Niemand beim ZDF hat ihm gesagt: «Mensch, Tommy, lass mal.» Ein Film rechnet mit dem Sexismus grosser deutscher Entertainer abDer Dokumentarfilm «Was haben wir gelacht» stellt Moderatoren wie Thomas Gottschalk oder Harald Schmidt nachträglich an den Pranger. Trifft er damit auch das Wesen jener Zeit, der neunziger Jahre? Oder misst er die Vergangenheit an den Moralvorstellungen der Gegenwart?21.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIn eine Kultur vorgedrungen, die vom «Herrenwitz» definiert war: die Komikerin Hella von Sinnen.Thomas Lütz / ZDF / Basis Berlin FilmproduktionEs ist gut, dass der Mensch vergisst. Er kann sich um seine Fähigkeit, zu verdrängen, glücklich schätzen. Das denkt man irgendwann, wenn man sich den Dokumentarfilm «Was haben wir gelacht» von Eva Müller und Isabel Schneider anschaut.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Darin blicken fünf bekannte deutsche Fernsehfrauen zurück auf eine Zeit, als im Unterhaltungsfernsehen die Männer das Sagen hatten. Witze über Frauen, offene Anmache und ungefragte Berührungen vor laufender Kamera gehörten dazu.Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Maren Kroymann, Gaby Köster und die etwas jüngere Esther Schweins machten sich in Deutschland einen Namen als Moderatorinnen, Kabarettistinnen, Komikerinnen und Schauspielerinnen. Sie mussten sich den Weg ins Fernsehen erkämpfen.Denn sie begnügten sich nicht mit dem Platz, der für Frauen vor der Kamera bis in die 1980er Jahre vorgesehen war: als Ansagerin oder Assistentin, die in erster Linie hübsch zu sein und zu lächeln hatte. Sie wollten das Publikum selber zum Lachen bringen mit ihrem weiblichen Humor. Dafür mussten sie in eine Kultur vordringen, die durch den «Herrenwitz» definiert war. Kaum jemand hinterfragte dies damals.Esther Schweins modelte auch. Ihr Aussehen wurde ständig kommentiert und bewertet.Thomas Lütz / ZDF / Basis Berlin FilmproduktionWer Humor definiere, habe die Macht, sind sie sich einig. Man spielte mit als Frau und lachte selber über die sexistischen Sprüche, wenn auch oft mit ungutem Gefühl.Heute nennt man es BodyshamingFür ihren Film forschten die Regisseurinnen in #MeToo-Manier in den Fernseharchiven nach fehlbarem Verhalten der grossen Entertainer der 1990er und nuller Jahre. Sie wurden, wenig überraschend, belohnt.Da wäre etwa Hugo Egon Balder, der seine Co-Moderatorin Hella von Sinnen in der Sendung «Alles Nichts Oder?!» mit den Worten vorstellt, auf ihren Körper anspielend: «Sie kennen Frau von Sinnen alle, das ist die kleine Schmale.» Heute würde man es Bodyshaming nennen. Giovanni di Lorenzo, der heutige Chefredakteur der «Zeit», kommentierte Esther Schweins’ Décolleté auf einem Magazin-Cover einst mit einer Lupe in der Hand. Das war in der «NDR Talk Show».Hans-Joachim Kulenkampff sagte in einer seiner Sendungen über eine junge Frau: «Kann ich mir die ausleihen?» – Packt sie und zwingt sie zum Paartanz. Harald Schmidt spuckt einem Model in seiner Late Show einmal in den Bauchnabel. Und immer wieder Thomas Gottschalk und seine Hand auf einem Frauenknie.Bettina Böttinger wurde 1995 von Harald Schmidt in seiner Show als lesbisch geoutet. Sie zahlte es ihm zurück.Thomas Lütz / ZDF / Basis Berlin FilmproduktionDer Klobrille-VergleichDie Bewegung, die #MeToo vor bald zehn Jahren angestossen hatte, führte dazu, dass es im Umgang zwischen Männern und Frauen nicht mehr viel verträgt. Umso mehr wecken solche Szenen ungläubiges Staunen und ja: Unbehagen. Das hat auch mit der Geballtheit zu tun: Eine Anzüglichkeit wird in dem Film an die andere gereiht. Das verfehlt die Wirkung nicht. «Es war alles noch viel übergriffiger, als man dachte», schreibt die «FAZ» in ihrer Kritik.Selbst wer mit den Samstagabendshows aufgewachsen ist, hat diese Kultur in ihrer Krassheit nicht mehr präsent. Weil man vergisst. Und weil man sich nichts dabei dachte. Das Auftreten der Showmaster, das heute keine Frau mehr tolerieren würde, sorgte für verlässliche Quoten. Man nahm es nicht als grenzwertig wahr: Es war eine andere Zeit.Harald Schmidt ging mit seinem Humor immer hart an die Grenzen. In seiner WDR-Sendung «Schmidteinander» im Mai 1991.WDRInteressanterweise geht es den Protagonistinnen im Film genauso: Sie scheinen vieles vergessen zu haben. «Man verdrängt unangenehme Dinge», sagt die Kabarettistin Kroymann. Ihre Gesichter, auf die die Kamera gerichtet ist, wirken sprachlos, wenn sie sich die alten Sendungen ansehen. «Unglaublich!», heisst es von ihnen mehrfach.Dann wird ihnen die Szene vorgeführt, in der Harald Schmidt 1995 ins Publikum fragt: «Was haben die Zeitschrift ‹Emma›, eine Flasche Eierlikör, eine Klobrille