In den großen Auktionshäusern scheint der Jubel über die Ergebnisse des ersten Halbjahres 2026 kaum Grenzen zu kennen: „Zuwächse von 71 Prozent bei Auktionsverkäufen“ im Vergleich zum Vorjahreszeitraum meldet Christie’s, dazu das bisher erfolgreichste Geschäft mit Privatverkäufen und einen Gesamtumsatz von 4,5 Milliarden Dollar, von dem 3,5 Milliarden auf Versteigerungen entfallen.Die Zahlen weisen nach obenKnapp dahinter folgt der Konkurrent Sotheby’s, der für die ersten beiden Quartale einen Gesamtumsatz von 4,4 Milliarden Dollar ausweist, ein Plus von 58 Prozent, zu dem Auktionsverkäufe von 3,4 Milliarden Dollar beigetragen haben. Phillips, das kleinste der traditionsreichen globalen Versteigerungsunternehmen, hat gleichfalls Grund zum Feiern mit einer Steigerung um 60 Prozent auf einen Halbjahresumsatz von 507 Millionen Dollar.Nach Jahren mit postpandemisch angezogener Handbremse scheint das Auktionswesen wieder volle Fahrt aufgenommen zu haben, und doch bewegt sich selbst an der Spitze des Markts nicht alles so schnell und weit nach oben, wie es den Anschein hat. Nehmen wir die spektakulärste Trophäe: Auf 181,2 Millionen Dollar inklusive Aufgeld schoss das teuerste Kunstwerk der Frühjahrs- und Sommersaison, Jackson Pollocks wandfüllendes Drip-Painting „Number 7A, 1948“, das im Mai aus der Sammlung des Zeitungstycoons S. I. Newhouse auf den Auktionsblock von Christie’s in New York kam. Der Hammer fiel nach mehr als 60 Geboten bei 157 Millionen Dollar, mehr als dem Doppelten des bisherigen Pollock-Rekords. Brutto wurden 181,2 Millionen fällig.Zweitteuerstes Auktionslos des ersten Halbjahrs 2026: „Danaide“ von Constantin Brancusi bei Christie'sReutersErworben hatte der 2017 verstorbene Condé-Nast-Verleger das kunsthistorisch bedeutsame Werk im Jahr 2000 in einem Privatverkauf für 32 Millionen Dollar, wie „Artnet“ unter Berufung auf den globalen Präsidenten von Christie’s, Alex Rotter, publik machte. Auf den ersten Blick wirkt das Pollock-Gemälde also wie eine phänomenale Investition, mit einer Wertsteigerung von knapp 400 Prozent. Bei einer Haltedauer von gut einem Vierteljahrhundert aber ergibt sich, wie „Artnet“ vorrechnet, ein jährlicher Zuwachs von nur 6,6 Prozent. Eine am Aktienindex S&P 500 orientierte Anlagestrategie hätte mit Reinvestitionen ein weit besseres Ergebnis von rund 240 Millionen Dollar erzielt.Kunst, selbst extrem teure, ist eben keine gute Wertanlage, kann man daraus schließen, oder aber festhalten: Ob 32 oder 181,2 Millionen Dollar, solche Preise für Kunst sind in jedem Fall absurd. Trotzdem bleiben Kunstwerke mehr als Wandaktien. Ihr kultureller, ideeller oder emotionaler Wert ist nicht zu beziffern, und zusätzlich werden sie als Kapitalspeicher oder -vermehrer in Dienst genommen. Wer Kunst auf neunstelligem Niveau kauft, tut das ohnehin nicht, um Geld zu verdienen, sondern weil Geld für solche Extravaganzen da ist.Was wären die Auktionshäuser ohne Megasammler?Christie’s kann die drei höchsten Zuschläge des Semesters für sich verbuchen: Pollocks „Number 7A, 1948“, Constantin Brancusis „Danaïde“ (107,6 Millionen Dollar brutto) und Mark Rothkos Gemälde „No. 15“ (98,4 Millionen). Drei Rekorde, die am selben Abend in New York und sämtlich abgesichert durch Garantien Dritter aufgestellt wurden. Zwei der Werke kamen aus der S.-I.-Newhouse-Sammlung, welche allein mit den 16 aus ihr aufgebotenen (und verkauften) Spitzenlosen inklusive Gebühren 630,8 Millionen Dollar einspielte.Zum Vergleich: 2018 brachte die Rockefeller-Sammlung bei Christie’s rund 835 Millionen Dollar ein, allerdings mit 1500 versteigerten Objekten. Dagegen summierten sich die Verkäufe von gut 150 Kunstwerken aus dem Besitz des Microsoft-Mitgründers Paul G. Allen 2022 bei Christie’s in New York auf 1,7 Milliarden Dollar. Es ist die Bestmarke für einen „Single Owner Sale“ im Auktionswesen. Auf Platz zwei steht seit 2022 mit 922 Millionen Dollar die von Sotheby’s in New York versteigerte Kunstkollektion des Immobilienmoguls Harry Macklowe und dessen Ex-Frau Linda.Die nächste Megasammlung: Präsentation der Kollektion von Joe Lewis mit Amedeo Modiglianis „Nu assis au collier“ bei Sotheby's in LondonAFPIm laufenden Jahr hat das Auktionshaus zwei weitere aufsehenerregende Sammlungen zur Auktion gebracht: 406,2 Millionen Dollar erlöste bei Sotheby’s in London die Kollektion des 89 Jahre alten, auf den Bahamas lebenden britischen Finanzspekulanten Joe Lewis. In New York spülten Kunstwerke aus dem Besitz des vom Investmentbanker zum