Die schillernde Welt von Swissnex: Bei den ungewöhnlichsten Diplomaten des BundesBüro-Scherze, Kunstwerke aus alten Zahnbürsten, Lohn für die Direktorin von Amnesty Indien – und zwischendurch ein Millionen-Abschreiber. Was läuft wirklich in den Swissnex-Büros in San Francisco, Rio oder Bangalore?18.07.2026, 21.45 Uhr5 LeseminutenSchön war’s: Aussicht vom bisherigen Swissnex-Standort am Pier von San Francisco. Nach Millioneninvestitionen ist die Organisation nun umgezogen.PDFür den Bund zu arbeiten, kann Spass machen. Im indischen Bangalore beispielsweise lockern Mitarbeitende von Swissnex, einer Organisation des Wirtschaftsdepartements, ihren Alltag mit kurzen Videos auf. In einem werden die Kollegen von der Kamera überrascht, wenn sie am Morgen ahnungslos die Bürotür öffnen. In einem anderen sorgt eine Mitarbeiterin mit ihrer ähnlich aussehenden Schwester für Verwirrung im Team. «Office Pranks» oder «Life at Swissnex» heissen die Hashtags.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diese und weitere Videos sind Zeugen einer jungen, unbekümmerten Firmenkultur. Dabei ist der Auftrag von grösstem Ernst – geht es nach den offiziellen Beschrieben des Bundes. Swissnex wird definiert als Schweizer Netzwerk für Bildung, Forschung und Innovation. Die rund achtzig Mitarbeitenden weltweit verstehen sich als «Wissenschaftsdiplomaten», die Schweizer Ideen in die Welt hinaustragen und Forschende sowie Unternehmen miteinander verbinden.Standorte gibt es neben Bangalore auch in den Metropolen San Francisco, Boston, New York, Rio, São Paulo, Schanghai und Osaka. Die Schweiz lässt sich Swissnex einiges kosten. Die Standorte erhielten in den letzten fünf Jahren über 32 Millionen Franken vom Bund. Organisatorisch ist Swissnex im Wirtschaftsdepartement angesiedelt, zählt aber auch zum sogenannten Schweizer Aussennetz des Aussendepartements (EDA). Die Standorte sind teilweise mit Konsulaten verflochten.Dass die von Etikette durchdrungene klassische Diplomatie bei Swissnex etwas weniger zählt, illustrieren indes nicht nur die lustigen Filmchen – sondern auch der Umgang mit Nebenbeschäftigungen.Eine politisch heikle DoppelrolleSo hat die Kommunikationschefin am Standort Bangalore einen bemerkenswerten Zweitjob. Sie ist gleichzeitig Direktorin der Menschenrechts-NGO Amnesty International in Indien. Amnesty steckt seit Jahren im Konflikt mit der Regierung Modi und gilt in Indien als quasi verboten.Auf Anfrage heisst es beim Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI), wo Swissnex angegliedert ist, die Mitarbeiterin führe ihr Amt ohne Überschneidung mit ihren Aufgaben bei Swissnex aus «und natürlich ausserhalb ihrer Arbeitszeit». Das sei «Standard bei Nebenbeschäftigungen». Die politische Brisanz der Doppelrolle kommentiert das SBFI nicht.Erst kürzlich musste sich Swissnex wegen seines Standorts in San Francisco erklären. Dort investierte der Bund rund 8,8 Millionen Franken in den Umbau einer ehemaligen Lagerhalle am Pier 17 zum Swiss House – obwohl das Gebäude ihm nie gehörte, wie die Tamedia-Zeitungen kürzlich schrieben. Als die Vermieterin die Miete massiv erhöhen wollte, zog die Schweiz aus und blieb auf den Investitionskosten sitzen.Insgesamt kostete der Standort, den sich Swissnex mit dem Generalkonsulat teilte, über die Jahre mehr als 20 Millionen Franken. Der Bund verteidigt sich, die Investitionen in den Standort seien nötig gewesen. Fehler seien keine gemacht worden. Die Zahlen waren bisher allerdings öffentlich nicht bekannt gemacht worden. Swissnex hat sich mittlerweile an einem neuen Ort in San Francisco eingemietet. Die Leiterin, eine frühere Beraterin von Altbundesrat Alain Berset und ehemalige Leiterin der Denkfabrik Foraus, hat jedoch gekündigt; sie wird Direktorin des Schweizer Instituts in Rom.Die Beispiele führen zu grundlegenden Fragen. Die Eidgenössische Finanzkontrolle thematisierte schon vor zehn Jahren in einem Prüfbericht die grosse Autonomie der einzelnen Swissnex-Standorte und kritisierte den Mangel an Transparenz bei der Finanzierung. Wie transparent arbeitet Swissnex heute? Wie wird der Erfolg gemessen und kontrolliert? Und was genau ist der Auftrag dieser Organisation?Wolkige ZuschreibungenSwissnex sei «die Schweizer Innovationsbrücke ins Silicon Valley», sagt der zuständige Departementsvorsteher Guy Parmelin zum Standort San Francisco. Ein «Instrument des Nation Branding», also der nationalen Imagepflege, wurde das Netzwerk nach der Gründung im Jahr 2000 genannt. Einmal ist es selber eine Innovationsgruppe, dann wieder ein Wissenschaftsnetz oder ein Technikkonsulat. Erschwerend