Crack-Konsum und Gewalt sorgen in Zürichs Quartieren für Unruhe. Ein Gewerbler sagt: «Wenn du hier arbeitest, fühlst du dich, als lebtest du in der Drogenszene»Die Crack-Süchtigen beschäftigen Zürich seit Jahren. Nun hat die Stadt gleich vier Gebiete zu Brennpunkten erklärt.22.07.2026, 05.00 Uhr5 LeseminutenIllustration Ida Götz / NZZWenn Kristian Asanin zu arbeiten anfängt, schaut er als Erstes, dass die Gardinen seines Jobvermittlungsbüros an der Zürcher Gessnerallee heruntergelassen sind. Er will nicht, dass seine Mitarbeitenden dem Drogenelend direkt vor dem Bürofenster im Parterre ständig ausgesetzt sind.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Denn gesehen hat Asanin im Verlaufe der Jahre einiges.Zum Beispiel Männer, die brutal aufeinander losgingen. Einmal habe einer ein Velo gepackt und mit voller Wucht einem anderen entgegengeschleudert. Asanin hat die strikte Weisung an seine Mitarbeiter ausgegeben, sich keinesfalls in einen Konflikt zwischen Süchtigen einzumischen – zu gefährlich.Er weiss auch noch genau, wie bestialisch es einmal im Flur vor der Eingangstür stank, als einer das Treppenhaus als WC missbraucht hatte. Im Büro bleiben deshalb nicht nur die Gardinen unten, sondern auch die Fenster geschlossen – zu beissend ist sonst der Uringeruch.Asanin sagt: «Wenn du hier arbeitest, fühlst du dich, als lebtest du in der Szene.» Die Szene hat sich in den letzten Jahren hier, mitten im Zürcher Kreis 1, herausgebildet. Und wird nun zunehmend zum Problem: In den letzten Monaten ist sie gemäss Schilderungen von Anwohnerinnen und Gewerbetreibenden grösser geworden. Und deutlich aggressiver.Die Entwicklung steht vor allem mit einer Droge in Verbindung: Crack. Die schnell süchtig machende Substanz lässt die Konsumenten enthemmter und aggressiver werden. Deshalb belasten offener Konsum, Drogenhandel, Beschaffungskriminalität sowie Gewalt die Quartiere mehr und mehr. Und sorgen in den Quartieren für Beunruhigung.Die Gessnerallee ist nicht der einzige Ort in Zürich, an dem sich die Lage in den letzten Monaten zugespitzt hat. Vier besonders belastete Orte hat die Stadt nun zu Brennpunkten erklärt, wie es in einer Mitteilung vom Dienstag heisst. In den betroffenen Gebieten ist eingetreten, was die Stadt immer verhindern wollte: Szenen, an denen sich Dealer tummeln und Süchtige offen konsumieren.Es sind die Gebiete rund um die Bäckeranlage, das Kasernenareal, das Gleis 3 beim Hauptbahnhof, die angrenzende Gessnerallee sowie abends den Schanzengraben. Dort haben die Behörden die Polizeipräsenz seit rund einer Woche verstärkt. Zudem sind auch Mitarbeiter der aufsuchenden Sozialarbeit SIP vermehrt an den Standorten unterwegs.Zu den Massnahmen gehören gemäss Mitteilung der Stadt Patrouillen, Personenkontrollen, Wegweisungen bei Störungen der öffentlichen Ordnung sowie eine härtere Gangart gegen den Drogenhandel.Die Sicherheitsvorsteherin Karin Rykart sagt gegenüber der NZZ, der Crack-Konsum habe in den Sommerwochen spürbar zugenommen. Die Polizei spreche pro Woche mehrere Dutzend Wegweisungen aus. «Wir wollen die Süchtigen von der Strasse bringen. Darum tolerieren wir weder Drogenkonsum noch Handel im öffentlichen Raum.»Bis zu 400 Süchtige ordnen die Behörden der Drogenszene in der Zürcher Innenstadt zu. Rund die Hälfte von ihnen kommt von ausserhalb der Stadt. Die Situation lässt viele Anwohner aus den betroffenen Quartieren frustriert zurück. Sie fühlen sich von den Behörden im Stich gelassen. Der Tenor bei den Kritikern lautet: Die Stadt reagiere viel zu spät und zu wenig konsequent.Die Sicherheitsvorsteherin Rykart wehrt sich gegen diese Kritik. Sie sagt: «Wir sind permanent dran, aber es ist eine Sisyphusarbeit.» Die Crack-Schwemme stelle jedoch nicht nur Zürich, sondern Städte in ganz Europa vor Probleme. Und in diesem Sommer habe sich die Situation aufgrund der hohen Temperaturen zusätzlich verschärft.Der Konsum finde deshalb viel mehr im öffentlichen Raum statt, sagt Rykart. Mit den zusätzlichen Massnahmen wolle man dem nun entgegenwirken. Langfristig brauche es aber andere Lösungen. «Mit der Erhöhung der Polizeipräsenz allein bringt man die Szene nicht weg.»Anlaufstellen kommen an ihre KapazitätsgrenzenDie Stadt setzt auf Kontakt- und Anlaufstellen, wo Süchtige legal konsumieren können. Allerdings stossen diese inzwischen an ihre Kapazitätsgrenzen, rund 220 Personen konsumieren dort täglich. Die