Kunsthändler konvertierten Robert Mnuchin 433 Millionen Dollar in die Kassen, knapp 86 Millionen allein mit Rothkos Leinwand „Brown and Blacks in Reds“, dem bisher viertteuersten Los 2026.Von ambitionierten Supersammlern zusammengetragene Megakollektionen, die post mortem wie bei Rockefeller, Allen oder Mnuchin, zwecks Vermögenstransfer zu Lebzeiten wie bei Lewis oder nach einer Scheidung wie bei dem Macklowes auf den Markt kommen, befeuern das Geschäft der Auktionshäuser. Mehr noch, sie zünden ihre Leuchtfeuer: Dem amerikanischen Analysten Art Tactic zufolge sorgten „Single Owner Sales“ 2025 für knapp ein Viertel ihres Umsatzes. Ein Jahrzehnt zuvor waren es weniger als zehn Prozent.Dank sorgfältiger Orchestrierung vorab maximieren solche Auktionen der Extraklasse, die sich in der Regel auf Trophäen der modernen Kunst konzentrieren, Erfolg und Glamour. Doch das Geschäft bleibt aufs Ganze gesehen komplexer – gerade in instabilen Zeiten. Die Zahl der Hochvermögenden mag Jahr ums Jahr größer werden, doch dass Kapitalflüsse an der Spitze wie Schaumwein in einer Champagnerglaspyramide gleichmäßig nach unten tröpfelten, ist Wunsch statt Wirklichkeit, ob am Finanz- oder Kunstmarkt.Auf der Jagd nach TrophäenDas gilt auch für Alte Meister. Eine Viertelstunde dauerte am 1. Juli, zum Start des zweiten Halbjahrs also, bei Sotheby’s in London der Bieterwettstreit um eine klassizistische Bronzereplik der antiken Laokoongruppe, die Auguste-Jean Marie Carbonneaux in Originalgröße angefertigt hatte. Die Taxe von drei Millionen Pfund für das spektakuläre Stück wurde pulverisiert. Mit einem Verkaufspreis von 13,2 Millionen Pfund ist der „Hamilton-Laokoon“ nun die zweitteuerste je versteigerte vormoderne Skulptur.Triumph einer Antikenreplik: „Hamilton-Laokoon“ aus Bronze von Auguste-Jean Marie Carbonneaux bei Sotheby'sSotheby'sEs gab Spitzenergebnisse für Hans Memling oder Bernard van Orley, und ein unvollendetes Gemälde Rembrandts spielte taxgerecht acht Millionen Pfund ein. Aber ein Viertel der Lose blieb liegen. Die Sammler, zu denen der attraktiven Preise wegen immer wieder auch neue aus der Abteilung für Moderne oder Zeitgenossen herüberkommen, suchen das Außergewöhnliche – wie eine 18-Millionen-Dollar-Zeichnung eines Löwen von Rembrandt, die Sotheby’s im Frühjahr in New York ein Rekordergebnis einbrachte.Erfolgreich mit Luxusuhren: Auktion bei Phillips in GenfAFPDie Zeichen der Zeit im eigenen Interesse erkannt minutiös hat das Auktionshaus Phillips. Auf der Bestenliste seiner zehn teuersten in den ersten sechs Monaten des Jahres versteigerten Lose steht standesgemäß, wenn auch mit einem Ergebnis im unteren Taxbereich, ein Warhol oben: „Sixteen Jackies“ von 1964 für 16,2 Millionen Dollar. Es folgt eine Uhr – und noch eine und noch eine sowie eine weitere. Mit einem in New York Bruttoergebnis von 13,9 Millionen Dollar bei einer Taxe von einer Million führt „Souscription, No. 007“ von F. P. Journe die Parade der Chronometer an.Luxusuhren sind gefragt wie nieIn Genf hat das Unternehmen die umsatzstärkste Uhrenauktion aller Zeiten abgehalten, mit einem Umsatz von 96,3 Millionen Dollar. Bei Sotheby’s legte der Verkauf von Uhren ebenfalls zu, um 64 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2025, der von Schmuck um 13 Prozent mit Schmuck. In Monaco versteigerte das Unternehmen einen Ferrari für 16,7 Millionen Dollar. Luxusgüter und Sammlerware laufen branchenübergreifend bestens, auch online, wo die meisten neuen Kunden gewonnen werden. Aufwärts ging es außerdem mit hauseigenen Finanzdienstleistungen: liquide dank Kunstsammlung als Sicherheit, der Auktionshandel macht es möglich.Dann kann man sich vielleicht sogar ein Saurierskelett wie das als größtes und vollständigstes eines Tyrannosaurus Rex angepriesene leisten: Für 50,1 Millionen Dollar inklusive Aufgeld gerade bei Sotheby’s in New York versteigert, ist es jetzt zudem das teuerste.In Galerien läuft das Geschäft deshalb nicht automatisch besser. Explodierende Mieten in den großer Metropolen, steigende Transportkosten und die Herausforderung internationaler Messen in einem sich regionalisierenden Markt können selbst einen Megahändler wie die Pace Gallery an die Grenzen führen: Sie trennte sich zuletzt von der Hälfte ihrer Künstler und einem Fünftel der Belegschaft. Andere expandieren weiter. Hauser & Wirth eröffnet dieser Tage seine achtzehnte Niederlassung – im Silicon Valley, wo das ganz große Tech-Geld sitzt, in Palo Alto. Pace hat seine Dependance dort 2022 geschlossen.