Während die künstliche Intelligenz die Erde mit stromhungrigen Rechenzentren zu überziehen droht, liebäugeln Tech-Milliardäre mit einer kühnen Vision: Serverfarmen im All. Die Idee nimmt bereits Gestalt an. Aber ist sie realistisch?09.11.2025, 05.30 Uhr6 LeseminutenKünstliche Intelligenz frisst enorm viel Strom. Ein einziges KI-Rechenzentrum von Microsoft, das 2026 in Betrieb geht, soll halb so viel verbrauchen wie die Stadt Zürich. Und solche «KI-Fabriken» werden gegenwärtig in schwindelerregendem Tempo gebaut. Denn der KI-Hype lebt von zunehmender Rechenpower. 800 Millionen Menschen nutzen Chat-GPT jede Woche. Mit KI-Video-Apps spielen ebenfalls Millionen herum. Und seit neuem basieren auch Webbrowser auf KI. Die Server der KI-Firmen laufen immer heisser.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Allein die Firma Open AI will in den nächsten Jahren mehr als eine Billion Dollar in den Bau neuer Rechenzentren stecken. Auch Meta, Amazon, Google und Elon Musks XAI sind der Rechenzentren-Manie verfallen. Manche Experten rätseln, woher so viel Strom für die wuchernden Serverfarmen kommen soll.Gierige Tech-Unternehmen:Die «Hyperscaler»Die Tech-Giganten planen einen beispiellosen Ausbau ihrer IT-Infrastruktur, um den erdrückenden Datenberg zu stemmen, den ihre KI-Dienste generieren.Jeff Bezos denkt, KI-Fabriken würden in zehn bis zwanzig Jahren nicht auf der Erde, sondern im All entstehen. Auch Sam Altman, dem Chef von Open AI, sagt die Idee zu. Der Ex-Google-Chef und Investor Eric Schmidt hat ein Raketen-Startup gekauft, um KI-Supercomputer ins All zu bringen. Und Elon Musk strebt mit Space X ebenfalls den Bau orbitaler Rechenzentren an.Doch einige Experten bezweifeln, dass uns auf der Erde der Strom für KI-Rechenzentren ausgehen wird; andere setzen auf Kernenergie. Und wieder andere hinterfragen grundsätzlich den Nutzen von KI und somit deren kommerziellen Erfolg. KI-Optimisten halten den Boom der Technologie hingegen für unaufhaltsam. Langfristig sei es kaum zu vermeiden, die günstige Sonnenenergie im Weltraum dafür zu nutzen.Zu jenen, die eine Explosion des Strombedarfs durch KI prophezeien, gehört Philip Johnston, der CEO des Startups Starcloud. «In den nächsten drei Jahren allein wird KI die Stromleistung von zehn neuen Atomkraftwerken benötigen», sagt er. Der rasant voranschreitende Ausbau der Rechenzentren treibe bereits heute den Strompreis in den USA stark in die Höhe.Der KI-Hype erreichtastronomische DimensionenJohnstons Startup Starcloud will bis zirka 2035 ein orbitales Rechenzentrum mit einem riesigen Solarkraftwerk bauen. Um sämtliche Server sowie die nötigen Solarpanels ins All zu bringen, werden mehrere Raketenstarts nötig sein. Roboter würden auch mit ins All geschossen werden und dann das Rechenzentrum im Orbit zusammenbauen sowie Reparaturarbeiten übernehmen.Das ausserirdische Rechenzentrum soll 5 Gigawatt Strom benötigen. Das entspricht der Leistung von fünf kommerziellen Atomkraftwerken.Da sie mit Solarenergie versorgt werden sollen, müssen die Satelliten permanent zur Sonne ausgerichtet sein. Die gewählte Umlaufbahn soll sicherstellen, dass die Satelliten nie in den Schatten der Erde geraten.Ein Problem könnte die Kühlung der Computer darstellen. KI-Prozessoren erhitzen sich stark. Und im All fehlt die Luft, die auf der Erde einen Teil der Wärme von heiss laufenden Chips abführt. Im Orbit funktioniert die Kühlung deshalb nur durch Wärmestrahlung. Um diese zu maximieren, muss das Rechenzentrum über einen riesigen Radiator – einem Heizkörper ähnlich – verfügen, der die überschüssige Wärme in die luftleere Umgebung