«Wo werden Sie am liebsten gestreichelt?», fragte der Journalist den BundesratDer «Sonntags-Blick» brachte eine neue Art des Journalismus in die Schweiz. Die Tage der einst hoch erfolgreichen Zeitung dürften in der jetzigen Form gezählt sein.Peter Rothenbühler19.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenTeuer an den Sonntagsblättern ist vor allem der Vertrieb. Zeitungsautomat in Stettlen.Peter Klaunzer / KeystoneDie Meldung war schon lange erwartet worden, dennoch löste sie in der Medienwelt ein Beben aus. Der «Sonntags-Blick», das älteste und einst mit Abstand grösste Sonntagsblatt der Schweiz, soll laut «Republik» per Ende Jahr in seiner heutigen Form eingestellt werden. Der Ringier-Verlag, der das Blatt herausgibt, hat intern bestätigt, dass tatsächlich eine Vorverlegung auf den Samstag und eine Namensänderung geprüft würden. Wann dies umgesetzt werde, sei aber noch unklar.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der «Sonntags-Blick» hat in den letzten Jahren massiv an Anzeigen und Lesern verloren. Er steht heute nach der «Sonntags-Zeitung» (368 000 Leser) aus dem Verlag Tamedia und der «NZZ am Sonntag» (332 000) an dritter Stelle mit nur noch 265 000 Lesern und einer verkauften Auflage von 75 000 Exemplaren. Die mögliche Einstellung beziehungsweise Vorverlegung auf den Samstag entspricht der Prognose von Ringiers CEO Marc Walder, der im Frühjahr in der «NZZ am Sonntag» sagte, dass in der digitalen Zukunft nur Medien mit sehr hoher Reichweite («Blick» und «20 Minuten») oder exklusive Nischenangebote wie die NZZ überlebten. Lokal- und Regionalmedien seien dem Tod geweiht – was natürlich zu heftigem Widerspruch bei den Regionalzeitungen geführt hat. Ausserdem könnten nur Titel weitergeführt werden, meinte Walder weiter, die schwarze Zahlen schrieben. Was vermutlich für den «Sonntags-Blick» nicht mehr zutrifft.Die Magazinbeilage des Blatts wurde schon 2024 aus Spargründen eingestellt, auf den einst wichtigen Verkauf über die roten Zeitungsautomaten wurde ebenfalls verzichtet. Einiges deutet darauf hin, dass der «Sonntags-Blick» wie die einstige Sonntagsausgabe der CH-Media-Zeitungen in eine umfangreichere Samstagsausgabe des Mutterblattes «Blick» eingegliedert werden soll. Ob das sinnvoll ist? Aus Lesersicht kann das angezweifelt werden. Das wichtigste Kaufargument ist beim «Sonntags-Blick»-Kunden traditionell die Sportberichterstattung über die zunehmend auf den Samstag konzentrierten Sportereignisse.Vom Verlustblatt zur CashcowAus Kostensicht hingegen wäre eine Verlagerung auf den Samstag ein logischer Schritt. Teuer an den Sonntagsblättern ist vor allem der Vertrieb, also die sonntägliche Lieferung in die Briefkästen der Abonnenten und an die Verkaufsstellen. Die welsche Sonntagszeitung «Le Matin Dimanche» hat noch vor 25 Jahren die Einführung der Hauszustellung geprüft, bei einem Pilotversuch aber festgestellt, dass die Leserschaft in der Romandie ihre Zeitung lieber beim obligaten Gang zur Bäckerei (mit Gipfeli) kaufen geht und auf die Hauszustellung verzichten möchte. Und dass die Lieferung bis in entlegene Bergtäler extrem teuer käme. Versuch abgebrochen. In der Deutschschweiz sind die Präferenzen anders, die Hauszustellung ist hier zentral.Der «Sonntags-Blick» hat eine bewegte Geschichte hinter sich: 1969 von dem Journalisten Hans Jürg (Fibo) Deutsch und dem Ex-«Bild»-Chefredaktor Fred Baumgärtel in einem Hotelzimmer des Münchner Hotels Conti entwickelt, wurde das Blatt zunächst im Tabloidformat lanciert. In den ersten neun Monaten leitete Fibo Deutsch als Chefredaktor das Blatt mit einer kleinen Redaktion, die eng mit der «Blick»-Redaktion zusammenarbeitete. Nach neun Monaten kehrte man wegen technischer Schwierigkeiten im Druck zum traditionellen «Blick»-Format zurück, das Blatt wurde als siebte Ausgabe des «Blicks» wieder dem Chefredaktor Martin Speich untergeordnet.Erst nach neun Jahren nahm das Projekt richtig Fahrt auf, als 1978 die neue Offsetdruckerei in Adligenswil betriebsbereit war und der «Sonntags-Blick» wieder im Tabloidformat und farbig hergestellt werden konnte. Mit dem neuen Chefredaktor Fridolin Luchsinger bekam das Blatt auch eine eigenständige Redaktion und eigene Räume. Das Blatt entwickelte sich schnell zur Cashcow. Man darf daran erinnern, dass es während zehn Jahren (bis 1979) nur Verlust geschrieben hatte, der Verlag aber mutig daran festhielt. Der «Sonntags-Blick» hat auch die ersten abgeschlossenen Verkaufsboxen entwickelt, die sogenannten «Journomaten», bei denen die Zeitung nur gegen Bezahlung herausgenommen werden konnte.Die