Floyd Landis und die Illusion der Unschuld – 20 Jahre nach der wahnwitzigen Fahrt nach MorzineAm 20. Juli 2006 gewann der amerikanische Radprofi eine Tour-de-France-Etappe in schier unglaublicher Art und Weise. Es war der Anfang einer tragischen Geschichte.Benjamin Steffen20.07.2026, 05.30 Uhr9 LeseminutenDa war er für kurze Zeit Sieger der Tour de France: Der Amerikaner Floyd Landis feiert am 23. Juli 2006 in Paris den Triumph im Gesamtklassement.Stefano Rellandini / ReutersWomöglich hat kein Tag des 21. Jahrhunderts dem Radrennsport so sehr die Unschuld geraubt wie der 20. Juli 2006.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Raub dauerte 5 Stunden und 23 Minuten. Oder eine Woche. Oder fast vier Jahre. Ansichtssache.Der 20. Juli 2006 war der Tag der 17. Etappe der Tour de France mit Ziel in Morzine. Floyd Landis, der Captain des Schweizer Phonak-Teams, gewann mit einem wahnwitzigen Vorsprung von 5 Minuten und 42 Sekunden, nach einer Solofahrt von 125 Kilometern.Was das Verdikt nach der Fahrt von total 5 Stunden und 23 Minuten noch wahnwitziger machte: Tags zuvor war Landis «eingebrochen», wie es im Jargon heisst. Der Amerikaner hatte massenhaft Minuten verloren und mit ihnen vermeintlich auch die Tour. Als er am 19. Juli im Ziel eingetroffen war, hatte er sich im Teambus verkrochen und Eistee getrunken.Später – in der Nacht auf den 20. Juli – soll er sich noch ein Bier genehmigt haben, so die Erzählungen aus der kurzen Zeit, als den Menschen noch nicht bewusst war, dass der nächste Tag die Unschuld des Radrennsports rauben sollte.Und was die Reserve von 5 Minuten und 42 Sekunden nochmals ein Stückchen wahnwitziger machte: Mit so viel Überlegenheit hatte Lance Armstrong sieben Jahre lang keine einzige Etappe gewonnen. Armstrongs Bestmarke: ein Vorsprung von 1:59.Das Schweizer Team Phonak während der Tour de France 2006 mit Floyd Landis im gelben Leadertrikot.Stefano Rellandini / ReutersDie unfassbare Fahrt, die erst im Rückblick erklärbar wurde: Floyd Landis am 20. Juli auf dem Weg nach Morzine, wo er überlegen siegte – nachdem er tags zuvor eingebrochen war.Franck Fife / APLandis war prädestiniert für die Nachfolge des Regenten ArmstrongOhne Lance Armstrong lässt sich diese Geschichte von Floyd Landis und der geraubten Unschuld nicht erzählen. Zwischen 1999 und 2005 gewann Armstrong Jahr für Jahr die Tour de France, das bedeutendste Radrennen der Welt. In den neunziger Jahren war Armstrong Krebspatient gewesen. Der erste Tour-Sieg hatte etwas Wundersames, doch die Bewunderung wandelte sich alsbald in Verwunderung – bis zu Ablehnung, weil Armstrong ein strenger Regent war, an dem alles abprallte: die Gegner sowieso, aber Dopingvorwürfe ebenso. Armstrong, ein Doper? Sicher nicht, er doch nicht, im Wissen, wie Sorge zu tragen sei mit einem Körper, der den Krebs überstanden hatte.Die Tour de France 2006 sollte die Rundfahrt der Befreiung werden – von Armstrong, von Verkrampfung, von Dopinggerüchten. Und die Rundfahrt der Gegner, die abgeprallt waren – von Jan Ullrich, von Ivan Basso. Bis kurz vor Tour-Start eine ellenlange Liste mit Fahrern auftauchte, die zum Kundennetz des Blutdopingarztes Eufemiano Fuentes gehört haben sollen. Unter ihnen: Ullrich, Basso. Die Folgen: Tour-Ausschluss – und geebnetes Terrain für eine unschuldige