abstrahlt.Starcloud will laut Johnston den mit Abstand grössten Radiator für den Weltraum bauen. Der Radiator werde zehnmal leichter und hundertmal billiger als der beste verfügbare Radiator für die gleiche Kühlleistung. Weitere technische Details verrät Johnston nicht. Diese seien das zentrale Geschäftsgeheimnis von Starcloud.Eine offene Frage ist auch, ob die Prozessoren der Strahlung im Weltraum standhalten. Auf der Erde bieten die Atmosphäre und das Magnetfeld unseres Planeten einen natürlichen Schutz. Aber im Weltall fällt dieser Schutzschild weg. Die Strahlung kann die Elektronik beschädigen und zum Verlust der gespeicherten Information führen. Starcloud will die Strahlungsresistenz der KI-Prozessoren mit einem Testsatelliten namens Starcloud-1 testen.Ein Testsatellit startet mit Mini-GPTStarcloud-1 wurde am 2. November von einer Rakete von Space X auf seinen Orbit 350 Kilometer über der Erde gebracht. Der 60 Kilogramm schwere Testsatellit, so gross wie ein kleiner Kühlschrank, trägt in seinem Innern einen H-100-Prozessor der Firma Nvidia. Mit Hunderttausenden Chips dieser Art werden die neuesten KI-Chatbots von Firmen wie Open AI noch in terrestrischen Rechenzentren entwickelt. Der einzelne Chip in Starcloud-1 wird immerhin ausreichen, um ein kleines KI-Modell namens Mini-GPT zu betreiben.Im Oktober 2026 soll dann mit Starcloud-2 der erste kommerzielle Satellit des Startups in den Orbit gehen. Dieser wird 7 Kilowatt Stromleistung verbrauchen, die eine 80 Quadratmeter grosse Photovoltaikanlage liefern soll. Johnston sagt, Starcloud-2 werde Rechenkapazität für amerikanische Militärsatelliten bieten. Das Militär sei bereit, höhere Preise für diese Dienste zu zahlen als kommerzielle Kunden, sagt der Starcloud-Chef. Er rechnet damit, dass bereits Starcloud-2 mehr Umsatz bringen wird als Design, Bau und Start des Satelliten selbst kosten werden.Johnston und sein Team müssen auch für das Problem des Weltraummülls Lösungen finden. Die Starcloud-Rechenzentren mit ihren gigantischen Solarpanels vor Kollisionen mit Wrackteilen ausrangierter Satelliten zu schützen, wird alles andere als trivial sein. Besonders in einer Höhe zwischen 400 und 800 Kilometern über der Erde nehmen Satelliten wie jene von Starlink immer mehr Platz ein. Deshalb will Starcloud seine Satelliten langfristig in einer Höhe von rund 1300 Kilometern über der Erde kreisen lassen, wo die Kollisionsgefahr deutlich kleiner ist. Dadurch würde sich die Datenübertragung auf die Erde etwas mehr verzögern als bei der tieferen Umlaufbahn von Starcloud-1. Johnston sagt, für die Nutzung von KI wäre der Datentransfer auch dann schnell genug.Ressourcenverbrauch und KostenStarcloud wettet darauf, dass der Transport der Satelliten ins All mit der Zeit wesentlich billiger wird. Wer gegenwärtig einen Satelliten in den Weltraum schiessen will, muss mehrere tausend Dollar pro Kilogramm zahlen. Ein orbitales Rechenzentrum rentiert sich laut Johnston aber erst dann, wenn der Preis für die Beförderung ins All auf 500 Dollar pro Kilogramm Nutzlast fällt. Er hofft, dass Starship, die neue Rakete von Space X , diese Kosten unterbieten werde.Mit den Umweltauswirkungen orbitaler Rechenzentren hat sich eine Studie des französischen Raumfahrtunternehmens Thales Alenia letztes Jahr befasst. Gemäss dieser wären die orbitalen Server ein Gewinn für die Umwelt – vorausgesetzt, die Emissionen der Raketen selbst sinken um das Zehnfache. Die Studienautoren rechnen damit, dass Europa bis 2050 ein klimaneutrales Rechenzentrum im Orbit bauen und betreiben kann.Der internationale Wettlaufzur Weltraum-CloudDie Pläne von