und Böttinger gemeinsam? Kein Mann würde sie anfassen». «Warum muss ich mir das anschauen?», ruft von Sinnen empört. «Was soll das? Macht das aus.» Gaby Köster kommentiert Schmidts Witz mit dem Satz: «Was für arme Seelen.»Hat bloss Verachtung übrig für das Verhalten mancher männlicher Berufskollegen: die Komikerin und Schauspielerin Gaby Köster.Thomas Lütz / ZDF / Basis Berlin FilmproduktionSchmidt outete Böttinger damit unfreiwillig als lesbisch. Diese rächte sich an ihm in einer seiner nächsten Shows. Sie sagte ihm ihre Meinung, wie verletzt er sie habe, stand mitten im Gespräch auf und verliess das Studio. Esther Schweins beginnt zu weinen, als ihr die Szene vorgeführt wird. Aus Wut und weil sie Böttinger für ihren Mut bewundert.Hella von Sinnen verteidigt GottschalkDie beiden Regisseurinnen sagen, sie wollten «nicht Witzepolizei sein». Trotzdem fragt man sich, was der Erkenntnisgewinn ihres Films ist. Dass Thomas Gottschalk seine weiblichen Gäste gerne angefasst hat, ist bekannt und war Gegenstand zahlreicher Debatten, auch er äusserte sich dazu. Nun liegt der Fokus erneut auf ihm.Jahrelang trug Gottschalk als Moderator von «Wetten dass . . .?» zum Erfolg des ZDF bei. Nun wird er im vom ZDF mitfinanzierten Dokumentarfilm als TV-Grabscher dargestellt. Das hat etwas Denunziatorisches.Obwohl Gottschalks Verhalten in «Was haben wir gelacht?» einmal mehr skandalisiert wird, tönt es in Interviews zum Film versöhnlicher. Maren Kroymann sagte dem «Spiegel», sie glaube Gottschalk, wenn er sage, der häufige Körperkontakt zu seinen Gästen auf der Couch sei «rein dienstlich» gewesen.Seine Gästen wussten meistens, mit wem sie es zu tun hatten, und konnten damit umgehen: Thomas Gottschalk mit dem Model Heidi Klum in einer «Wetten dass . . .?»-Sendung von 1999.ReutersAuch Hella von Sinnen verteidigt ihn. Gottschalk sei «ein gutaussehender Charming Boy» gewesen, «der Beliebteste», sagte sie der «Neuen Osnabrücker Zeitung». Er habe kein Regulativ gehabt: «Beim ZDF hat ihm niemand gesagt: ‹Mensch, Tommy, lass mal.›» Man habe ihm sein Verhalten nachgesehen, alle fanden es normal. «Ich unterstelle ihm noch nicht mal Frauenfeindlichkeit oder Sexismus.»Anders als Gottschalk können sich Rudi Carrell, Hans-Joachim Kulenkampff und Harald Juhnke nicht mehr wehren, wenn dieser Film nun auf sie zeigt. Sie sind tot. Misst man Zeitgenossen wie die alten Showmaster an heutigen Moralvorstellungen, scheitert jeder.Der viel beschworene BacklashDen fünf porträtierten Frauen ist zugutezuhalten, dass sie sich nicht nur als Opfer inszenieren. Immerhin erklären sie sich ihren Kampf um Gesehenwerden auch mit den ökonomischen und gesellschaftlichen Strukturen der damaligen Zeit.Auch Frauen machen sich über Sex lustig: Maren Kroymann in ihrer Satiresendung Nachtschwester «Kroymann» 1996.Radio BremenVerkürzt kommt die Argumentation aber wieder daher, wenn der Film den Bogen in die Gegenwart schlägt und behauptet, es finde ein Rückfall in die übergriffige Zeit von damals statt. Dies mache das Zeitdokument aktueller denn je. Von «massivem Backlash» spricht Hella von Sinnen, die Angst «grassiere» heute unter den Menschen, «sich zu outen oder zu sagen, wen sie lieben».Die Nachrichtenagentur DPA nennt den Film ein «beinahe schockierendes Dokument einer Zeit, die noch gar nicht lange vergangen ist – und womöglich längst dabei ist, zurückzukehren». Den Beleg dafür sehen Medien, die das ebenfalls behaupten, im TV-Kabarettisten Dieter Nuhr, der kürzlich mit einer aus dem Kontext gerissenen Aussage über Gewalt an Frauen für einen Aufschrei und tagelange Empörung sorgte.Ob Nuhr der Doku nicht einen Gefallen getan habe, als er «Femizide relativierte», fragte der «Spiegel» rhetorisch im Interview mit Maren Kroymann. Und sie: «Das passt jetzt zum Filmstart wirklich gut.»Jeder Fehltritt wird abgestraftMan möchte einwerfen: Die Männer, die bei Frauen vor der Kamera auf Erotik und gutes Aussehen setzten, sind längst weg. Kein Mann kann sich heute noch erlauben, was sich die im Film vorgeführten Moderatoren erlaubten. Das zeigt nichts besser als genau diese moralische Aufregung über Nuhr, dessen Witz und Humor in nichts mit der damaligen Herablassung gegenüber Frauen zu vergleichen ist.Denn die Versuche, jemanden beruflich zu vernichten und seine Absetzung zu fordern, wie es Nuhr erlebt, folgen sogleich. Wer einmal die Spur des politisch Korrekten verlässt, wird von Medien und digitalem Mob abgestraft.«Wir lachen seit kurzem besser», sagt Kroymann am Schluss dann doch, sie habe Hoffnung. Die Frauen bestimmen jetzt mit, was zum Lachen ist. Nach ihrer eigenen Definition haben sie also auch Macht.Passend zum Artikel