Im WC der Bäckeranlage kommt es zu einer Gruppenvergewaltigung. Ein Anwalt sagt: «Das ist der neue Platzspitz light»Ein Verbrechen im berüchtigten Park wirft ein Schlaglicht auf die offene Drogenszene in Zürich. Die Stadt verspricht seit Jahren Besserung – doch Anwohner und Eltern sind zunehmend frustriert.21.05.2026, 05.00 Uhr7 LeseminutenIllustration Ida Götz / NZZAm Rande der Bäckeranlage im Zürcher Langstrassenquartier, keine zehn Meter hinter dem Kinderplanschbecken, steht ein kleines Gebäude mit Satteldach. Darin sind die öffentlichen Toiletten untergebracht. An einem Samstag im Juni, kurz nach Mitternacht, steht dort eine Frau. Sie ruft: «Vergewaltigung!» Im Innern, auf der WC-Schüssel, liegt eine andere Frau, die keine Hosen mehr anhat.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ihre Beine sind gespreizt. Sie ist bewusstlos. Die Zeugin, die Alarm schlägt, berichtet später von zwei Männern mit entblösstem Hinterteil. Nacheinander hätten sie sich im WC an dem bewusstlosen Opfer vergangen. Sie entkommen unerkannt.Ein dritter Mann tritt hinzu. Er hält der schreienden Zeugin eine Portion Kokainsteine hin. Sie solle ruhig sein.Er betritt das WC. Dort berührt er die Brüste der bewusstlosen Frau und führt seine Finger in ihre Vagina ein. Als er die WC-Türe wieder öffnet, empfängt ihn die herbeigerufene Polizei.Die Tat aus dem Jahr 2024 wurde am Dienstag vor dem Bezirksgericht Zürich verhandelt. Sie ereignete sich an einem Ort, an dem zu entstehen droht, was man in Zürich nie mehr haben wollte: eine offene Drogenszene, diesmal mitten in einem Wohnquartier.In der Bäckeranlage gab es lange ein Auskommen zwischen Randständigen und Familien. Aber neue Drogen wie Crack und Free-Base-Kokain machen die Konsumenten enthemmter und aggressiver. Für Anwohnerinnen und Anwohner, insbesondere Eltern, wird die Situation zunehmend unerträglich.Das Opfer hatte 3,5 Promille im BlutVor Gericht sagt der Anwalt des Beschuldigten: «Was soll er schon in der Bäcki gemacht haben? Das ist der neue Platzspitz light. Dort wird gekokst und gespritzt. Dort hält man es nicht aus, wenn man nicht betrunken oder high ist.»Das spätere Opfer habe er auf der Bäcki-Wiese kennengelernt, sagt der Beschuldigte selbst. Am frühen Abend hätten sie zu dritt eine Flasche Whiskey geleert, dann habe er an der Langstrasse Nachschub besorgt, Wodka. Auf dem WC will er sie wiedererkannt haben, der Sex sei einvernehmlich gewesen.Die Frau hatte über 3,5 Promille im Blut. Werte ab 3 Promille gelten als tödlich. Sie war damals schwer alkoholkrank und erinnert sich gemäss ihrer Anwältin nur noch daran, wie sie an jenem Sommerabend auf der Bäcki-Wiese gelegen sei. Im Krankenhaus kam sie wieder zu sich. Von der Mehrfachvergewaltigung ist sie schwer traumatisiert, sie hatte Suizidabsichten und hat Wochen in einer psychiatrischen Klinik verbracht.Der Beschuldigte ist ein vorläufig aufgenommener Afghane. Zum Tatzeitpunkt war er 27 Jahre alt, seit 12 Jahren in der Schweiz, und lebte von Temporärjobs. Eine Lehre hat er nicht gemacht. Vor Gericht sagt er, heute habe er die Drogen hinter sich gelassen, er wünsche sich ein gutes Leben in der Schweiz. Das Gericht verurteilt ihn wegen Schändung zu 30 Monaten Freiheitsstrafe. Danach wird er für 8 Jahre des Landes verwiesen.Bei dem Fall dürfte es sich um eine der schwersten Straftaten handeln, die bis anhin im Drogenumfeld der Bäckeranlage dokumentiert sind. Bekannt ist hingegen, dass hier ein Raum entstanden ist, in dem Kriminalität normal, ja toleriert ist. Mit Drogenhandel, Drogenkonsum, Schlägereien, Sex in aller Öffentlichkeit. Daran hat sich auch zwei Jahre nach der Tat wenig verändert.Nach den ruhigen Wintermonaten beginnt die Szene wieder anzuwachsen. Bis zu 400 Süchtige ordnet die Stadtpolizei der Drogenszene im Kreis 4 zu. Manche richten sich häuslich ein: Jemand hat kürzlich ein Sofa in den Park geschleppt.Ein funktionierendes Rezept gegen die kleine, aber hartnäckige Drogenszene haben die städtischen