Die Ernüchterung kommt schnell. Selbst die Enthusiasten unter den Weltraum- und Techexperten, die jüngst bei der Europäischen Weltraumagentur ESA in Darmstadt miteinander diskutiert haben, sehen keine Riesenkisten voller Server um die Erde schweben. Wenn Datacenter im Weltall gebaut würden, dann nicht als Ersatz für die irdische Infrastruktur, sondern als Ergänzung.Auf diesen Nenner haben sich die Teilnehmer der kleinen Konferenz, die die ESA auf Anregung des hessischen Digitalministeriums Ende Juni recht spontan einberufen hat, weitgehend einigen können. Es gehe nicht darum, einen „Hyperscaler“ ins All zu schicken. Auch wenn es hoch über der Erde reichlich Sonnenenergie, Kühlung und Platz gibt, werden „Space-based data centres“ keine Hunderte-Megawatt-Cloudspeicher mit einer Grundfläche von mehreren Fußballfeldern sein, wie sie auf der Erde immer zahlreicher entstehen.Dagegen spricht schon die Tatsache, dass es aktuell gar nicht genug Transportshuttles gibt, um auch nur die Bestandteile für ein einziges solches Bauwerk in den Orbit zu befördern. Nicht zu reden davon, wie groß die Solarfelder und Kühlschilde wären, die an ein solches Konstrukt angefügt werden müssten. Unklar ist auch, wie mit der Wartung umzugehen wäre, mit den Risiken in einem Umfeld von Weltraumschrott, Sonnenstürmen und Meteoriten oder mit der Frage, wie die Datenmassen zurück ins irdische Netz geleitet würden.Musks Vision treibt alle anDass die Rede so schnell auf das kommt, was nicht funktionieren kann, wird ein kurzer Tiefpunkt des Treffens. Ohne gleich mit Namen und Zahlen dafür einstehen zu müssen, wollen die Vertreter der ESA und der nationalen Weltraumbehörden sowie die Fachleute von Datacenter-Betreibern, aus Industrie und Politik vor allem die Chancen einer Dateninfrastruktur im Weltraum ausloten. Und diese Chancen gibt es, daran glaubt nicht nur der amerikanische Tech-Milliardär Elon Musk, der mit seinem Unternehmen SpaceX die Vision der Rechenzentren im All heraufbeschworen hat.Musk hat bereits einen Anteil daran, dass das „Weltall zur Infrastruktur des täglichen Lebens geworden ist“, wie es in Darmstadt heißt. Nun hat er in der ihm eigenen Weise noch Größeres versprochen: Die Verlagerung in den Lower Earth Orbit sei die Lösung für das Energie- und Ressourcenproblem, das mit den nächsten, noch leistungsstärkeren KI-Modellen weiter wachse.Auf der Erde werden Strom, Netz, Kühlwasser und die Fläche für Rechenzentren zu knappen Gütern. In 200 bis 2000 Kilometern Höhe aber gebe es, so Musk, das Nötige im Überfluss. Schon bald werde die Datenverarbeitung im All viel günstiger sein als auf der Erde.Das Zauberwort heißt VernetzungTechnische Hürden wie die Tatsache, dass weltraumtaugliche Solarpaneele einen schlechten Wirkungsgrad haben und deshalb sehr groß sein müssten oder dass die Server im All enormen Temperaturschwankungen ausgesetzt wären, hält Musk gewiss für überwindbar. Aber auch seine bisherigen Pläne gehen nicht von fliegenden Rechnerplaneten aus, sondern eher von Sternchen: SpaceX will ein Netz aus bis zu einer Million Mini-Datacentern in Satellitengröße aufbauen, jeweils mit der Rechenleistung eines Hochleistungsservers.Zusammengeschaltet könnten sie Daten in jeden Winkel der Welt bringen, KI-Interferenzen verkürzen und Informationen ohne den Umweg auf die Erde weiterverarbeiten. Schon in ein paar Jahren will Musk, den Anleger gerade zum weltweit ersten Billionär gemacht haben, die Technologie marktreif haben.Europa muss seine Kräfte bündelnAuch wenn dieser Zeitplan illusorisch wirkt, wird auf der Darmstädter Konferenz zur Eile gerufen: Die Idee stehe im Raum, lange werde ihre Umsetzung trotz aller Hindernisse nicht dauern. In kleinem Maßstab hat die Datenverarbeitung im All längst begonnen. Auch die ESA betreibt Satelliten, die Künstliche Intelligenz an Bord haben. Von Erdbeobachtungssatelliten gewonnene Daten und solche, die zur Steuerung der Flugkörper nötig sind, werden in absehbarer Zeit wohl gleich über der Erde verarbeitet, verteilt und genutzt.Europa wäre also mehr als gut beraten, die Entwicklung nicht Amerikanern oder Chinesen und erst recht nicht einem einzigen Privatunternehmer zu überlassen. Auch darin ist man sich in Darmstadt einig. Schon allein im Sinne der heutzutage viel beschworenen Resilienz und Datensouveränität dürften die Europäer den Visionären nicht nur zuschauen – und später wieder einmal hinterherlaufen. Die ESA, das hat sie mit diesem Treffen kundgetan, bietet sich als europäisches Entwicklungszentrum für eine digitale Infrastruktur im All an. Das Land Hessen als global bedeutender Rechenzentrumsstandort will diese Vorreiterrolle gern fördern.Wobei zu viel Standortpolitik die Ambitionen gefährden könnte. Wenn Europa bei der Besetzung des Weltraums eine relevante Größe sein wolle, müsse es seine Kräfte bündeln, lautet der Appell aus Darmstadt. Eine Wirtschaftsvertreterin sagte auf der Konferenz, ihre größte Befürchtung sei, dass zehn über Europa verteilte Modellprojekte entstehen könnten – jedes viel zu klein, um mit Musk und Co. mitzuhalten.Trügen die Europäer hingegen zusammen, was sie beherrschen und haben, könnte die Zukunft schnell beginnen. Sie betreiben bereits ein dichtes Netz an Satelliten, das sich womöglich zusammenschalten und in der Nutzung ausbauen ließe. Europa habe bei der Steuerung und der Erdbeobachtung durchaus Fähigkeiten, auf die andere Nationen angewiesen seien, hieß es auf dem Darmstädter Treffen, und es könnte sich als globaler Anbieter bestimmter Dienstleistungen etablieren.Wer all das brauchen und bezahlen könnte, gehört zu den großen, aber sehr offenen Fragen. Der Raumfahrtindustrie selbst fallen viele Anwendungen ein. Vertreter der Industrie können sich vorstellen, die eigene Datenstruktur durch Back-ups im All noch sicherer zu machen. Aber das sind noch keine Geschäftsideen, die es rechtfertigen, Technik für Milliarden von Euro ins All zu schießen. Die in Darmstadt beschworene Möglichkeit „völlig neuer Anwendungen“ ist vielen zu vage. Die Hoffnungen ruhen deshalb stark auf dem Militär als finanziell potentem Auftraggeber: Im Zeitalter des Drohnenkriegs dürfte dessen Interesse an noch schnellerer Übertragung und überall verfügbaren Daten groß genug sein, um die Entwicklung anzustoßen.
Musk plant Datacenter im Weltall: Von der Erde verschwinden sie trotzdem nicht
Es würde viele Probleme lösen, könnte man Rechenzentren in den Weltraum verbannen. Doch daran glaubt wohl nicht einmal Elon Musk – und europäische Experten erst recht nicht. Datacenter im All wollen sie trotzdem.