Stadt ist deshalb seit längerem auf der Suche nach einem vierten Standort. Man suche mit hoher Priorität, weil man so schnell wie möglich einen vierten Standort brauche, heisst es beim zuständigen Sozialdepartement.Bei der Klopstockwiese im Quartier Enge hat die Stadt zudem eigens einen Triage-Raum für Süchtige eröffnet. Dort werden auch Abhängige von ausserhalb betreut, die sonst in den städtischen Drogenanlaufstellen keinen Zugang haben. Doch genutzt wird das Angebot bis jetzt erst mässig. Die Stadt schreibt, etwa 20 bis 25 Personen nutzten das Angebot regelmässig. Trotzdem beurteilt das Sozialdepartement die bisherige Entwicklung als positiv. «Es gelingt, bislang schwer erreichbare und stark suchtbelastete Menschen anzusprechen und in Beratungsgespräche zu bringen.»Insgesamt gleicht der Umgang der Stadt mit den Süchtigen einem Katz-und-Maus-Spiel: Lässt der Druck der Stadt nach, ist die Szene gleich wieder da.Dafür ist das Beispiel Gessnerallee bezeichnend. Bis vor einem Jahrzehnt war es hier ruhig: eine Tramwendeschlaufe der VBZ, eine Durchgangsstrasse, in den Häusern vereinzelte Ladengeschäfte, Bürogebäude und ein paar Wohnungen, die meisten im Besitz der Stadt.Dann veränderten sich zwei Dinge. Zuerst bauten die SBB 2015 einen neuen Aufgang vom Shop-Ville her. Und dann legte 2017 das Zentrum für Suchtmedizin Arud hier mehrere Filialen an einem zentralen Ort zusammen.Seither beobachteten Anwohner, wie sich die Drogenszene langsam ausbreitete. Auch, weil Abhängige einen Teil der Substanzen, die ihnen bei der Drogenabgabestelle Arud abgegeben werden, weiterverkaufen. Es handelt sich dabei um Ersatzmedikamente wie Methadon.Der Weiterverkauf sei zwar verboten, doch man könne leicht beobachten, dass sich die Süchtigen nicht daran hielten, sagt Bruno Exposito. Er führt seit 2014 das Restaurant Schützengasse, das direkt neben der Abgabestelle liegt.Exposito empfindet für die Abhängigen Mitleid. Zum Beispiel für jene hochschwangere Frau, die er im Innenhof der Liegenschaft antraf, als sie sich gerade eine Spritze setzte. Er hat auch Verständnis dafür, dass eine Drogenabgabestelle irgendwo sein muss. Und auch für die Arbeit der Arud findet er viele lobende Worte.Doch er sagt auch: «Es muss Lösungen geben, dass dies nicht zu unserem Problem wird. Es ist doch nicht tolerierbar, dass mitten im Kreis 1 offen mit Drogen gehandelt wird.»Die Polizeieinsätze verliefen sehr unbefriedigend, sagt Exposito. Rufe man an, dauere es oft mehr als eine Stunde, bis die Polizei da sei. Dann zögen sich die Dealer und Abhängigen ins Shop-Ville zurück – um nur Minuten nach einem Polizeieinsatz zurückzukehren.Die bessere Polizeipräsenz, die die Stadt angekündigt hat, ist aus Sicht der Anrainer bitter nötig. Melanie Stierli, die an der Gessnerallee seit zwölf Jahren ein Kosmetikstudio führt, sagt: «An der Bahnhofstrasse würde eine solche Situation nicht toleriert.» Die Stadt müsse für Sicherheit und Ordnung sorgen, dafür bezahle man Steuern. «Die offene Drogenszene rund um den Hauptbahnhof muss jetzt konsequent aufgelöst werden.»Und Kristian Asanin, der Mann mit dem Jobvermittlungsbüro, sagt: «Am besten wäre eine Polizeiwache direkt vor Ort.»Thilo Beck, Co-Chefarzt Psychiatrie beim Arud, sagt: «Wir tun alles, um den Weiterverkauf von Medikamenten einzuschränken.» Von 5000 Patientinnen und Patienten, die das Zentrum regelmässig aufsuchten, seien es etwa 50, bei denen man in dieser Hinsicht Probleme habe. Der Grossteil sei stabil und integriert, die Mitgabe von Medikamenten sei für sie wichtig, um den Alltag zu bewältigen.Wenn man feststelle, dass jemand deale, werde die Abgabe umgehend eingestellt, sagt Beck. Für die Kontrolle sei unter anderem eine Security besorgt, die man selbst finanziere. Diese dürfe aber nur rund um die Liegenschaft kontrollieren. Darüber hinaus sei man auf die SIP und die Polizei angewiesen.Crack sei seit diesem Sommer eine neue, enorme Herausforderung, sagt Beck. Treiber der offenen Drogenszenen sei das enorme Überangebot an Kokain. Zudem seien neu auch Kokainsteine auf dem Markt, die rasch konsumierbar seien.Ein grosses Problem sei die Aggression als Begleiterscheinung – auch für die Patientinnen und Patienten des Arud, die Überfälle auf sie beklagten, sagt Beck. Mehr Kapazitäten in den städtischen Konsumräumen seien zwar ein möglicher Beitrag. Aber noch suchten alle Beteiligten nach Antworten.Passend zum Artikel