Die Zukunft mag „ungewiss“ sein, aber Jan R. Wiegand bezeichnet sich als Optimisten. Die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, die neuesten Sozialreformen der schwarz-roten Koalition, der weiter drohende Rechtsruck: „Die Signale verheißen erst mal keine Besserungen.“ Aber wenn der 20-jährige Philosophiestudent aus dem oberbayerischen Pfaffenhofen mit seinen „übergenerationalen Kontakten“ spreche, in der Kirche, im Chor, dann wachse in ihm eine „Quelle von Optimismus“, sagt er: „Denn es sind geteilte Sorgen.“Und Kiara Maier lacht auf die Frage hin, woher sie ihren Optimismus schöpfe. „Hoffnung macht mir die politische Weltlage überhaupt nicht“, sagt die 25 Jahre alte Münchnerin vor ihrem zweiten juristischen Staatsexamen. „Aber ich versuche, mich nicht negativ davon beeinflussen zu lassen.“Erst war die junge Generation zu grün, dann zu rechts, dann hieß es, sie sei von Social Media verwirrtSeit die Generation Z (geboren zwischen 1995 und 2010) wählen darf, ist immer wieder über ihre Befindlichkeiten und ihr Lebensgefühl gerätselt worden. Zuerst war sie die „Spaßbremse“, mit ihrem Klima-Aktivismus und scheinbar militanten, grünen Veganertum; und als Rache für die Pandemie-Lockdowns meinte diese Generation es offenbar doch nicht so ernst mit ihrer Weltverbesserung und wählte erst die FDP und dann die AfD. Als die Linke bei der Bundestagswahl 2025 unter Jungwählern stärkste Kraft wurde, passte das auch wieder ins Bild: Diese Generation, die alles außer Union und SPD zu wählen scheint, muss von den sozialen Netzwerken verwirrt sein. Neue Diagnose, serviert mit jugendlicher Frische: Die jungen Leute seien lost.Der auf Jugendforschung spezialisierte Politikwissenschaftler Kilian Hampel von der Universität Konstanz wundert sich über diese Zuschreibungen. „Woher das Bild der ‚verlorenen Jugend‘ kommt, ist eine gute Frage“, sagt er, „denn wir haben die Jugend nie als hoffnungslos beschrieben, sondern als besorgt“. Hampel ist Mitautor der „Trendstudie: Jugend in Deutschland“, einer der wichtigsten repräsentativen Erhebungen zu Einstellungen und Werten junger Menschen. Und die wichtigste Erkenntnis sei, dass es die eine Jugend gar nicht gibt. „Nicht alle wählen links, rechts, sind entweder woke oder rechtsextrem“, sagt Hampel. Natürlich gebe es auch unter jungen Menschen antidemokratische Strömungen. „Aber eben nicht stärker als bei älteren Generationen.“Die Unzufriedenheit gilt nicht der Demokratie als StaatsformZu einem ähnlichen Stimmungsbild kommt nun auch die neueste Studie „Demokratie braucht Zukunft“ der Bertelsmann-Stiftung. Die jüngere Generation in Deutschland blickt darin trotz der politischen Krisen verhalten optimistischer in die Zukunft und ist weniger unzufrieden mit der Demokratie (31 Prozent) als ältere Jahrgänge (dort sind es 44 Prozent). Gleichzeitig identifizieren sich junge Menschen ähnlich stark mit einer Partei wie die älteren (75,7 beziehungsweise 77,5 Prozent) und haben trotz höherem Armutsrisiko mehr Vertrauen in den Bundestag als ältere Generationen.Die Unzufriedenheit der Jungen gilt laut der Erhebung eher der Leistungsfähigkeit demokratischer Institutionen, weniger der Demokratie an sich. Es ist allerdings in vielen westlichen Demokratien ein generationsübergreifendes Muster, dass die Menschen kritischer und schneller unzufrieden mit ihren Regierungen werden. „Geringe Zufriedenheitswerte mit ihrem Funktionieren allein sind aber noch keine Krise der Demokratie“, sagt Professor Robert Vehrkamp, Leiter und Mitautor des Demokratiemonitors 2026, den die Bertelsmann-Stiftung vor zwei Monaten veröffentlichte. Stattdessen hätten die Menschen in Demokratien heute höhere Erwartungen. Davon nehme aber nicht zwangsläufig der Glaube an die Demokratie Schaden. „Das ist nach den Ergebnissen unserer Studie in Deutschland nicht einmal ansatzweise der Fall“, sagt Vehrkamp.Schon in Vorgängerstudien der Bertelsmann-Stiftung wurde deutlich, dass das Bekenntnis zu demokratischen Grundwerten intakt sei, über alle Generationen hinweg. Ist die Gen Z doch nicht so widerspenstig und wankelmütig, wie ihr unterstellt wird?Junge Menschen erwarten keinen höheren Wohlstand mehr„Es gibt einen Unterschied zwischen persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen“, erklärt Forscher Kilian Hampel den Eindruck einer besorgten und politisierten, aber nicht durchweg unzufriedenen Generation. Der Pessimismus der jungen Leute beziehe sich nämlich vor allem auf gesellschaftliche Themen. „Sozialer Zusammenhalt, politische Verhältnisse, wirtschaftliche Entwicklung, da erwarten junge Menschen erst einmal nicht, dass es besser wird“, sagt Hampel.