PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT2018Kurz bevor er in die Suchtklinik kam, präsentierte Ullrich noch seinen „Zaubertrick“Stand: 07:23 UhrLesedauer: 6 MinutenVor dem tiefen Fall: Jan Ullrich am 20. Juli 2004 während der Tour de FranceQuelle: picture alliance/AP Photo/Peter DelongPartys mit Rockern, Kokain als Alltag und eine Nacht im spanischen Gefängnis: Wie Deutschlands einziger Tour-de-France-Sieger beinahe an seinem Leben zerbrach. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Schon seine erste Kindheitserinnerung ist die Erinnerung an eine Grenzüberschreitung. Das war 1979. Jan Ullrich war gerade einmal fünf Jahre alt und mit seiner Mutter und seinem großen Bruder an die Ostsee gefahren. Im Meer führte er das ewige Ritual fort, das er mit seinem Bruder pflegte. Das Ritual hieß: Wettkampf. Egal, wo sie waren, sie mussten sich immer wieder miteinander messen. Wer springt weiter? Wer läuft schneller? Und hier, im Meer, stellte sich eben die Frage: Wer kann länger tauchen? Der kleine Jan wollte seinen Bruder unbedingt schlagen, wenigstens dieses eine Mal, und so blieb er so lange unter Wasser, bis er beinahe das Bewusstsein verlor. Als er wieder auftauchte, war er schon ganz blau im Gesicht. Seine Mutter schüttelte besorgt den Kopf. „Dass du es immer übertreiben musst …“Lesen Sie auchSeine eigenen Grenzen zu überschreiten, das sollte im Leben von Jan Ullrich so etwas wie ein roter Faden werden. Ullrich war schon immer bereit, ein bisschen weiter zu gehen. Er wollte länger durchhalten. Er wollte schneller sein. Und er war bereit, mehr Schmerzen auszuhalten als alle anderen. Im Leistungssport wurde genau diese Eigenschaft viele Jahre später zu seiner größten Stärke. Ullrich entwickelte eine außergewöhnliche Fähigkeit, Warnsignale des Körpers auszublenden und Belastungen zu akzeptieren, vor denen andere längst kapituliert hätten. Und so gewann er nicht nur als bislang erster und einziger Deutscher 1997 die Tour de France, sondern dominierte sie in den folgenden Jahren immer knapp im permanenten Zweikampf hinter seinem ewigen Widersacher Lance Armstrong. Ullrich wurde zu einer Ikone des deutschen Sports.Aber dieses Mal war er zu weit gegangen. Er hatte seine eigenen Grenzen zu sehr ausgereizt. Am 14. August 2018 titelte WELT: „Die härtesten Wochen seines Lebens“ und berichtete darüber, dass Jan Ullrich von seiner Finca auf Mallorca nach Deutschland zurückgekehrt war, um sich selbst in eine Entzugsklinik einzuweisen. Dem gingen beispiellose Monate selbstzerstörerischer Exzesse voraus. Ullrich verschanzte sich monatelangUllrich hatte sich zuvor monatelang in seiner Finca verschanzt und sie in eine Rockstar-Hölle verwandelt. Jeder, der wollte, konnte einfach vorbeikommen. Schauspieler, Künstler, Kriminelle, Rocker, Leute aus dem Milieu. Viele der Menschen, die dort rund um die Uhr Party machten, kannte Ullrich noch nicht einmal. Fremde bedienten sich an seinem Kühlschrank, feierten tagelang an seinem Pool und schliefen teilweise auch dort. Aber das war ihm ganz egal. Hauptsache, er war nicht allein.Ullrich war 2006 von der Tour de France ausgeschlossen worden, weil man ihn des Dopings überführt hatte. Kurz darauf beendete er seine Karriere und fiel in ein tiefes Loch. Für Ullrich war der Radsport sein Leben. Sein Team war seine Familie. Er war nicht in der Lage, den nächsten Schritt in seinem Leben zu gehen, weil er seine Vergangenheit nicht aufarbeiten konnte. Hätte er öffentlich gestanden, dass er gedopt hatte, dann hätte er auch erklären müssen, dass Doping im Radsport nicht nur verbreitet, sondern auch eine Grundvoraussetzung