Frau Rummel, wie darf man sich den Beckenboden genau vorstellen?Der Beckenboden ist eine Platte aus Muskeln und Bindegewebe, die nach unten hin das Becken verschließt. Das kann man sich vorstellen wie eine Hängematte. Dadurch stützt er zum einen die inneren Organe, zum anderen steuert er die Entleerung der Blase und des Darms über physiologische Öffnungen. Frauen haben mit der Vagina eine zusätzliche Öffnung im Beckenboden.Wie oft treten Probleme aufgrund eines zu schwachen Beckenbodens auf?Ich arbeite täglich mit Patienten, die unter Beckenbodenproblemen leiden. Vielen ist das jedoch nicht bewusst, da der Beckenboden überwiegend mit Harninkontinenz in Verbindung gebracht wird. Tatsächlich können aber auch andere Beschwerden symptomatisch für einen verspannten oder schwachen Beckenboden sein.Können Sie die weniger bekannten Beschwerden genauer beschreiben?Wenn der Beckenboden zu schwach ist und nicht genügend Stabilität bietet, kann es zum Prolaps kommen, und die Organe senken sich ab. Das macht sich häufig durch ein anhaltendes Druckgefühl nach unten bemerkbar. Mitunter treten Probleme beim Stuhlgang auf, wenn sich der Darm senkt. Drückt der Darm dabei in die Rückwand der Vagina, haben Frauen oft ein Fremdkörpergefühl. Symptome eines verspannten Beckenbodens hingegen sind eher diffuse Schmerzen im unteren Bauchbereich oder Beschwerden beim Geschlechtsverkehr.Wie hängt ein geschwächter Beckenboden mit einer Harninkontinenz zusammen?Die Blase liegt dem Beckenboden unmittelbar auf. Wenn hoher Druck auf den Bauch entsteht, etwa durch Husten oder Niesen, hält er normalerweise automatisch dagegen. Bei einer Schwäche kann er jedoch nicht ausreichend standhalten, und der Urin in der Blase nimmt den Weg des geringsten Widerstands. Auf diese Weise begünstigt ein geschwächter Beckenboden auch eine Stuhlinkontinenz, denn auch der Darm wird so vom Beckenboden unterstützt.Annika Rummel, Fachärztin für Urologie, Varisano Krankenhaus Bad Soden, Kontinenz- und Beckenbodenzentrum Main-TaunusPrivatUm die Inkontinenzbeschwerden langfristig zu verbessern, gibt es verschiedene Therapiemöglichkeiten. Ist das Beckenbodentraining immer die erste Option? Ja, aber wie jeder Muskel muss auch der Beckenboden regelmäßig trainiert werden. Viele Patienten wissen jedoch nicht, wie sie ihn anspannen können. Daher empfehle ich zunächst ein physiotherapeutisch angeleitetes Training. Das lässt sich gut in Eigenregie zu Hause fortführen. Allerdings sollte man nicht erwarten, von heute auf morgen eine Verbesserung zu spüren. Das ist immer ein kontinuierlicher Prozess, der sich manchmal erst nach einem halben Jahr auswirkt.Was kann man sich von der konservativen Herangehensweise versprechen?Für viele ist es bereits eine wesentliche Verbesserung, wenn Sie im Alltag nur so wenig Urin verlieren, dass Einlagen ausreichen. Und das können wir mit Beckenbodentraining bei bis zu 80 Prozent der Patienten erreichen.Und welche Möglichkeiten haben Betroffene, wenn die konservative Behandlung nicht zu einer ausreichenden Verbesserung führt?Für Frauen gibt es beispielsweise Pessare zum Einführen, die Stabilität bieten und eine Unterstützung bei Harninkontinenz sein können. Zudem gibt es zur medikamentösen Behandlung noch Duloxetin, ein Antidepressivum, das gute Ergebnisse bei einer Belastungsinkontinenz zeigen kann. Also bei Harnverlust, der auf einen schwachen Beckenboden zurückzuführen ist. Das Medikament löst jedoch häufig Übelkeit aus, daher ist es für viele Frauen keine dauerhafte Lösung. Für Männer ist es aufgrund der schwachen Studienlage derzeit nicht zugelassen. Neben der Belastungsinkontinenz gibt es noch die Dranginkontinenz, die verschiedene Auslöser haben kann, von Infekten bis hin zu neurologischen Erkrankungen. Hierfür gibt es weitere medikamentöse Therapiemöglichkeiten.Und Operationen?Am häufigsten werden suburethrale Schlingen zur Unterstützung der Harnröhre gelegt. Das ist ein kurzer Routineeingriff, der ungefähr 20 Minuten dauert und in der Regel sofortige Verbesserung verspricht. Außerdem gibt es noch die Fixation des Blasenhalses mit Nähten, die sogenannte Kolposuspension. Es sind auch Harnröhrenunterspritzungen möglich, das wird aber seltener gemacht. Auch die Straffung der Vagina mit einer Lasertherapie kann gute Ergebnisse erzielen. Das wird jedoch nicht von den Krankenkassen getragen.Warum leiden dann trotzdem so viele Menschen unter Harninkontinenz? Schätzungen des Robert-Koch-Instituts zufolge sind circa zehn Millionen Menschen in Deutschland betroffen.Häufig trauen sich die Betroffenen damit nicht zum Arzt, weil sie sich dafür schämen. Lieber