Jonas Vingegaard ist nicht mehr dabei. Er ist in einem Kreisverkehr gestürzt. Und so etwas kommt nun mal vor. Da muss nicht unbedingt jemand schuld daran sein. Ich meine, Kreisverkehre gibt es überall. Wir fahren jeden Tag gefühlt durch Hunderte davon. In dem Moment war es vielleicht eine Unachtsamkeit, vielleicht war das Tempo auch nicht ganz an die Kurve angepasst. Dann ist Jonas leider weggerutscht. Das ist auf jeden Fall mega ärgerlich.Viele Rennfahrer haben auf ihrem Radcomputer eine Karte. Ich zumindest habe sie. Da sieht man unterwegs, was ungefähr auf einen zukommt, und kann das ein bisschen einschätzen. Klar, wenn man dem Vordermann komplett vertraut und auf derselben Linie fährt, ist man auf diese Linie festgelegt. Aber auch in den TV-Aufzeichnungen habe ich nichts gesehen, was auf einen gravierenden Fehler der ersten ein, zwei Fahrer hindeuten würde.Was uns betrifft: Die ersten beiden Wochen der Tour waren für unser Team durchwachsen. Wir hatten Pech auf der zwölften Etappe, bei der ich Pavel Bittner ideal am Hinterrad von Olav Kooij abgeliefert hatte. Dann kam es auf der Zielgeraden zu einem Massensturz, in den auch Pavel verwickelt war. Er hat ziemlich schwere Verletzungen davongetragen, und wir haben durch diesen Sturz leider eine große Chance verpasst. Pavel war perfekt positioniert. Da wäre für uns einiges möglich gewesen. Das war schon äußerst ärgerlich. Wenn man es realistisch betrachtet, war das unsere letzte ernsthafte Sprintchance.„Wir dürfen den Kopf nicht in den Sand stecken“Aber damit müssen wir jetzt umgehen. Wir dürfen den Kopf nicht in den Sand stecken und müssen schauen, dass wir im Rennen bleiben. Wir können nicht nur noch hinten herumfahren und gar nichts mehr probieren. Dann könnten wir auch gleich nach Hause fahren. Das will aber keiner von uns. Wir versuchen deshalb, uns im Rahmen unserer Möglichkeiten noch zu zeigen und zu präsentieren. Dann schauen wir, was in der letzten Woche noch möglich ist.Die Etappe am Mittwoch haben sich viele Teams als allerletzte Chance ausgesucht. Vom Profil her können sich dort viele etwas ausrechnen. Alles, was danach kommt, ist entweder komplettes Hochgebirge oder am Ende Paris. Das ist noch einmal eine ganz andere Hausnummer. Auch wir werden die Mittwochsetappe als unsere Chance ansehen und versuchen, sie zu nutzen. Dann schauen wir, was noch möglich ist. Ob es am Ende zu einem Sprint kommt oder ob eine Gruppe durchkommt, muss man sehen.Für mich wird es die letzte Tour de France sein. Auch deshalb versuche ich, jeden Moment noch einmal so sehr zu genießen, wie es nur geht – egal, wie hart er ist. Es wird mit Sicherheit auch Momente geben, in denen ich Gänsehaut bekomme. Zum Beispiel, wenn wir durch ein Zuschauerspalier fahren, wie zuletzt in den Vogesen. Das war einfach gigantisch. Ich versuche, jeden Moment aufzusaugen. Denn diese Momente werden höchstwahrscheinlich nie wiederkommen. Dessen bin ich mir bewusst.Ob ich die beiden extrem harten Etappen am Freitag und Samstag genießen kann, hängt davon ab, wie das Rennen verläuft und was an den Tagen davor passiert ist. Von den beiden Etappen macht mir die kürzere am Freitag am meisten Sorgen. Da wird es definitiv einen großen Kampf um das Zeitlimit geben. Je kürzer die Etappe ist, desto weniger Zeit hat man hinten. Das Zeitlimit wird ja anhand von Prozenten berechnet. Bis jetzt sind wir, toi, toi, toi, ganz solide durchgekommen. Es gab zwar zweimal eine Etappe, bei der wir nur noch fünf Minuten Puffer hatten. Aber fünf Minuten sind immer noch fünf Minuten. Deshalb war bislang alles kontrolliert und noch im Rahmen.„So schnell ist die Tour geworden“Als erfahrener Profi bin ich im Gruppetto auch schon gefragt, wenn es darum geht, im Zeitlimit zu bleiben. Wichtig ist dabei, dass wir vom Sportlichen Leiter aus dem Auto ausreichend darüber informiert werden, wie groß der Abstand ist. Der Unterschied zu früher ist, dass es mittlerweile kaum noch Etappen gibt, bei denen eine Ausreißergruppe durchkommt. Wenn vorne eine Gruppe ankommt, verliert man hinten meistens nicht mehr ganz so viel. Wenn die Gesamtklassementfahrer vorne aber komplett durchziehen, verliert man am Berg extrem viel. Wir drücken hinten auch aufs Tempo und verlieren dann trotzdem eine Menge Zeit. Früher galt die Faustregel: Wenn man im Gruppetto anständig fährt, verliert man eine Minute pro Kilometer. Heute sind es teilweise zwei. So schnell ist die Tour geworden.Aufgezeichnet von Michael Eder.