war, um an der Spitze mithalten zu können. Aber das hätte er als Verrat an seiner Radsportfamilie empfunden. Ullrich wollte nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Also schwieg er und fraß seine Frustration in sich hinein.Er verlor immer mehr den Tritt. Als seine Frau Sara sich schließlich von ihm trennte, war Ullrich der festen Überzeugung, dass er das nicht überleben würde. Er dachte, er müsste jetzt an einem gebrochenen Herzen sterben. Also fasste er einen radikalen Entschluss: Wenn er den Schmerz nicht loswerden konnte, dann würde er ihn eben betäuben – und zwar ganz so, wie er es immer machte. So konsequent wie nur möglich. Johnnie Walker und Kokain waren die Mittel seiner Wahl.In der Bank schlief er einfach einUnter dem Einfluss beider Substanzen marschierte er zu seiner Bankfiliale in Spanien, legte dort eine leere Sporttasche auf den Tresen und sagte dem Angestellten, er solle sie füllen. Das ginge nicht, entgegnete der Bankmitarbeiter. Er könne nicht auf einen Schlag einfach so eine sechsstellige Summe herausgeben. Ullrich drohte, er würde nicht mehr weggehen, bis er das Bargeld hätte. Dann schlief er in der Bank ein. Als er wieder aufwachte, bekam er sein Geld. Vielleicht einfach, damit man ihn wieder loswurde. Er leerte die Sporttasche in seinem Schlafzimmer auf dem Boden aus und sagte seinen Dealern, dass sie sich im Gegenzug für gutes Kokain einfach an den Geldbergen bedienen könnten.So lebte Ullrich. Seine Gäste freuten sich, wenn der Gastgeber seinen beliebten „Zaubertrick“ vorführte. Dafür nahm Ullrich neun Zigaretten, drückte sie zu einem Bündel zusammen, fixierte sie mit einem Gummiband und steckte sie sich gleichzeitig in den Mund. Dann zündete er alle an und nahm einen tiefen Zug. Anschließend griff er noch zu einer Flasche Johnnie Walker, trank sie in einem Zug leer, sackte auf der Couch zusammen und schlief ein. Ullrich erkannte sich in dieser Zeit selbst nicht wieder.Grenzen überschreiten, um die Mitte zu findenSein damals enger Freund und Inselnachbar Til Schweiger sagte in einem freundschaftlichen Moment zu Ullrich, dass seine Tür ihm immer offenstehen würde. Als sie am nächsten Tag jedoch verschlossen war, kletterte Ullrich über den Zaun seines Nachbarn und stellte ihn zur Rede. Aus einer Streitigkeit wurde ein Polizeieinsatz. Und aus dem Polizeieinsatz eine Nacht in einer spanischen Gefängniszelle. Die Wände waren mit Kot beschmiert und erst nach Stunden schob man Ullrich ein trockenes Sandwich zwischen die Gitterstäbe. Ullrich verlor die Kontrolle über sein Leben.Lesen Sie auchErst als er eines Morgens in seiner Finca aufwachte und spürte, dass er dem Tod näher als dem Leben war, entschied er sich, dass er so nicht weitermachen konnte. Mit derselben Disziplin, mit der er in seinem Leben so viele Grenzen überschritten hatte, arbeitete er nun seine Vergangenheit auf und baute sich sein Leben wieder neu auf. Heute erfreut sich Ullrich bester Gesundheit und wurde auch in der öffentlichen Wahrnehmung wieder rehabilitiert. „Es heißt, dass wir manchmal über unsere Grenzen hinausgehen müssen, um zu uns selbst zurückzufinden“, schreibt Ullrich in seiner Autobiografie. „Vielleicht musste ich einmal alle meine Grenzen überschreiten, nur damit ich irgendwann meine Mitte finden konnte. Heute, da habe ich sie gefunden. Heute bin ich angekommen.“Dennis Sand schreibt über Popkultur und Zeitgeist. Mit Jan Ullrich arbeitete er gemeinsam an dessen Autobiografie „Himmel, Hölle – und zurück ins Leben“ (Next Level Verlag), die wochenlang Spitzenpositionen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste erreichte.