nehmen sie es hin, dass beim Lachen oder Husten Urin verloren geht. Das kann so weit gehen, dass Betroffene weniger Sport machen oder das Haus nicht mehr verlassen, weil sie befürchten, nach Urin zu riechen. Damit sollte sich aber niemand alleingelassen fühlen, denn der Gang zum Arzt kann vieles verbessern.Zu welchem Arzt geht man am besten?Erster Ansprechpartner kann der Hausarzt sein, da haben die meisten Patienten das größte Vertrauen. Spezialisierter sind Gynäkologen oder Urologen. Es gibt aber auch Beckenbodenzentren in ganz Deutschland, die genau auf solche Beschwerden fokussiert sind und für jeden Patienten die richtige Therapie finden können.Eine gute Nachricht, dass so viele Beschwerden konservativ gelindert werden können und es weitere Therapiemöglichkeiten gibt. Trotzdem wünscht man sich, nicht in diese Situation zu kommen. Haben Sie Empfehlungen, wie man den Beckenboden im Alltag entlasten kann?Man kann verschiedene Dinge tun. Gerade in Bezug auf den Toilettengang ist es wichtig, eine Balance zu finden. Wenn man immer beim ersten Dranggefühl oder auch nur zur Sicherheit zur Toilette geht, kann man damit seine Blase falsch trainieren. Andersherum kann es den Beckenboden verspannen, wenn Urin ständig eingehalten wird. Auch ein übermäßiger Konsum an Koffein oder Alkohol kann das Dranggefühl verändern. Hilfreich sind immer genug Bewegung und ausreichendes Trinken.Sind für die Stärkung des Beckenbodens darüber hinaus spezifische Übungen nötig oder wird er auch passiv durch Joggen oder Krafttraining trainiert?Der Beckenboden besteht aus zarten Muskeln. Er will nicht mit vielen Gewichten belastet werden. Für gesunde Menschen, die keine Inkontinenzprobleme haben, reicht es, den Beckenboden mehrmals täglich für einige Sekunden bewusst anzusteuern. Auch Yoga oder Pilates bieten gute Übungen. Joggen hingegen ist für einen schwachen Beckenboden eher eine Belastung und kann zu zusätzlichem Urinverlust führen.Schon mit wenig Übungsaufwand lässt sich der Beckenboden stärken.Picture AllianceKlingt nach wenig Aufwand im Alltag für einen erheblichen Ertrag. Und trotzdem erhält der Beckenboden in der Regel deutlich weniger Aufmerksamkeit als zum Beispiel die Bauchmuskeln.Der Beckenboden ist eine wichtige Stütze im Körper, aber er bietet eben kein schönes Sixpack, auf das man hintrainiert.Warum sind Frauen so viel häufiger von Harninkontinenz betroffen als Männer?Das ist kein Zufall. Etwa jede dritte Frau macht im Laufe ihres Lebens Erfahrungen mit Inkontinenz. Die Anatomie unterscheidet sich eben. Während die Harnröhre von Frauen nur wenige Zentimeter misst, ist sie bei Männern etwa 20 Zentimeter lang. Außerdem haben Männer die Prostata als zusätzlichen Bestandteil des Kontinenzmechanismus. Auch Schwangerschaften und Geburten stellen Risikofaktoren für einen geschwächten Beckenboden dar. Daher würde ich immer einen Rückbildungskurs empfehlen. Zusammen genommen begünstigen diese Faktoren eine Harninkontinenz bei Frauen.Die Beschwerden treten vermehrt erst nach den Wechseljahren auf. Kann man das auch auf eine Schwangerschaft zurückführen?Das spielt durchaus eine Rolle. In den Wechseljahren sind aber vor allem hormonelle Veränderungen die Ursache der Beschwerden. Mit zunehmendem Alter verlieren Männer und Frauen an Muskelmasse, das betrifft auch den Beckenboden. Frauen bilden zusätzlich weniger Östrogen. Das kann die altersbedingte Abnahme der Muskulatur verstärken und zu einer reduzierten Elastizität des Bindegewebes führen. So kann es dann zu einem geschwächten Beckenboden und den bekannten Beschwerden kommen.Spielt die Stärkung des Beckenbodens auch für Männer eine Rolle?Definitiv. Etwa zehn Prozent aller Männer sind von einer Harninkontinenz betroffen, häufig in Zusammenhang mit Problemen der Prostata. Im Gegensatz zu vielen Frauen haben sich Männer meist noch nie mit dem Beckenboden auseinandergesetzt. Wenn ich einem Patienten, der mit 80 Jahren an der Prostata operiert wurde, was von seinem Beckenboden erzähle, dann schaut er mich mit großen Augen an. Das macht es schwieriger, den Patienten für Beckenbodentraining zu sensibilisieren, und es ist in der Regel mehr Anleitung nötig als bei Frauen.Das heißt, die beste Prävention ist es, sich mit dem Beckenboden auseinanderzusetzen.Genau, im allerbesten Fall hat jeder Mensch ein gewisses Gespür für den Körper und weiß, wie er den Beckenboden anspannen kann. Wenn Patienten mit Inkontinenzbeschwerden zu uns kommen, muss dieses Gespür oft erst erlernt werden. Es wäre schön, wenn wir das Bewusstsein für einen gesunden Beckenboden stärken und so präventiv Beschwerden verhindern können.