Der lang erwartete «Odyssey»-Film; vier Bäume, die unsere Zivilisation mitbegründet haben und ein Kleist, der schwer zu erreichen ist. Die Kulturtipps der NZZ am Sonntag.Was muss man gelesen, gesehen oder gehört haben - und was lohnt sich eher nicht?19.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenFilm: Spektakulär pathetisches HeldenkinoNZZAS – BildEndlich ist es da, das so lange angekündigte Spektakel. Und es bietet, was erwartbar war, wenn Christopher Nolan sich Homers «Odyssee» annimmt: ein episches Spektakel. Fetter Sound, der das Kino erbeben lässt. Und trotzdem mag der opulente drei-Stunden-Blockbuster nicht ganz zu überzeugen. (dbc)Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.★★★✩✩ «The Odyssey» UK/USA 2026, 172 Min. Im Kino.Sachbuch: Keine Kultur ohne BäumeDer Bieler Forstingenieur Christian Küchli hat sich ein Leben lang mit Wäldern als Ökosystemen und Kulturräumen beschäftigt: als Buchautor, Journalist und Berater, von 2000 bis 2018 auch als Sektionschef der Abteilung Wald im Bundesamt für Umwelt. Er versteht es, komplexe Zusammenhänge anschaulich darzustellen. In seinem neuen Buch nimmt er vier Baumarten in den Blick, die für die Zivilisation von Bedeutung waren: Eiche, Teak, Kautschuk und Mahagoni.So beschreibt er beispielsweise, wie Eicheln während Jahrtausenden als menschliche und tierische Nahrung genutzt wurden und wie Eichenholz für Fässer aller Art Verwendung fand, bevor es im Schiffs- und Schienenbau eine entscheidende Rolle bei der Kolonisierung der Welt übernahm. Küchli verbindet in seiner reich illustrierten Darstellung Politik, Wirtschaft und Kultur, zeigt aber auch auf, was unter nachhaltiger Waldnutzung heute zu verstehen ist und wie die gefährdeten Ökosysteme angesichts von Globalisierung und Klimaerwärmung wieder ins Gleichgewicht gebracht werden können. (pap.)★★★★✩ Christian Küchli: «Bäume, die die Welt bewegen». AT-Verlag.Serie: Nicht ohne meine NichteNZZAS – BildFilip liebt Männer und Partys, er modelt, aber hat trotzdem nie Geld. Er wohnt bei seiner Schwester Anna und passt auf deren kleine Tochter Tosia auf. Dann bleibt Annas Herz auf einmal stehen. Filip beschliesst, das Mädchen zu adoptieren. Als schwulem Mann ist ihm das nicht erlaubt, aber das interessiert ihn nicht. Was die noch kommenden Episoden wohl bringen werden? Erwartbar wäre, dass Filip lernt, Verantwortung zu übernehmen. Man wünscht diesem sympathischen Rebellen und seiner Nichte ein Happy End. Aber «Proud» ist eine polnische, keine amerikanische Serie. Wappnen wir uns dafür, dass die Macher keinen simplen Ausweg wählen. (dbc.)★★★★✩ «Proud». 8 Folgen, auf HBO.Klassik Schumann ohne ExtremeDer französische Pianist Adam Laloum (*1987) ist ein versonnener Poet. So verwundert es nicht, dass er sich mit Aufnahmen von Schubert und Brahms einen Namen gemacht hat. Auf seinem neuen Album wendet er sich Schumann zu: Die allbekannten, von E. T. A. Hoffmanns abgründig-romantischen Erzählungen inspirierten «Kreisleriana» op. 16 kombiniert er mit den seltener gespielten«Noveletten» op. 21. Diese sind nach dem Zeugnis des Komponisten «zusammenhängende abenteuerliche Geschichten». Laloum interpretiert sie kultiviert, nuanciert, ohne in die Extreme zu gehen. Die sprichwörtliche Schumannsche Zerrissenheit zwischen Träumerei und Furor, die sich schon in den Satzbezeichnungen von «sehr innig» bis «sehr aufgeregt» äussert, nimmt er eher zurück. Sein Element sind die geschwungenen Linien, nicht die Brüche. Was er an Dramatik verliert, gewinnt er an Anmut. Seine «Kreisleriana» durchstreifen andere Gefilde als etwa die Aufnahmen von Vladimir Horowitz, Martha Argerich oder Hélène Grimaud. Aber in sich sind sie schlüssig. (pap.)★★★★✩ Adam Laloum: «Schumann». Harmonia Mundi.Literatur: An Kleists Vorlage gescheitertSchon der Titel stösst uns mit der Nase darauf: Heike Geisslers Roman «Michaela Kohlhaas» ist eine Überschreibung von Kleists berühmter Novelle «Michael Kohlhaas», in der ein Pferdehändler für erlittenes Unrecht masslose Rache übt. Kleists 1810 erschienene Erzählung spielt im 16. Jahrhundert; Heike Geissler (* 1977) siedelt ihre Geschichte im Leipzig unserer Gegenwart an und legt sie einer Ich-Erzählerin in den Mund, die wie sie selbst Mutter von zwei Kindern ist. Michaela Kohlhaas ist eine alleinstehende Frau um die vierzig, die als stellvertretende Friedhofsverwalterin arbeitet.Sie begehrt nicht gegen ein einzelnes Unrecht auf, sondern gegen eine Vielzahl von Ärgernissen: gegen ihren Chef, der dauernd krank ist, gegen den Galeristen, der ihre Stammkneipe im Plattenbau gentrifiziert. Marktwirtschaft, Kapitalismus, Wettbewerb nerven sie zunehmend. Sie gibt Job und Wohnung auf und zieht fortan als Obdachlose herum. In dem Jahr, das ihr bis zu ihrem frühen Tod bleibt, verwahrlost sie zusehends. Während Kleists Protagonist in seinem Furor Städte in Brand setzt, richtet Michaela Kohlhaas ihre Aggression vor allem gegen sich selbst.Das könnte spannend sein. Aber Heike Geisslers Buch behauptet mehr, als es erzählt. Die Mechanik klappert. Witzig ist der Roman dort, wo er die zögerliche «Man müsste doch»-Haltung der Ich-Erzählerin mit der nervigen Renitenz ihrer Heldin kontrastiert. Trotzdem fehlt es dem Text an innerer Spannung und eigener Sprache. Virtuos und absehbar läuft er ins Leere. Manfred Papst.★★★★✩ Heike Geissler: Michaela Kohlhaas. Suhrkamp, 256 S.Kunst: Von Hodler bis ComputertechnikAusstellungsansicht Heimatflimmern, 2026, Kunstmuseum St.Gallen, Foto: Sebastian StadlerNZZAS – BildDie Post sammelt Kunst. Mit Bundesauftrag seit rund hundert Jahren. Sie will damit nahe bei den Menschen in der Schweiz sein. Was läge da näher, als die eigenen Bestände wandern zu lassen und mit anderen Sammlungen in Dialoge zu bringen. Nach Chur und Bellinzona logiert sie jetzt im Kunstmuseum St. Gallen. Heimat ist das Thema, unter dem verschiedene Aspekte mit Werken beider Bestände in Dialog gebracht werden. Dazu gehören natürlich die Berge, dann aber auch Migration, der Klimawandel und die Auswirkungen des technologischen Wandels. Zu sehen sind also Werke von Ferdinand Hodler, aber auch avancierte Installationen, die mit Computertechnik arbeiten. (gm.)★★★★✩ «Heimatflimmern». Kunstmuseum St. Gallen. Bis 18.10.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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