Tour. Zumindest für einen unschuldigen Sieger. Ohne den verdächtigen King Armstrong. Ohne die gefallenen Kronprinzen. Mit Landis plötzlich in der Favoritenrolle.Floyd Landis. Geboren 1975, aufgewachsen in einer mennonitischen Glaubensgemeinschaft. Er durfte Rad fahren als Kind, aber nur in Leinenhosen; er brach aus, immer wieder, aus dem Dorf, aus Normen. Später, als er längst Radprofi war, fiel es ihm schwer, über seine Geschichte zu reden, weil er fürchtete, «ich würde meine Familie beleidigen». Er schrieb immer mehr eine andere Geschichte, seine eigene Geschichte, er fuhr so gut Velo und so schnell, dass er 2002 den Aufstieg zum Vasallen von Armstrong schaffte. 2003 verletzte er sich bei einem Sturz an der Hüfte; daran litt er so sehr, dass ihm für Herbst 2006 eine Operation und ein künstliches Gelenk in Aussicht standen. Nach der Tour de France, die er mittlerweile als Captain von Phonak fuhr.Es gab Leute, die ihn prädestiniert sahen als Botschafter für einen Neuanfang des Radsports, für einen Sieger ohne Fehl und Tadel und Dopingmakel. Er war zwar Armstrong-Helfer gewesen – aber Helfer bloss! Und auch bei Phonak hätte er nicht Captain sein sollen, Helfer bloss – bis sich ein höher dotierter Fahrer nach dem anderen im Dopingnetz verstrickte.Nur Landis nicht, der Freund und Helfer des Radsports, er doch nicht.Am 20. Juli 2006 gewann Landis die 17. Tour-Etappe mit einem derart grossen Vorsprung, wie es Armstrong nie gelungen war. Aber er war ja der Junge in den Leinenhosen.Am 22. Juli, in der zweitletzten und traditionell vorentscheidenden Tour-Etappe, setzte sich Landis an die Spitze des Gesamtklassements. Danach sagte er, niemand sei froh gewesen, dass mehrere Favoriten nicht am Start gewesen seien. Wie bitte? Hatte er sich soeben mit Ullrich und Basso solidarisiert, mit Verrätern an der guten, sauberen Sache? Er doch nicht, der Junge in den Leinenhosen mit der geschundenen Hüfte.Am 23. Juli sagte Antoine Vayer, ein Radtrainer und Anti-Doping-Experte, in der «NZZ am Sonntag»: «Der Radsport ist verschmutzt. Er ernährt sich vom eigenen Kot.» Und: Landis’ Solosieg sei ein Indiz dafür gewesen, «dass etwas falsch ist – am einen Tag verliert er im Schlussaufstieg mehr als eine halbe Minute pro Kilometer, danach bewältigt er die Strecke vom Fuss der letzten Steigung bis Morzine schneller als alle anderen». Vayer fand, Landis hätte auf der Fahrt nach Morzine allmählich «müder werden sollen, wurde es aber nicht. Nur mit gutem Training, gesundem Essen und viel Schlaf ist dies kaum möglich.»Floyd Landis bei einem medizinischen Check vor dem Start der Tour de France 2006. Damals galt er noch als sauber.Vincent Kessler / Reuters24 Stunden nach Bekanntwerden seiner positiven Dopingprobe beteuerte Landis an einer Pressekonferenz in Madrid noch seine Unschuld.Andrea Comas / ReutersPositive A-Probe, positive B-Probe, Suizid des SchwiegervatersAber die Tour hatte wieder einen Sieger, der nicht Armstrong hiess; der auf keiner Liste eines Blutdopingarztes stand, die doch so ellenlang gewesen war, dass auch sein Name Platz gefunden hätte; der am einen Tag im Schlussaufstieg mehr als eine halbe Minute pro Kilometer verloren hatte, was ihm gedopt bestimmt nicht passiert wäre; der zwar nicht den Krebs besiegt hatte, aber unter Hüftproblemen litt.Landis