Behörden bisher nicht gefunden.Zwar haben sie ein paar Kilometer entfernt, bei der Klopstockwiese, eigens einen Triage-Raum für Süchtige eröffnet. Dort werden erstmals auch Abhängige von ausserhalb betreut, die sonst in den städtischen Drogenanlaufstellen keinen Zugang haben. Die Stadt schreibt, seit Oktober seien 165 Beratungsgespräche geführt worden, und etwa 20 bis 25 Personen nutzten das Angebot regelmässig. In rund 20 Fällen habe man «erste Kontakte zu den Herkunftsgemeinden» herstellen können.Von einer Entlastung durch die neue Einrichtung, auf der anderen Seite der Stadt gelegen, spüre man allerdings wenig, lautet der Tenor unter Anwohnerinnen und Anwohnern.Eine Mutter wehrt sichDie Situation lässt viele frustriert zurück. Jetzt haben Eltern eine Petition aufgesetzt: «Wie lange akzeptieren wir noch Drogenkonsum neben der Schule?» Die Rede ist in der Petition von Dealerstrukturen, aber auch von Belästigungen und Übergriffen auf Kinder. Rund 200 Leute haben sie unterschrieben.Die Frau, die die Petition lanciert hat, heisst Diana Chagoya, ist 40 Jahre alt und von Beruf Geschäftsleitungsassistentin. Seit 15 Jahren wohnt sie an der Bäckeranlage. Die Eltern begleiten ihren Sohn jeden Morgen in die Primarschule. Er habe Angst vor Begegnungen mit Menschen, die sichtbar unter Drogeneinfluss stünden.Wenn Chagoya über die Situation spricht, wird ihr Ton kämpferisch. Sie sagt: «Es ist nicht in Ordnung, dass Schüler Angst haben, in die Schule zu gehen. Oder dass sie nicht allein in die Bäcki gehen können.» Eine Bekannte von ihr sei mit ihrer Tochter rüde angepöbelt worden.Chagoya hat in den letzten Jahren einiges erlebt. Einmal sei ein Mann völlig zugedröhnt und splitternackt im Kinderplanschbecken gelegen. Sie habe ihn höflich aufgefordert, zu gehen. Zurückgekommen seien Beleidigungen.Wenn man Vorfälle melde, reagiere die Polizei zwar meist, sagt Chagoya – aber oft sei die Situation bei deren Eintreffen bereits vorbei. Viele seien frustriert und meldeten Vorfälle schon gar nicht mehr.Auch die Schule lasse es an Tatkraft vermissen. In diesen Frühlingsferien wollte Chagoya ihren Sohn vom Hort abholen. Auf dem Weg dorthin sei ihr aus der Mädchentoilette eine Frau mit einer Crackpfeife entgegengekommen. Die Frau sei erst gegangen, als sie mit der Polizei gedroht habe.Als sie dann das Betreuungspersonal informiert habe, habe man ihr gesagt, die Frau sei zuvor im Gebäude unterwegs gewesen, und man habe ihr die Räumlichkeiten «erklärt». Die Stadt stellt den Vorfall anders dar: Die Frau sei rasch aus dem Schulhaus begleitet worden.Chagoya fordert, dass die Benutzung des öffentlichen WC kostenpflichtig werden müsse – es sei schliesslich ein Drogenumschlagplatz. Sie wünscht sich eine deutlich stärkere und dauerhafte Präsenz der Polizei. Womöglich brauche es auch mehr Tagesstrukturen für die Suchtkranken. Aber für sie ist klar: «Wenn man eine offene Drogenszene akzeptieren will, dann bitte nicht im direkten Umfeld von Schulen und Familien.»Anwohner leiden unter wüsten SzenenDie NZZ hat mit weiteren Eltern und Anwohnern gesprochen. Ihre Schilderungen lassen aufhorchen: Kinder erleben, wie im Restaurant des Quartierzentrums Bäckeranlage ein Mann ausflippt und von mehreren Mitarbeitenden zu Boden gedrückt werden muss. Ein anderer defäkiert mitten im Feierabend vor dem Coop an der Hohlstrasse auf den Boden.Kinder erleben, wie sich Randständige auf dem Pausenplatz prügeln, wie auf der Kernstrasse beim Schulhaus offen gedealt, gebettelt und Crack konsumiert wird. Bei einem Augenschein vor Ort bestätigen sich derlei Szenen.Manchmal betreten Süchtige das Schulgelände, manche urinieren vor der Schule, oder es kommt zu Sex in der Öffentlichkeit. Süchtige halten sich auch in privaten Treppenaufgängen, Hauseingängen und Garagen auf.Ein Vater im Quartier, der nicht namentlich genannt werden möchte, sagt, Eltern müssten oft als Schutzschilde herhalten: Sie versuchten, heikle Situationen mit Süchtigen im Gespräch zu lösen. Doch