„Nicht alle wählen links, rechts, sind entweder woke oder rechtsextrem“, sagt Kilian Hampel, auf Jugendforschung spezialisierter Politikwissenschaftler von der Universität Konstanz. Marina WeiglDie Daten lieferten jedoch keine Anzeichen dafür, dass junge Menschen weniger resilient wären oder stärker überfordert vom Gefühl der Dauerkrise. Beispielsweise erwarten die meisten Jungen keinen höheren Wohlstand als den ihrer Eltern. Trotzdem stieg laut Daten der „Shell Jugendstudie“ in den vergangenen 20 Jahren die Zuversicht unter jungen Menschen, ihre beruflichen Wünsche zu verwirklichen (von 66 auf 84 Prozent). Auch die Wahlbeteiligung der 18- bis 29-Jährigen nähert sich seit 2013 dem gesamtgesellschaftlichen Durchschnitt an. Parteien und Gewerkschaften verzeichneten sogar wieder ansteigende Mitgliederzahlen – auch dank der Eintritte junger Menschen.„Wir bleiben doch nicht für eine Revolution oder so unter uns“, meint der Student Jan R. Wiegand. Gerade der zunehmende politische Aktivismus „wächst aus dem Glauben heraus, dass es besser werden kann“, sagt er. „Unzufriedenheit muss kein Einfallstor für Lethargie oder rechtsextreme Ansichten sein.“ Die Unzufriedenheit bündele sich eher bei Sparmaßnahmen. „Wir merken das an Schulen und Universitäten“, sagt der Student.Wohnraum, Bafög, Psychotherapie: Die Gen Z hat klare ErwartungenFür den Politologen Kilian Hampel liegt hier in der Tat einer der großen Konfliktpunkte. Denn einerseits gehe es jungen Menschen persönlich weiterhin oft gut, und auch in der Renten- und Finanzpolitik seien sie sehr solidarisch mit den Älteren. Sie wollen zum Beispiel erst einmal kein höheres Renteneintrittsalter, „auch wenn es bedeutet, dass sie selbst länger arbeiten müssen“. Aber die junge Generation erwarte im Gegenzug auch Hilfe bei den Themen, „bei denen es drängt“, sagt Hampel. Das sind etwa bezahlbarer Wohnraum in Großstädten, ihre finanzielle Lage allgemein sowie psychische Gesundheit. Knapp ein Drittel der jungen Befragten in der Trendstudie habe angegeben, sie bräuchten eine Psychotherapie. „Junge Menschen wollen da keinen finanziellen Cut, genauso wenig wie beim Bafög“, sagt Hampel.Die größeren gesellschaftlichen Konfliktlinien verlaufen ohnehin an anderen Stellen als zwischen Jung und Alt. In einer von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung geförderten Jugendstudie der Sozial- und Wahlforscher Thorsten Faas, Armin Schäfer und Sigrid Roßteutscher wird das an der Bundestagswahl 2025 deutlich. Sie ergab deutlichere Unterschiede zwischen Geschlecht, formaler Bildung und Wohnort als zwischen den Generationen. Bei Themen wie Migration, Klimaschutz und gesellschaftlichen Gleichstellungsmaßnahmen gibt es eine große Lücke zwischen formal gebildeten Frauen aus Großstädten und der männlichen Arbeiterschicht auf dem Land.Kiara Maier aus München erkennt diese Muster, sagt sie, sie komme ja selbst vom Land und sehe „den Rechtsruck dort“. Und ja, in der Demokratie in Deutschland laufe „nicht alles perfekt“. Aber sie ist überzeugt: „Wir können die Probleme zumindest noch in die richtige Richtung lenken.“ Die großen Weltprobleme lassen sich eben nicht von heute auf morgen lösen. „Vielleicht müssen wir eher Schritt für Schritt denken. Denn nichts zu machen, ist auch keine Lösung.“
Generation Z: Junge Menschen sind zuversichtlicher als erwartet
Klimaschutz oder Rechtsruck – der Generation Z hängt das Image an, orientierungslos zu sein. Neue Studien der Bertelsmann-Stiftung zeichnen ein anderes Bild.