schenkte der Tour de France einen Moment der Unschuld.Bis zur Meldung seines Arbeitgebers. Am 27. Juli teilte Phonak mit, bei Landis sei ein ungewöhnlicher Testosteronwert festgestellt worden. Noch war erst das Ergebnis der A-Probe bekannt – aber ob A oder B: Die Probe war ihm in Morzine genommen worden, nach dem Solosieg.Landis tischte Ausreden und Erklärungen auf, er redete von Whiskey- und Bierkonsum (aber nicht von Eistee) und stritt jegliches Dopingvergehen ab.Am 5. August erwies sich auch die B-Probe als positiv.Am 15. August verkündete Andy Rihs, der Besitzer des Hörgeräteproduzenten Phonak, die Auflösung des Profi-Radteams. Innert sieben Jahren hatte Rihs rund 50 Millionen Franken in den Radsport investiert; dafür bekam er dreizehn Fahrer, die durch externe oder interne Dopingkontrollen fielen – und für wenige Tage einen Tour-de-France-Sieger.Es war eine bewegende Nachricht für den Schweizer Sport. Welch tragische Dimensionen die Geschichte von Landis wirklich annehmen sollte, zeigte sich zwei Tage später: Es kursierte die Meldung, dass sich der Schwiegervater das Leben genommen habe. Er soll ein grosser Fan von Landis gewesen sein, sein Restaurant voll mit Bildern und Trikots des Schwiegersohns.Fortan führte Landis einen Kampf gegen Dopingvorwürfe, es war ein unerbittlicher Kampf, in dem er etwa Zeugen einschüchtern liess. Und wenn das Bild eines einsamen Kämpfers haften blieb, so gab es doch etliche Leute, die sich für ihn engagierten. Mit einer Stiftung sammelte er Geld für seine Verteidigung. Die «Weltwoche» spürte seiner Unschuld nach. Als das Internationale Sportschiedsgericht (TAS) Landis’ Rekurs gegen die 2007 ausgesprochene Zwei-Jahres-Sperre abgelehnt hatte, fragte die «Weltwoche» im Titel schlicht: «Gerechtigkeit?»Sie zitierte einen Professor, wonach das TAS-Urteil «eine Katastrophe für die Sportgemeinschaft, die Wissenschaft und die Gerechtigkeit» sei. Ein Richter aus Wisconsin bezeichnete Landis als «Helden, nicht weil er die Tour gewann, sondern weil er, angesichts einer der grössten Verdrehungen des ‹Rechts›, die ich je gesehen habe, sich nicht unterkriegen liess und sich selber treu geblieben ist».Es ist kaum die Zeilen wert, darauf einzugehen, was diese Menschen zu diesen Argumentationen bewog. Denn es kam der Moment, in dem sich zeigte, inwiefern sich Landis treu geblieben war.Vorher aber sass Landis noch die Sperre ab und versuchte sich am Comeback. 2009 sagte er im Gespräch mit der NZZ, er kehre «ohne Wut zurück, ich will niemandem etwas beweisen, ich will die Vergangenheit ruhen lassen». Er blieb aber auch sich selber treu und sagte: «Ich bin nicht glücklich, wie es gelaufen ist, es war nicht fair – aber was ist schon fair!»Floyd Landis lässt sich 2006 ins gelbe Trikot einkleiden. Die Freude währte nicht lange.Frank Robichon / EPAFloyd Landis feiert seinen vermeintlichen Tour-Sieg 2006.Bas Czerwinski / APDie Lebenslügen der Radprofis: in Zweifel und ins Lächerliche gezogenWas ist schon fair? Es ist die Frage des Radsports dieser Zeit, der so viele traurige Schicksale provozierte. Es gab so viele Fahrer, die so lange logen, jemals gedopt zu haben – aber nie auf die Idee kamen, nicht fair gewesen zu sein. Der Radsport folgte den eigenen Regeln von Fairness und Gerechtigkeit, es waren Regeln, die über