Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos gab es schon im Januar ein großes Thema: Rechenzentren im All. Elon Musks börsennotiertes Raumfahrtunternehmen SpaceX plant ein Netz aus Minisatelliten mit verteilter Rechenkapazität im niedrigen Erdorbit. Auch andere Investoren, zum Beispiel der ehemalige Google-Manager Eric Schmidt, sind auf diesem Gebiet engagiert. Über Geld verfügen sie alle. Musk hat besonders viel davon, vor allem aber Trägerraketen und ein dichtes Satellitennetz, das sich aufrüsten ließe. Europa hingegen fehlen schon die Energie, die Hardware und der Plan, um KI-Rechenzentren auf der Erde eigenständig zu betreiben. Und was für die terrestrische Infrastruktur für die Künstliche Intelligenz gilt, gilt für orbitale Rechenkapazität erst recht.Doch reicht eine Reise zur Dependance der Europäischen Raumfahrtagentur ESA nach Darmstadt, um zu verstehen, dass Europas Ausgangslage besser ist als gedacht. Die ESA betreibt längst Satelliten mit Künstlicher Intelligenz an Bord. Europa ist in Fragen Erdbeobachtung (Copernicus-Programm) und Navigation (Galileo) global relevant; andere Nationen sind auf diese Fähigkeiten angewiesen. Mit der Ariane gibt es eine funktionierende Trägerrakete; ein europäisches Satellitennetz existiert sowieso. Es könnte der Kern einer eigenständigen digitalen Infrastruktur im Orbit sein.Ein neues Mandat für eine neue AufgabeDie ESA sollte daher als einzige legitime europäische Instanz für orbitale Digitalinfrastruktur mit einem Mandat für diese neue Aufgabe ausgestattet werden, mit Entscheidungskompetenz und gemeinsamer Finanzierung. Ein Cluster aus bestehenden Satelliten ließe sich innerhalb von zwei bis drei Jahren realisieren, zu einem Bruchteil der Kosten eines Neuprogramms. Parallel dazu sollte Europa auf diesem Gebiet wieder einmal Standards setzen, bevor Amerika sie setzt. Es geht dabei um Protokolle für orbitale Datenübertragung, Sicherheitsrahmen und Zertifizierungsregeln.Doch ohne einen finanziell potenten Auftraggeber wird aus alldem nichts werden. Private Milliardäre stehen dafür in Europa nicht wirklich zur Verfügung. Das Militär aber könnte diese Rolle übernehmen. Im Zeitalter des Drohnenkriegs ist das Interesse an schneller, überall verfügbarer Datenverarbeitung strategisch. Man könnte ESA-Satelliten auch auf diesem Gebiet teilweise militärisch nutzen, aber auch zivile Offenheit und Datensouveränität sichern. Betriebssoftware, Datenprotokolle und Sicherheitsarchitektur müssten dabei auf offenen Standards basieren oder unter europäischer Kontrolle stehen. Auch SpaceX wird sein Netz nicht über Nacht errichten. Die technischen Hürden – Massenproduktion, Zuverlässigkeit, Datentransfer zurück zur Erde – gelten für alle Akteure gleichermaßen. Das schafft ein Zeitfenster von fünf bis sieben Jahren, das es zu nutzen gilt.