goldenen JahreDie Auflage des «Sonntags-Blicks» hat seither absolute Höhepunkte erreicht, an gewissen Sonntagen gingen bis 400 000 Exemplare weg. Und der Werbemarkt brummte. Der grosse Umfang bestand Anfang der achtziger Jahre aus je 50 Prozent Redaktion und Werbung. Die Zeitung wurde «die grosse Dicke» genannt. Das Blatt gehörte bei Herrn und Frau Schweizer zum Sonntag wie der Milchkaffee und die Gipfeli, an schönen Tagen lagen die Menschen in der Badi neben ihrem «Sonntags-Blick».Selbst der Markteintritt von gleich zwei neuen Sonntagszeitungen Ende der achtziger Jahre, den sogenannten Blauen, mit denen die «Sonntags-Zeitung» von Tamedia (mit dem Ex-Ringier-Mann Luchsinger als Chefredaktor) und das «Neue Sonntagsblatt» der Curti-Medien (mit Karl Lüönd als Chef) gemeint waren, hat der Auflage des «Sonntags-Blicks» nicht geschadet. Die drei miteinander konkurrierenden Chefredaktoren bestritten damals eine Art Roadshow durch die Medien, bei der sie prophezeien konnten, wer von den dreien am längsten durchhalten werde. Das «Neue Sonntagsblatt» hat seine Segel als Erstes gestrichen.Der «Sonntags-Blick» aber musste sich in den achtziger Jahren fast der Anzeigen erwehren. Legendär sind die Besuche des Anzeigenleiters beim Chefredaktor mit der untertänigen Bitte, doch bitte noch eine Doppelseite frei zu machen für eine wichtige Anzeige von einem Autokunden, er verspreche ein gutes Mittagessen im Edelrestaurant Conti. Gnädig wurden nach anfänglichem Protest zwei redaktionelle Seiten für Mehreinnahmen von rund 50 000 Franken geopfert. Die sich ablösenden Redaktionsleitungen schrieben den Grosserfolg natürlich den inhaltlichen Qualitäten des Blattes zu, aber der eigentliche Auflagenbooster war in den achtziger Jahren das Gewinnspiel «Bingo», ein Publikumsrenner.Die Affäre BorerDer «Sonntags-Blick» hob sich vom eher reisserischen Stil des «Blicks» bewusst als Familienblatt ab, das die schönen Seiten des Lebens und die Unterhaltung favorisierte, profilierte sich aber auch mit seiner Berichterstattung aus dem Bundeshaus, er hatte stets Zugang zu allen wichtigen Figuren des Landes. Es war üblich, dass sich diverse Persönlichkeiten vom «Blick» distanzierten, aber zugaben, dass sie gerne den «Sonntags-Blick» läsen und darin vorkämen.Sonntägliche Höhepunkte waren die Interviews von Robert Naef (auf zwei Seiten), sie gehörten zu den besten der Schweizer Presse, und dies zu einer Zeit, als Interviews in nobleren Blättern noch verpönt waren. Naef fragte provokativ und sehr persönlich, selbst Bundesräte beantworteten die Frage «Wo werden Sie am liebsten gestreichelt?». Der Sportchef Urs Heller hat nach 1985 zudem ein grosses Sportinterview erfunden und die Sportredaktion ausgebaut.Der Ruf des «Sonntags-Blicks» war gut, bis Experimente mit aus Deutschland importierten Chefredaktoren und eine damit verbundene Affäre die Glaubwürdigkeit des Titels ramponierten: Der deutsche Chefredaktor Mathias Nolte liess das ungewöhnliche gesellschaftliche und vor allem sexuelle Verhalten des Schweizer Botschafters Thomas Borer in Berlin beobachten und stellte zu diesem Zweck extra eine Berlin-Korrespondentin an, nachdem Ringier schon längst sämtliche Auslandkorrespondenten aus Spargründen abgeschafft hatte.Man kennt den Ausgang der Geschichte: Der «Sonntags-Blick» denunzierte den verheirateten Botschafter als Fremdgänger, der mit einer Kosmetikverkäuferin angeblich Sex in der Botschaft hatte. Die offensichtliche Persönlichkeitsverletzung führte zu einer peinlichen Entschuldigung des Verlegers auf der Titelseite und einer nicht genannten grösseren finanziellen Entschädigung für das Ehepaar Borer. Und der Chefpublizist Frank A. Meyer musste eine Auszeit von sechs Monaten nehmen, die er in Berlin verbrachte.Mit regelmässig wechselnden Chefredaktoren hat sich die Zeitung politisch einmal nach links, dann wieder nach rechts orientiert. Zuletzt hat sie mit Chefs aus den eigenen Reihen einen sehr soliden journalistischen Kurs bestritten.Der «Sonntags-Blick» war die erste nationale Sonntagszeitung. Als erstes der drei verbliebenen Blätter wird er voraussichtlich die sonntägliche Publikation einstellen. Ob dies wieder eine Kettenreaktion auslösen wird wie bei der Gründung, ist fraglich.Peter Rothenbühler war Chefredaktor des «Sonntags-Blicks» und von «Le Matin Dimanche».Passend zum Artikel
Ende des «Sonntags-Blicks»: Aufstieg und Fall einer Zeitung
Der «Sonntags-Blick» führte als erstes Sonntagsblatt der Schweiz eine neue Art des Journalismus ein. Die Tage der einst hoch erfolgreichen Zeitung dürften in der jetzigen Form gezählt sein.






