Gianni Infantino für das Business, Alain Berset für die Moral – wie sich ein ungleiches Schweizer Duo rund um den WM-Final profiliertDer Fifa-Präsident geleitet Donald Trump zum grossen Moment. Und der Generalsekretär des Europarats sieht für sich selbst einen grossen Moment gekommen.20.07.2026, 15.50 Uhr4 Leseminuten«Dieser World Cup wäre kein so unglaublicher Erfolg geworden ohne Sie»: Der Fifa-Präsident Gianni Infantino übergibt mit dem US-Präsidenten Donald Trump den Pokal an den Weltmeister.ReutersVor aller Augen, auf der Weltbühne des Fussballs, führten Gianni Infantino aus Brig und Alain Berset aus Belfaux eine sehr schweizerische Inszenierung auf. Die Kulisse: das WM-Finalwochenende in New York. Das Genre: eine Groteske. Möglicher Titel: Im Schatten der Grossen – vom Überleben der Kleinstaatler.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zuerst betrat Gianni Infantino die Bühne, der Präsident des Weltfussballverbands (Fifa). An der Seite des amerikanischen Präsidenten Donald Trump überbrachte er am Samstag im Trump Tower in New York die frohe Botschaft: «Der amerikanische Traum, Herr Präsident, wurde Realität.» Trump lächelte zufrieden. Mit ausgestreckten Armen las Infantino die Messe: Alle hätten den Fussball genossen, in Glück, Freude und Frieden. «Wir vereinten die Welt», erklärte er.Dann schritt Infantino zur Lobpreisung: «Ich sage das, weil es die Wahrheit ist. Sie brauchen keine Leute, die Ihnen Komplimente machen, Herr Präsident.» Kurze Pause. «Dieser World Cup wäre kein so unglaublicher Erfolg geworden ohne Sie.» Trump schaute intensiv herüber, Infantino applaudierte. Vor ihnen leuchtete der WM-Pokal.Es war nicht die erste Ehrerbietung: Infantino hat für Trump einen Fifa-Friedenspreis erfunden. Und die Regeln des Spiels angepasst. An der Weltmeisterschaft empfing er einen Anruf von Trump, der ihn darum bat, eine Rotsperre des amerikanischen Stürmers Folarin Balogun zu überdenken. Zwar verwies Infantino auf unabhängige Gremien, die daraufhin entschieden hätten, die Sperre tatsächlich auszusetzen, aber Trump ist kein Diplomat: «Gianni traf eine weitere von seinen vielen guten Entscheidungen», sagte er im Trump Tower. Er bekomme zu wenig Anerkennung dafür. «Ich war es nicht», versuchte Infantino einzuwerfen. Aber das Mikrofon war bei Trump, der sagte, er wolle dem grossen Fifa-Präsidenten danken, «es gibt keinen wie ihn, nur sehr wenige».Selbstverzwergung, SelbstüberhöhungDer Fifa-Präsident kann eine Rekordbilanz vorweisen: Millionen in den Stadien, Milliarden vor den Fernsehern. In bisher nicht erreichten Dimensionen werden sich auch die finanziellen Erträge bewegen. Infantino, der Gastarbeitersohn aus dem Oberwallis, spielt international. In Anzug und weissen Sneakers, ganz der wendige Businesstyp, steht er neben den Weltmächtigen und holt heraus, was herauszuholen ist. Wie er neben Trump steht und lächelt, karikiert Infantino das Erfolgsmodell Schweiz: Keine hehren Prinzipien verfolgend, schleicht man sich möglichst unbemerkt und dabei hochprofitabel durch die Geschichte.Auf der anderen Seite der Bühne positionierte sich an diesem Sonntag Alain Berset, früher Bundesrat und heute Generalsekretär des Europarats. Er verkörpert, ebenfalls schwer überzeichnet, den Konterpart des helvetisch-dienstfertigen Businesstyps: als letzter Diplomat einer höheren Moral. Dargebracht von einem Mann, der es sich leisten kann: Alimentiert durch öffentliche Gelder, führt er ein prachtvolles Leben mit eigener Residenz in Strassburg und mit einer Dienstlimousine. So gefällt sich Berset als eine Art Ein-Mann-Korps der Guten Dienste. Wenn Selbstverzwergung das ökonomische Kapital mehren soll, dann soll Selbstüberhöhung das moralische Kapital mehren. Auch das ist eine helvetisch-kleinstaatliche Überlebensstrategie.Kleinstaatlich-helvetische Überlebensstrategien: der Fifa-Präsident Gianni Infantino (links) und Alain Berset, Generalsekretär des Europarats, vereint an der WM 2018 in Russland.Peter Klaunzer / KeystoneKurz vor dem WM-Final sah Berset seine Chance gekommen. In einem Statement erklärte der «Secretary General of the Council of Europe», diese Weltmeisterschaft fühle sich unfertig an. Das Fest werde in dieser Nacht enden, aber die nächste Krise habe bereits begonnen. «Sie hat zwei Namen: Geld und Macht.» Er lässt den Satz wirken.Der Text geht auf einer neuen Zeile weiter. Politischer Einfluss habe das Spielfeld erreicht. Eine Sperre sei mitten im Turnier ausgesetzt worden, nachdem ein Staatschef den Präsidenten der Fifa angerufen habe. «Hier ist mein Vorschlag für die Fifa: eine dritte Halbzeit», schreibt Alain Berset. Dann bietet er sich, ob bewusst oder unbewusst eurozentristisch, mit dem Europarat als Vorbild absoluter Integrität an: Mehrfach habe der Europarat bereits bewiesen, dass er verbindliche Regeln schaffen könne, wo es im Sport zu Krisen gekommen sei.Die Grenzen der eigenen MöglichkeitenBersets Brief war an die Welt gerichtet, mindestens an den Fifa-, eher an den US-Präsidenten. Es war ein Brief für die Galerie.Immerhin schien an diesem Sonntag auch Infantino eine gewisse Ohnmacht zu spüren: Nach dem WM-Final brachte er gemeinsam mit Donald Trump den Pokal zu den wartenden spanischen Spielern. Als er die Bühne den Fussballern überlassen wollte, versuchte er auch Trump davon zu überzeugen. Aber Trump blieb stehen, da, wo die Aufmerksamkeit war. Infantino winkte Trump und rief, aber dieser hörte ihn nicht. Irgendwann lachte Infantino entschuldigend. Dann trabte er über die Bühne, zu Trump, um ihm zur Seite zu stehen.Gianni Infantino war an den Grenzen seiner Möglichkeiten angelangt. Dann war die Groteske beendet.Passend zum Artikel