbst 2027 berufen hat, wirkt wie eine schlechte Pointe.Die Interimsintendantin Karin Bergmann.Salzburger FestspieleDoch Bergmann macht deutlich, dass sie Hinterhäusers Erbe fortführt: In allen Programmheften ist er ausdrücklich als Verantwortlicher für die «künstlerische Konzeption 2026» aufgeführt, im Haus für Mozart gibt es eine Ausstellung mit Plakaten zu den Premieren seiner Amtszeit. Gleichwohl verweigert Hinterhäuser seit seinem Sturz die Kommunikation, sogar darüber, ob er zwei geplante Auftritte als Pianist in diesem Sommer absolvieren will. Schon in eineinhalb Wochen stünde ein Liederabend mit dem Bariton Matthias Goerne an. Pikanterweise wird die Deutsche Grammophon in den nächsten Tagen ein Album mit den beiden Künstlern herausbringen, das sicher als festlicher Auftakt gedacht war.Derartige Rückzugsgefechte sind allerdings Lappalien, verglichen mit den Problemen, die den Festspielen in den kommenden Jahren bevorstehen. Bergmann hat klargestellt, dass sie über 2027 hinaus nicht zur Verfügung stehen wird. Auf den Nachfolger oder die Nachfolgerin wartet keine angenehme Aufgabe: Die Festspielhäuser müssen saniert werden, ein neues Werkstättengebäude und ein Tunnel durch den Mönchsberg sollen Abläufe erleichtern. Knapp vor Festspielbeginn hat die Unesco die Genehmigung erteilt für den heiklen Umbau inmitten der Salzburger Altstadt, die zum Weltkulturerbe gehört. Dass dafür der Neutortunnel ab Herbst gesperrt wird, erregt bereits Unmut in der Bevölkerung. Zudem hat der österreichische Rechnungshof eine unzureichende Kostenplanung kritisiert. Ab 2028 werden viele Aufführungen in ein Interimsquartier verlegt werden müssen – was zumindest den äusseren Festspielglanz mindern dürfte.Wer unter solchen Umständen zur Nachfolge bereit ist, wird wohl erst im Herbst geklärt sein. Cecilia Bartoli, Chefin der Salzburger Pfingstfestspiele, hat bereits abgewinkt. Gehandelt werden unter anderem Elisabeth Sobotka, die ehemalige Intendantin der Bregenzer Festspiele und heutige Leiterin der Berliner Lindenoper; Serge Dorny, der Intendant der Bayerischen Staatsoper – und auch Zürichs Opernchef Matthias Schulz. Für einen Wechsel an die Salzach müsste Schulz das Opernhaus allerdings nach nur zwei Spielzeiten schon wieder verlassen; er hat ebenfalls abgewinkt.Auch inhaltlich gibt es viele Zwänge bei den Festspielen. Da ist das etablierte Zeitraster aus Opern und Konzerten, ausserdem tradierte Ansprüche wie etwa die der Wiener Philharmoniker als Hausorchester. Vieles hat auch Hinterhäuser nur übernommen – wie die vom Vorgänger Alexander Pereira eingeführte «Ouverture spirituelle». Dass seine Bilanz in vielen Medienberichten der vergangenen Monate ausgesprochen positiv erschien, hat sicher auch mit der Beliebtheit zu tun, der sich der eloquente Intellektuelle gerade bei vielen Journalisten erfreute.Kantige PersönlichkeitDennoch machen die ersten Festspieltage deutlich, dass Hinterhäuser viele Spielräume künstlerisch klug genutzt hat. So erweist sich etwa die anfangs gescholtene Umbesetzung beim «Jedermann» unterdessen als Glücksfall, weil Robert Carsen zeitgemässe Bilder findet, aber den Text intakt lässt. Indem Hinterhäuser statt eines Schauspielregisseurs einen Opernregisseur berief, verhinderte er einen dekonstruierenden Regieansatz, den die Festspiele bei ihrer traditionell bestverkauften Produktion schon rein ökonomisch nicht brauchen können.Gleichzeitig wird das von Hinterhäuser geplante Schauspielprogramm in diesem Jahr aufsehenerregend Neues bieten: Mit Texten von Peter Handke und Elfriede Jelinek stehen Uraufführungen der beiden prominentesten lebenden österreichischen Dichter an, beides Literaturnobelpreisträger.Und auch das erste Konzert trägt eindeutig die Handschrift des Intendanten, der von Anfang an eng mit Teodor Currentzis zusammengearbeitet hat. Mit Beginn des Ukraine-Kriegs geriet der Dirigent in die Kritik, da er in Russland weiterhin Chor und Orchester der von ihm gegründeten Musica Aeterna leitet und eine klare politische Positionierung vermeidet. Hinterhäuser nahm ihn listig aus dem hellsten Scheinwerferlicht der Festspiele, hielt aber an ihm fest.Der griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis.Olya Runyova / Salzburger FestspieleInzwischen ist Currentzis auch in Mitteleuropa wieder gefragt, zumal er mit dem Utopia Orchestra und Utopia Choir zwei Ensembles für Auftritte im Westen gegründet hat. In Salzburg agieren sie mit der existenziellen Bedingungslosigkeit, die allen Auftritten von Currentzis eigen ist. Zudem fragt das Programm nach Schuld und Ohnmacht des Einzelnen angesichts der Geschichte. Dafür nutzt Currentzis auch performative Elemente und die Beleuchtung, nach der Pause fast ausschliesslich Kerzenlicht, das die mystische Aura der Kollegienkirche verstärkt.Am kommenden Sonntag wird Currentzis mit Bizets «Carmen» erstmals auch wieder eine Eröffnungspremiere leiten – was er nicht zuletzt der leidenschaftlichen Sturköpfigkeit Hinterhäusers zu verdanken hat. Die Festspiele brauchen eine solche kantige Persönlichkeit an ihrer Spitze, die bereit ist, um der Kunst willen gelegentlich auch anzuecken.Passend zum Artikel