Starcloud hören sich an wie Science-Fiction. Die Fülle an Solarenergie oberhalb der Erdatmosphäre ist zwar ein gutes Argument. Aber Rechenzentren im Weltall zu betreiben, dürfte viel schwieriger sein als auf der Erde. Philip Johnston und seine Mitstreiter sind jedoch nicht die Einzigen, die an die Vision glauben.Das chinesische Raumfahrtunternehmen Adaspace hat bereits im Mai zwölf mit KI-Prozessoren ausgestattete Satelliten ins All geschossen. Daraus soll eines Tages ein gigantischer Verbund von Rechenzentren aus 2800 Satelliten werden.Das Startup Madari Space mit Sitz in Abu Dhabi will seinerseits bereits Ende 2026 ein orbitales Rechenzentrum in Betrieb nehmen. Madari zielt allerdings nicht primär auf KI-Chatbots ab, sondern auf die Verarbeitung von Daten aus Erdbeobachtungssatelliten. Statt der Rohdaten würde man nur die Resultate der Analysen auf die Erde übertragen. Der Transfer der kleineren Datenmengen wäre deutlich schneller, was die Reaktionszeit bei Waldbränden oder Überschwemmungen verkürzen würde. Hinter Madari steht ein Innovationsfonds von Mohammed bin Rashid Al Maktum, dem Herrscher des Emirats Dubai.An einem ähnlichen Konzept wie Madari arbeiten gemeinsam die polnische Firma KP Labs und IBM. Und die amerikanische Firma Axiom Space hat im August auf der Internationalen Raumstation (ISS) ein eigenes Rechenmodul installiert. Bis Ende Jahr will Axiom zwei weitere Module auf eine Umlaufbahn um die Erde bringen. In Zukunft will die Firma daraus ein orbitales Rechennetzwerk machen, das Daten für das amerikanische Militär sowie für eine kommerzielle Weltraumstation verarbeiten soll.Realistisches Zukunftsszenariooder «science fantasy»?So etwas wie ein Wettlauf der Computer in den Weltraum ist also bereits in Gang. Allerdings warnen manche Experten vor übermässigen kurzfristigen Erwartungen.«Die Rechenzentren, die wir gegenwärtig auf der Erde haben, sind sehr gross. Etwas Ähnliches in den Weltraum zu bringen, wäre ein enormes Unterfangen», sagt Malcolm Macdonald, Weltraum-Experte und Professor an der University of Strathclyde in Glasgow, Schottland. Macdonald bezweifelt, dass Rechenzentren im Weltraum in naher Zukunft rentabel sein können. Aber er räumt ein, dass sich das ändern könnte, wenn das Starship von Space X – gegenwärtig erst ein Prototyp – den regulären Betrieb aufnimmt.Der Weltraumforscher Michael Gschweitl von der ETH Zürich hält Rechenzentren im Weltraum für machbar. «Die Entwicklung von Weltraum-Rechnern kleinen Massstabs ist heute schon weit fortgeschritten – etwa für die Analyse von Daten aus Satelliten zur Erdbeobachtung», sagt er. Ein grosses Rechenzentrum mit einer Leistung von 5 Gigawatt, wie es Starcloud plant, sei zwar physikalisch machbar, aber eine viel schwierigere Ingenieursaufgabe. Wann das genau Realität wird, wagt Gschweitl nicht vorauszusagen. «Sehr wahrscheinlich wird so etwas aber nicht ein kleines Startup schaffen, sondern ein grösseres, etabliertes Raumfahrtunternehmen», sagt der ETH-Forscher.Quellenangaben: Visualisierungen; Starcloud, Satellitenbilder Mesa; Bilder von Google Earth, inspiriert von FT.1 KommentarMarc Anderson 11.11.2025Das ist so cool und endlich mal eine vernünftige Anwendung für die neue Raumfahrt. Hunderte Sonnensegel mit 4x4 qkm Grösse können zudem die Erde in dermaßen substanzieller Weise verschatten, dass es die Erderwärmung durch den Treibhauseffekt zumindest etwas ausgleichen könnte (Naja .. ChatGPT hat dafür 1Mio qkm berechnet, das wären 62.000 Anlagen dieser Größe). Die Vorstellung, dass die Tesla-Optimus-Bots da oben arbeiten, finde ich ebenfalls großartig.Passend zum Artikel