der Satz «Bitte nicht hier, das ist ein Schulgebiet» werde gerne mit einem Flaschenwurf beantwortet. Er hat die Petition mitunterschrieben.Gedealt werde nicht nur im Park, sondern auch in den umliegenden Strassen – ausgerechnet dort, wo Kindergartenkinder und Primarschüler zwischen Mittagshort und Schule pendeln. Den Vater stört, dass die Stadt gerne von «Nulltoleranz» spreche, diese aber nicht durchsetze.Wenn eine Abgabestelle beispielsweise zulasse, dass vor der Haustüre konsumiert werde, sei dies falsche Toleranz. Das Problem gehe über die Bäckeranlage hinaus. Er nennt die Gessnerallee beim Hauptbahnhof als Beispiel. Tatsächlich wird dort offen konsumiert und gedealt.Es gibt auch Eltern, die die Situation gelassener wahrnehmen. Johann Weichbrodt ist Vorstandsmitglied des Elternrats der Schule Aussersihl. Er sagt, unter Eltern seien die Einschätzungen sehr unterschiedlich. Je nach Wohnort seien sie auch unterschiedlich stark betroffen. «Es würde wohl niemand sagen, dass es gar kein Problem sei. Aber es ist auch nicht so, dass die Kinder in ständiger Angst sind.»Weichbrodt bemüht sich im Gespräch, die Balance zu halten – er will die Verhältnisse nicht skandalisieren, aber auch nicht bagatellisieren. Er betont: «Die meisten Eltern leben sehr gerne hier.» Zum Leben in der Stadt gehöre Koexistenz mit anderen Gruppen. Aber natürlich dürften gewisse Grenzen nicht überschritten werden.Als Elternrat organisiere man Info-Veranstaltungen, um Eltern zu helfen, wie sie mit Situationen in der Bäckeranlage umgehen könnten. Die städtischen Stellen seien seinem Eindruck nach aktiv und engagiert. «Klar, zufrieden sind wir nicht – aber wir kommen nur weiter, wenn wir mit allen Stellen kooperativ zusammenarbeiten.»Die Versuchung ist gross, Anwohner, die sich wehren, als Naivlinge abzutun, die in ein belastetes Quartier gezogen sind und sich nun beklagen. Doch dies würde Leuten wie Diana Chagoya nicht gerecht. Sie sagt, die Situation habe sich verändert. Bei den Randständigen handle es sich nicht mehr in erster Linie um Alkoholiker, sondern um Crack-Konsumenten, deren Verhalten deutlich unberechenbarer sei.Stadt sieht sich für den Sommer vorbereitetChristian Fust, der seit über zwanzig Jahren rund um die Bäckeranlage wohnt, sieht das ähnlich. Die Anwohner hier «wissen, wo sie wohnen» – die Prostitution und das Nachtleben seien schon immer im Quartier verankert gewesen. Aber die jetzige Situation mache Angst. Er sagt: «Das Gewaltpotenzial der Beteiligten in der Drogenszene hat massiv zugenommen. Ich meide bereits gewisse Ecken im Quartier.» Er fordert mehr Polizeipräsenz und eine langfristige Lösung des Problems.Die Stadt schreibt auf Anfrage, die Wahrnehmungen im Quartier gingen auseinander. Tatsache aber sei, dass rund um die Schulen suchtbetroffene Menschen sichtbar seien. Zwischen den Schulhäusern rund um die Bäckeranlage sei derzeit ein Sicherheitsdienst präsent.Die Schule thematisiere, wie Kinder auf Fremde reagieren sollten. Auch unterstütze die Stadt Eltern und Mitarbeitende im Umgang mit derlei Situationen. Dazu dienen soll auch ein Flyer. Darauf steht zum Beispiel unter dem Punkt, wie man reagieren solle, wenn einen ein Drogenabhängiger anspreche: «Anstarren vermeiden. ‹Sie› statt ‹Du›.»Laut der Stadt werden Konsum und Handel im öffentlichen Raum «nicht toleriert». Süchtige würden weggewiesen und an Konsumräume verwiesen. Die Stadt sieht sich für den Sommer vorbereitet. «Grundsätzlich hat sich die Lage auf der Bäckeranlage aufgrund verschiedener ergriffener Massnahmen beruhigt.»Die Bäckeranlage wurde vor 126 Jahren angelegt und 1938 saniert. Der Park gehörte den Anwohnern – bis in den 1990er Jahren «Randgruppen die Quartierbevölkerung immer stärker zu verdrängen drohten», wie es in einem Bericht der städtischen Gartendenkmalpflege heisst. Der Park war also ursprünglich für die Quartierbevölkerung gedacht. Sie sollte sich hier unbeschwert aufhalten können.Davon ist man derzeit weit entfernt.Passend zum Artikel