Jahrzehnte zementiert worden waren. Die NZZ schrieb schon 1999, im 20. Jahrhundert habe «sich im Radsport eine Kultur des Dopings installiert, welche von Generation zu Generation tradiert worden und im konservativen Radsport ein zentrales Moment des Selbstverständnisses geworden ist».Es gab eine brancheninterne Deutung, bei der alle wussten, dass viele dopten. Logische Verständnisfolge: Niemand betrog niemanden. Und es gab externe Instanzen, die immer genauer hinschauten, von Strafverfolgungsbehörden über Anti-Doping-Agenturen bis zu Medien – und die Lebenslügen etlicher Radprofis zunehmend in Zweifel oder ins Lächerliche zogen.Und so kam der Moment, als auch Landis darüber redete, inwiefern er sich – als Radprofi – treu geblieben war. Im Mai 2010, fast vier Jahre nach der Fahrt nach Morzine, holte er zum Geständnis aus, er gab zu, jahrelang mit EPO, Bluttransfusionen und Testosteron gedopt zu haben. Er schilderte, wie er von wem in die Teufelskunst des Dopings eingeführt worden war, ja er nannte Namen, etliche Namen, darunter auch den Namen «Lance Armstrong»: wie er mit ihm in die Schweiz geflogen war und sich EPO besorgt hatte; wie er in Armstrongs Kühlschrank Blut lagerte. Und so weiter.In diesem Moment glaubte wirklich kaum jemand mehr, dass der Tour-Sieg 2006 ein Triumph der Unschuld gewesen war. Aber was ist schon «Unschuld»? Und was «Triumph»?Von 1999 bis 2006 gewannen ausschliesslich US-Amerikaner die Tour de France. Siebenmal Armstrong, einmal Landis. Die Aberkennung von Landis’ Sieg erfolgte 2007, Armstrong musste die Erfolge 2012 hergeben. Auch er gab erst später zu, was viele schon wussten.Über Floyd Landis’ heutiges Leben ist viel weniger bekannt. Er betreibt eine Website, auf der er für CBD wirbt, Cannabidiol, einen natürlichen Wirkstoff von Cannabis. Unter dem Titel «Abwärtsspirale» heisst es, nach seiner Hüftverletzung habe Landis begonnen, sich auf Opioide zu verlassen. Nicht nur gegen die körperlichen Schmerzen, sondern auch, um mit der Erkenntnis fertigzuwerden, dass seine Zeit als einer der «weltbesten Athleten» vorbei war. Auf der Website steht: «Körperlich hatte er Schmerzen. Psychisch kämpfte Floyd. Er sah sich mit der erschreckenden Aufgabe konfrontiert, die Scherben aufzusammeln und zu versuchen, sich neu zu definieren; Floyd war nicht länger ein Profisportler in einer der beliebtesten Sportarten der Welt. Er war nun ein ehemaliger Athlet mit zahlreichen anhaltenden, schmerzhaften Verletzungen. Bis er CBD fand.»Der Radsport hatte ihn verletzt. Der Radsport, mit dem er der Enge der Kindheit entflohen war, hatte ihn gefangen genommen – mit dieser labyrinthischen Dopingmentalität, die nicht nur Körper manipulierte, sondern auch Seelen.Auf der Website steht unter dem Titel «Floyd’s Story»: «Floyds Geschichte ist die eines Weltklasseathleten, der aussergewöhnliche Höhepunkte (den Gewinn der Tour de France) wie auch schmerzhafte Tiefpunkte erlebt hat.»Floyd Landis hat die Tour de France gewonnen. Vielleicht meinte er es nicht eine Woche oder fast vier Jahre lang. Vielleicht glaubt er es bis heute.Ein bitteres Willkommen in Landis’ Wohnort in Kalifornien. Am 5. August 2006 wird bekannt, dass auch seine B-Probe positiv ist.Fred Greaves / ReutersPassend zum Artikel
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