Ständige Kontrollen von Crack-Konsumenten: Die SVP will die Drogenszene in der Bäckeranlage auflösen. Damit stösst sie auf breiten WiderstandDie bisherigen Massnahmen greifen bei neuen Drogen nicht mehr. In der Zürcher Politik wird deshalb die Forderung laut, härter gegen die Süchtigen vorzugehen.31.05.2026, 05.00 Uhr4 LeseminutenEin Mann schläft frühmorgens auf der Wiese in der Bäckeranlage: Mit dem offenen Drogenkonsum hat sich auch die Sicherheitslage im Quartier verschärft.Valeriano Di Domenico für NZZNicht nur der offene Drogenkonsum, sondern auch die damit einhergehenden Szenen sind rund um die Zürcher Bäckeranlage Alltag geworden: Randständige, die sich auf dem Pausenplatz prügeln. Ein Mann, der im Quartierzentrum ausflippt. Einer, der mitten im Feierabend vor dem Coop defäkiert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Anwohnerinnen und Anwohner, unter ihnen viele Eltern, beobachten dies mit zunehmender Besorgnis. Über 200 Personen haben eine Petition aufgesetzt: «Wie lange akzeptieren wir noch Drogenkonsum neben der Schule?»Politische Antworten sind daher gefragt. Auch im Gemeinderat sorgte die Situation rund um die Bäckeranlage jüngst für Diskussionen. Die SVP forderte in einem Postulat, die offene Drogenszene aufzulösen, und zwar durch ständige Personenkontrollen und Wegweisungen von Crack-Konsumenten.Die Probleme hätten sich längst ins Quartier ausgebreitet, begründete der Stadtparlamentarier Michele Romagnolo den Vorstoss. Anwohner klagten über offenen Konsum, Abfall und ein sinkendes Sicherheitsgefühl. Aber statt stärker zu kontrollieren, «will der Stadtrat die Bevölkerung offenbar an die Situation gewöhnen», sagte Romagnolo. Es brauche nun dringend ein Umdenken und konsequentere Massnahmen.Ein «nicht seriöser» VorschlagFür den Vorschlag gab es im Parlament indes kaum Zuspruch. Das Problem sei zwar real, räumte Nicolas Cavalli (GLP) ein. Aber die Stadt anerkenne dies auch und setze auf das bewährte Vier-Säulen-Modell, «für das die Schweiz in der ganzen Welt bewundert wird». Repression gehöre zwar auch dazu, «aber sie ist bloss eine der Säulen».Die SP lehnte das Postulat aus den gleichen Gründen ab: «Der Vorschlag der SVP ist nicht seriös», sagte Fanny de Weck. Einfach nur auf Repression zu setzen, funktioniere nicht, «schauen Sie sich einmal die Situation in den USA an».Ein Polizeiauto fährt durch die Bäckeranlage: Die SVP forderte in einem Postulat, die offene Drogenszene aufzulösen, und zwar durch ständige Personenkontrollen.Andrea Zahler / CH MediaZur Sprache kam auch der sogenannte Raum für Konsum und Triage, den die Stadt auf Initiative von Raphael Golta (SP) einige Kilometer von der Bäckeranlage entfernt eröffnet hat. Seit Oktober werden dort erstmals auch Abhängige von ausserhalb betreut, die sonst in den städtischen Drogenanlaufstellen keinen Zugang haben.Der neue Raum bei der Klopstockwiese sei sinnvoll, befand die Stadtparlamentarierin und Ex-Stadtratskandidatin Karin Weyermann (Mitte). Sie appellierte an die SVP, auf die Gemeinden einzuwirken, damit auch diese Angebote für Drogenabhängige schüfen. Solange es diese nicht gebe, bringe es nichts, die Auswärtigen zurück in ihre Gemeinden zu schicken. «Sie stehen dann schon am nächsten Tag wieder hier.»Kritik an der «Pflästerlipolitik» der StadtZwar ist die städtische Drogenpolitik in verschiedenen Departementen angesiedelt. Für eine Auflösung der Drogenszene wäre jedoch primär die Sicherheitsdirektion unter Karin Rykart zuständig. Sie verteidigte das Vorgehen der Stadt.Die Polizei sei vor Ort und werde die Präsenz in den Sommermonaten erhöhen. Letztes Jahr habe diese Massnahme Wirkung gezeigt. Nicht alle Herausforderungen könnten aber von der Polizei allein bewältigt werden. Es brauche zusätzliche Massnahmen wie den Konsum- und Triage-Raum, der bereits eine gewisse Entlastung gebracht habe. Kurz: Das im September eingereichte Postulat sei überholt, unnötig und einseitig.Am Ende wurde der SVP-Vorstoss klar abgelehnt mit 76 zu 32 Stimmen. Etwas Unterstützung gab es einzig von der FDP. Von den Freisinnigen äusserte sich im Ratssaal aber niemand.Die Stadtparlamentarierin Marita Verbali (FDP) war in den 1990er Jahren Mitarbeiterin einer Drogeninstitution. Bei der kantonalen Gesundheitsdirektion war sie zudem für Angebote für Suchtkranke verantwortlich. Sie sagt auf Anfrage: «Wir unterstützen die Auflösung der Drogenszene als langfristiges Ziel, aber Repression kann nicht das einzige Mittel sein.»Auch sie und die Partei stünden nach wie vor hinter der Vier-Säulen-Politik der letzten dreissig Jahre, sagt Verbali. «Doch bei Drogen wie Crack und Freebase stösst sie an ihre Grenzen.»Die Süchtigen müssten häufiger konsumieren, die Drogenszene sei dadurch rauer, härter, gefährlicher geworden. Die Stadt habe die Warnungen aus der Bevölkerung zu lange ignoriert. Sie müsse jetzt eine «umfassende, departementsübergreifende Strategie» entwickeln – anstatt die «bisherige Pflästerlipolitik» fortzusetzen.Als Teil der «bisherigen Pflästerlipolitik» sieht Verbali etwa die Flyer an, welche die Stadt an Kinder und Eltern verteilt. «Anstarren vermeiden. ‹Sie› statt ‹Du›», steht darauf zum Beispiel. Sensibilisierung sei zwar wichtig, dennoch sei die Flyeraktion grenzwertig: «Die Verantwortung wird auf die Kinder verschoben, anstatt dass sie geschützt werden.»Ebenfalls kritisiert die FDP-Politikerin die Triagestelle, die ihre Kollegen von der Mitte und den linken Parteien als «sinnvoll» erachten. Sie greife zu kurz: «Entweder müssten die Süchtigen vierzig Minuten dorthin laufen – oder aber die gesamte Szene verschiebt sich.»Es sei klar, dass die Polizeipräsenz nun erhöht werden müsse. Der rot-grüne Gemeinderat sei hier gefordert, die nötigen Ressourcen zu sprechen. Aber es brauche auch «innovative Ideen». Sie sei überzeugt, dass Zürich offen für neue Formen der Drogenpolitik wäre.Eine schnelle Lösung hat jedoch auch Verbali nicht zur Hand. Die besorgten Anwohnerinnen und Anwohner der Bäckeranlage müssen weiterhin auf politische Antworten warten.Passend zum Artikel