Es ist nicht sonderlich schwer, sich über den italienischen Bookfluencer Edoardo Prati lustig zu machen. Prati ist zweiundzwanzig Jahre alt, trägt Klamotten, die sein eigener Opa vermutlich schon altmodisch gefunden hätte, und beendet seine Videos mit der lateinischen Grußfloskel „Curate ut valeatis“ („Passt auf euch auf“). Auf seinen Kanälen spricht er über Literatur. Nicht, wie viele andere, über Romance, Young Adult oder zeitgenössische Romane (der Booker-Prize-Gewinner David Szalay war eine Ausnahme), sondern über Klassiker. Keine Neuentdeckungen aus der zweiten Reihe, sondern die, die in Italien zweifellos zum Kanon gehören: Dante, Platon, Leopardi.Weil das eher bürgerlich als hip und Prati als Figur so kurios ist, wurde in den letzten Jahren oft über ihn geschrieben: über seine blumige Ausdrucksweise, seinen Ton und Harry-Potter-Look. Der Social-Media-Star Prati (auf Instagram hat er fast 650.000 Follower) sei kein echter Intellektueller, er spiele nur Intellektuellen-Cosplay, warf man ihm vor. Vor zwei Wochen erschien dann in der italienischen Tageszeitung „Il Foglio“ ein Text mit dem Titel „Engelgesichter auf Tiktok: Die Armee der Baby-Kommentatoren“, der sich über das Phänomen Prati und eine Reihe anderer Social-Media-Persönlichkeiten auf recht harmlose Weise lustig machte. Ein Text, der nicht gemeiner war als das, was schon vorher über Prati geschrieben worden war, und daher nicht besonders erwähnenswert wäre, hätte nicht Prati selbst darauf reagiert. Und mit dieser Reaktion, wenn auch nicht unbedingt intendiert, ein Paradox unserer heutigen Öffentlichkeit aufgezeigt.Prati schrieb, der Kommentar erinnere ihn an eine alte wohlhabende Tante, die sich über Migranten aus Nordafrika beschwere, Nordafrikaner aber zuletzt auf einer Mittelmeer-Kreuzfahrt in den Sechzigerjahren gesehen habe. Die fünfzigjährigen Journalisten des „Foglio“ befürchteten wohl, von ihm und einer neuen Generation ersetzt zu werden, eine Sorge, die genauso unbegründet sei wie die der Tante: „Habt keine Angst, wir sind keine Bedrohung für euch, denn wir werden nie Schriftsteller und Intellektuelle werden, das wird uns nicht zugestanden.“ Während man der älteren Generation die Zeit gegeben habe, sich zu bilden, während diese „leere Seiten“, also Möglichkeiten, vorgefunden habe, müsse die junge Generation ihre Gedichtbände nackt präsentieren, den Algorithmus bedienen oder 50.000 Exemplare verkaufen, um nicht von der Bildfläche zu verschwinden.Nun ist es tatsächlich so, dass es sich als Kulturjournalist und Schriftsteller in Italien nicht sonderlich gut leben lässt, dass die Stellen rar und schlecht bezahlt sind, für die Nachkommenden sowieso. Weshalb man schnell den Impuls verspürt, gemeinsam mit Prati auf das sogenannte Establishment, also die traditionellen Medien, zu schimpfen, die sich über einen Schwächeren, einen jungen Influencer lustig machen. Nur wäre das ungefähr so einfach, wie Prati wegen seiner exaltierten Gesten zu belächeln oder weil er hingerissen von einer Literatur ist, die doch angeblich jeder längst kennt.Haben wirklich noch Zeitungen die Macht?Denn wer hier der „Schwächere“ ist, ist ja gar nicht mehr so einfach zu sagen: Nicht nur hat Prati eine Followerzahl, die die des „Foglio“ um mehr als das Dreifache übersteigt (von der Auflage der Zeitung gar nicht zu reden), er ist selbst längst Teil des Establishments, tritt in Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens auf, schreibt für die Tageszeitung „Repubblica“ und tourt mit seinen Theaterstücken durch das Land. Dennoch scheint er sich einen eher launigen Artikel zu Herzen zu nehmen. Warum?Nicht nur bei seiner Klamottenwahl, sondern auch bei seiner Vorstellung von Zeitungen und Verlagen tut Prati so, als lebten wir noch im vergangenen Jahrhundert, in einer Zeit also, in der manche Feuilletonisten womöglich tatsächlich wochenlang nachdenken konnten, ohne von den Petitessen des Alltags behelligt zu werden, ohne jeglichen Produktionsdruck, so als flösse das Geld in diesen Institutionen immer noch in Strömen. „Wir sind zu spät geboren“, schreibt der Booktoker und meint zu spät für einen Posten im Kulturteil der großen Zeitungen, für die Rolle des öffentlichen Intellektuellen.Dabei erkennt er mit dieser Äußerung ja gleichzeitig an, dass sich die Zeiten geändert haben. Denn sähe es in der Welt der Intellektuellen immer noch so rosig aus – gäbe es nicht auch Platz für die Jungen? Tatsächlich ist es in den Zeitungen und Verlagen ja auch für die Fünfzigjährigen ungemütlicher geworden, weshalb sie ja die Influencer um ihren Ruhm, ihre Klicks, vor allem aber um ihr junges Publikum beneiden. Und um sie buhlen, um ein bisschen von deren Aufmerksamkeit abzugreifen. Denn wer von den Jungen (außer Prati) liest noch Zeitung?Gleichzeitig ist es wahr, dass Zeitungen, trotz schwindender Leserzahlen, immer noch ein kultureller Nimbus umgibt, den Influencer nicht haben. Und wenn sie, wie Prati, versuchen, sich einen solchen zuzulegen, werden sie belächelt. Dabei mag dessen Traum von der guten alten Zeit, davon, ein Intellektueller zu sein, frei vom Kommerzialisierungsdruck zu denken, ja durchaus wahr sein – und eine Pose gleichermaßen. Pratis Post ist deshalb ein wenig kokett, weil er das Spiel zwischen diesen beiden Polen so gut beherrscht, eine Plattform und Aufmerksamkeit hat, von der viele Journalisten in etablierten Medien, ja von der auch viele Booktoker nur träumen können, bespielt er doch längst beides: die klassische und die neue Öffentlichkeit.In einem Porträt in der „Vogue“ erzählt Prati, wie die Enkelin von Umberto Eco ihn einmal auf der Straße angesprochen habe, gerührt, weil sein Denken sie an das ihres Großvaters erinnert habe. Das habe ihm gefallen, nicht weil der Großvater so berühmt sei, sondern weil die Frau an eine ihr nahestehende Person gedacht habe. Für Momente wie diesen mache er seine Videos. Dass sie so erfolgreich sind, könnte daran liegen, dass er mit Geschichten dieser Art, die man ihm glauben kann oder nicht, zwei Gruppen gleichermaßen bedient: die alte Welt, in der der Name Eco noch ein Begriff war, und die neue, in der Geschichten über Emotionen erzählt werden.