Und am Ende gewinnen immer die Bayern: So läuft das Spiel seit geraumer Zeit im deutschen Auktionswesen. Nach Abschluss der Sommersaison mit ihren hochpreisigen „Evening Sales“ moderner und zeitgenössischer Kunst steht das Unternehmen, das gerade achtzigjähriges Bestehen feiert, zum 16. Mal in Folge als umsatzstärkster deutscher Versteigerer da.Mit Abstand an der Spitze liegt wieder einmal KettererInsgesamt 37,5 Millionen Euro, mehr als im Vorjahr, spielten nach eigenen Angaben bei Ketterer die Abend- und Tagesauktion ein. Fünf von 57 im „Evening Sale“ angebotenen Losen kamen über die Millionengrenze, darunter das teuerste des deutschen Versteigerungssommers. Wassily Kandinskys Gemälde „Villa Seeburg am Staffelsee“ von 1911 wurde zum Doppelten der unteren Taxe bei 4,4 Millionen Euro zugeschlagen und kommt in eine Schweizer Privatsammlung. Mit Aufgeld zahlt sie 5,5 Millionen.Das Spitzenlos vereint, was Kunst auf dem Markt begehrt macht: Es wurde erst kürzlich als Werk Kandinskys identifiziert, stammt aus einer wichtigen Werkphase, in der er den Weg in die Abstraktion fand, kommt erstmals zur Versteigerung, ist ein Unikat in Öl, verfügt über eine prominente Provenienz – 1913 erwarben es die „Sturm“-Galeristen Nell und Herwarth Walden direkt vom Künstler – und ist überdies ein dekoratives Fest für die Augen mit seinen leuchtenden Edelsteinfarben. Das kleine Format von 33,2 mal 44,7 Zentimeter unterstreicht den Preziosencharakter.Erlöste knapp 2,6 Millionen Euro bei Ketterer: Piero Dorazio, „Tic-Tac Rosso“, 1959.Ketterer Kunst/VG Bild-Kunst, Bonn 2026Nachkriegskunst aus Italien kam bei Ketterer auf den zweiten Platz mit Piero Dorazios Abstraktion „Tic-Tac Rosso“, die brutto knapp 2,6 Millionen Euro erlöste, Rekord für den Künstler. Nach Berlin geht Sigmar Polkes „BZ am Mittag“: Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner erwarb das Rasterbild für 1,6 Millionen Euro mit Aufgeld. Siebenstellig wurden überdies Gemälde von Pechstein und Picabia. Doch auch Ketterer reißen die Sammler nicht alles aus den Händen: 20 Lose der Abendauktion mit 70 Positionen landeten im Nachverkauf. Auf die Bilanz schlägt das nicht, solange das Beste vom Besten gefragt bleibt, und das tut es.Kam auf 2,4 Millionen Euro brutto: Joan Miró, „Peinture“, 1936, bei Karl & Faber in München.Karl & Faber/VG Bild-Kunst, Bonn 2026Bei Karl & Faber in München bestätigt sich das im „Evening Sale“. Dort schob sich Joan Mirós aus einer Privatsammlung in Monaco kommende „Peinture“, die er 1936 als Teil einer kleinen Serie während des spanischen Bürgerkriegs auf Hartfaserplatte malte, in die Bestenliste des Auktionshalbjahrs.Spitzenergebnisse überstrahlen RückgängeDas taxgerechte Ergebnis von 2,4 Millionen Euro brutto sei ein „starkes Signal“ für den Kunsthandelsstandort München, sagt der geschäftsführende Gesellschafter des Auktionshauses, Rupert Keim, und geht nicht fehl. Liegen blieben dagegen etwa eines der zahlreichen Wannseegartenbilder von Max Liebermann oder ein Blumenbild von Emil Nolde.Verkauft für 4,98 Millionen Euro bei Grisebach: Georg Kolbes „Tänzerinnenbrunnen“ (Detail)GrisebachIn Berlin teilen bei Grisebach nach den „Sommerauktionen“ unter anderem Noldes Aquarell „Mann und Frau“ und ein kleines Selbstbildnis Liebermanns dieses Schicksal. Überstrahlt werden solche Rückgänge von dem Erfolg des „Tänzerinnenbrunnens“. Georg Kolbes 1922 für Berliner Versicherungsdirektor Heinrich Stahl gefertigtes, später von den Nationalsozialisten geraubtes und kürzlich restituiertes Wasserspiel erzielte einen internationalen Bestpreis für den Künstler: Erst bei vier Millionen Euro fiel der Hammer zugunsten einer amerikanischen Privatsammlung für das auf eine Million bis 1,5 Millionen taxierte Werk. Brutto werden 4,98 Millionen fällig.Das zweite Millionenlos bei Grisebach war – inklusive Aufgeld 1.032.000 – ein „Astern“-Gemälde Noldes. Mit einem Gesamtumsatz von 19 Millionen Euro hat das Auktionshaus seine eigenen Erwartungen für die „Sommerauktionen“ übertroffen und bleibt auf ähnlichem Niveau wie im Vorjahr. Kunst des 19. Jahrhunderts zu vermitteln, bleibt gleichwohl ein schwieriges Geschäft. Einen eigenen Katalog für das Segment hat Grisebach in diesem Sommer gar nicht erst aufgelegt.Liegen geblieben bei Karl & Faber: Franz Ludwig Catel, „Die glückliche Heimkehr des Schiffers“Karl & FaberVon einem der kommerziell einst erfolgreichsten deutschen Maler in Rom, dem Romantiker Franz Ludwig Catel, fand ein Hauptwerk bei Karl & Faber in München keinen Abnehmer. Zur unteren Taxe von 80.000 Euro kann „Die glückliche Heimkehr des Schiffers“ im Nachverkauf zur Auktion von Werken Alter Meister und des 19. Jahrhunderts erworben werden. Auf Carl Spitzweg ist dagegen immer noch Verlass. Sämtliche fünf angebotene Gemälde von ihm fanden bei Karl & Faber Abnehmer, zu Bruttopreisen zwischen 250.000 bis 33.750 Euro. Und alte Kunst ist museal: Bei Van Ham in Köln wurde bei der „Fine Art“-Auktion ein Werk Frans Franckens des Jüngeren zu rund 125.000 Euro für die Dresdner Gemäldegalerie gesichert. Dort gehört es auch hin, war es doch Teil der kurfürstlichen Sammlung Augusts des Starken. Die Fontana Stiftung Baden-Baden und die Ernst von Siemens Kunststiftung machen es möglich.Für 264.000 Euro von Van Ham in eine hessische Privatsammlung: Lovis Corinth, „Walchensee mit roten Booten“Van HamFür glänzenden Umsatz mit moderner und zeitgenössischer Kunst sorgte bei Van Ham die auf Kleinformate kaprizierte Sammlung des Frankfurter Bankiers Jochen Neynaber. Sowohl die Live- als auch die Onlineauktion geriet zum „White Glove Sale“: Sämtliche Lose fanden Abnehmer und erlösten insgesamt 2,2 Millionen Euro. Zum Spitzenlos avancierte ein Streifenbild von Bridget Riley mit 152.000 Euro. Starke Steigerung gab es für Meret Oppenheims surrealistische Arbeit „Hand aus der ein Pilz wächst“ von 1941. Von 10.000 Euro trieben es internationale Bieter auf 95.000 und bewiesen, wie gefragt lange unterbewertete Künstlerinnen inzwischen sind.Inklusive der Neynaber-Sammlung erlöste der „Evening Sale“ moderner und zeitgenössischer Kunst bei Van Ham nach Angaben des Unternehmens 11,2 Millionen Euro. Die Toplose enttäuschten nicht: Ewald Matarés Skulptur „Große kniende Kuh“ – dekorative Tiere gehen immer, siehe den anhaltenden Boom der Lalanne-Möbel – schmückt jetzt für 290.000 Euro eine Berliner Privatsammlung. Lovis Corinths Gemälde „Walchensee mit roten Booten“ geht für 264.000 Euro in hessischen Privatbesitz, undnach Kanada Neo Rauchs Bild „Los“ zum Bruttopreis von 191.000 EuroVervielfachte seine Taxe bei Lempertz: Bernard van Orley, „Portrait eines Edelmannes“.LempertzAuch im Kölner Kunsthaus Lempertz blickt man auf ein erfolgreiches erstes Halbjahr zurück. Bei den Altmeisterauktionen im Mai lag der Taxpreis für das wiederentdeckte Porträt eines Edelmanns des flämischen Renaissancemalers Bernard van Orley bei 100.000 bis 150.000 Euro. Am Ende stand ein Bruttoergebnis von 845.000 Euro. Das Spitzenlos, ein Stillleben Jan Davidszoon de Heems, blieb mit 330.000 Euro inklusive Aufgeld dagegen im unteren Taxbereich. Ausnehmend gut lief die Versteigerung asiatischer Kunst. Das Ergebnis von gut 2,6 Millionen Euro verdoppelte, so das Auktionshaus, die Gesamterwartung.Rund zehn Millionen Euro, gleichfalls mehr als geschätzt, spülten die Auktionen moderner und zeitgenössischer Kunst Lempertz in die Kassen. Den anvisierten Rekord für eine Marmorskulptur Wilhelm Lembrucks stellte die „Frauenbüste (Büste L.)“ über Taxwert mit 812.800 Euro brutto auf. Von 55 Losen im Evening Sale konnten 17 nicht vermittelt werden, darunter Paula Modersohn-Beckers wenig gefälliges Brustbild zweier Jungen in extremer Nahsicht, das bis zu 120.000 Euro erlösen sollte.Rekordlos bei Lempertz in Köln: Wilhelm Lehmbruck, „Frauenbüste (Büste L.)“LempertzInternationale Einlieferer und Bieter, eine feste Basis im heimischen Markt und in den Auktionssälen immer wieder Gipfelerlebnisse, die die Mühen der Ebene vergessen machen: So können sich die deutschen Auktionatoren zufrieden in den Sommerurlaub verabschieden.