kommt hinzu, dass es für die sogenannte Wissenschaftsdiplomatie, zu der Swissnex gezählt wird, gemäss einem ETH-Bericht noch immer keine anerkannte Definition gibt.Definition hin oder her; man inszeniert sich, und dies gerne öffentlichkeitswirksam. An der Climate-Week in New York im Jahr 2024 versuchte Swissnex mit Podiumsdiskussionen in einem vom Boxen inspirierten Climate-Ring Publikum anzuziehen. Man widme sich «dem Kampf des Jahrhunderts: jenem für den Planeten Erde».Wissenschaftsdiplomat gegen Wissenschaftsdiplomat: Der Swissnex-Climate-Ring an der Climate-Week in New York.PDDen teilweise wolkigen Zuschreibungen und Slogans steht entgegen, was im Online-Auftritt und in den sozialen Netzwerken am sichtbarsten und greifbarsten ist: Swissnex hilft insbesondere Schweizer Firmen und Startups, in den Zielländern Fuss zu fassen. Junge Gründer können in Startup-Camps Firmen und Behörden des Ziellandes kennenlernen. Swissnex vermittelt Kontakte und schult die Unternehmer beispielsweise beim Pitch, also der Präsentation der Geschäftsidee.Doch manchmal profitieren auch ganz gewöhnliche Unternehmen davon. In Brasilien kümmerte sich Swissnex um weggeworfene Zahnbürsten. Ausgehend von einem Swissnex-Workshop, stellte man mit einem gestandenen Schweizer Zahnbürstenhersteller ein Recyclingprojekt auf die Beine, aus den Zahnbürsten fertigte eine lokale NGO Kunstwerke. Im Interview mit einem Blog lobte die frühere Swissnex-Leiterin in Brasilien das Projekt, auch wenn die Wirkung «nicht immer sofort messbar» sei.Kunst und Kreativwirtschaft seien «ein zentraler Bestandteil» der eigenen Arbeit, heisst es in einem Beschrieb von Swissnex Brasilien. Weiter ist die Rede von der «Verbindung künstlerischer Methoden, wissenschaftlicher Forschung, Innovation und überlieferten Wissens der Vorfahren».Eine öffentlich-öffentliche Partnerschaft?Selbstbeschreibungen wie diese tragen nicht zu einem klareren Bild der Organisation bei. Problematisch dabei ist: Swissnex mag noch so erfolgreich sein, doch Aussenstehende können dies nur schwer nachvollziehen. Das SBFI veröffentlicht zwar die Zahl der jährlichen Events (427), der unterstützten Startups (236) oder den Stand bei den Linkedin-Followern (95 629). Geheim bleiben jedoch Indikatoren wie Zielerreichung, Kundenzufriedenheit sowie projektbezogene Einnahmen und Kosten sowie der Personaleinsatz pro Standort.Auch bei der grundsätzlichen Finanzierung bleiben Bund und Swissnex Transparenz schuldig. So weist eine Tabelle des SBFI für letztes Jahr Ausgaben von 13,78 Millionen Franken für das gesamte Swissnex-Netzwerk aus. Davon wurde der Grossteil durch den Bund und 4,9 Millionen Franken durch Partner finanziert.Nun ist es relevant, zu wissen, dass Swissnex sein Finanzierungsmodell selber als Public-private-Partnership bezeichnet. Doch die ausgewiesenen Partnerbeiträge bestehen keineswegs nur aus Geldern privater Unternehmen, wie das SBFI auf Nachfrage bestätigt. Darin steckten ebenso Beiträge von Kantonen, Hochschulen oder bundesnahen Institutionen – ja sogar von anderen Bundesstellen. Das SBFI schlüsselt diese Beiträge aber nicht weiter auf.Bei den Standortmieten zeigt sich dasselbe Bild. Das zuständige Bundesamt für Bauten und Logistik macht keinerlei Angaben zu Mieten, Ausbau und Unterhalt. Die Räume würden teilweise gemeinsam mit Auslandsvertretungen des EDA genutzt, heisst es. «Die Kosten fallen daher gesamthaft an und können nicht für die Swissnex-Standorte separat ausgewiesen werden.»Zur undurchsichtigen Finanzlage kommen mögliche Überschneidungen hinzu. Neben Swissnex gibt es die viel grössere Switzerland Global Enterprise. Diese Organisation von Bund und Kantonen für Standortpromotion und Exportförderung verfügt über rund zweihundert Mitarbeitende in über zwanzig Ländern und hat Tausende Partner weltweit. Und dann gibt es auch noch Innosuisse. Die Bundesagentur für Innovationsförderung unterstützt ebenfalls KMU, Startups und Forschungsinstitutionen im In- und Ausland.Das SBFI sagt dazu, dass sich die verschiedenen Akteure des Aussennetzes regelmässig auf Standortebene koordinierten. «Gemeinsame Aktivitäten sind nicht automatisch Doppelspurigkeiten. Entscheidend ist, dass Mandate, Leistungen und Kostenträgerschaft klar festgelegt sind und keine Leistung doppelt finanziert wird.»Nun werden die Swissnex-Kosten im Detail geprüft. Im Rahmen der Sparbemühungen des Bundes muss auch das Wissenschaftsnetzwerk über die Bücher. Hinzu kommt eine laufende externe Evaluation des Bereichs. Sie soll nächstes Jahr publiziert werden.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel