Glanz und Elend der Guten Dienste: wie die Schweiz seit Jahrzehnten zwischen Iran und den USA vermitteltAm Freitag kommt es auf dem Bürgenstock zum grossen Moment. Eine kurze Geschichte über den mühseligen Dienst der helvetischen Diplomatie.18.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDie Schweiz als Sanatorium der Weltpolitik: Im Hotel Beau-Rivage Palace in Lausanne fand im Jahr 2015 eine entscheidende Verhandlungsrunde zwischen Iran und den USA statt. (Im Bild: US-Aussenminister John Kerry)Laurent Gilliéron / KeystoneAm Freitag will sich die Schweiz so präsentieren, wie sie sich gerne sieht: als ewig neutrales Sanatorium der Weltpolitik, das die Fieberkurven der Grossmächte senkt. Diplomaten genauso wie Polizisten des Kantons Nidwalden bereiten den Weg zum Bürgenstock-Resort und zu einer Absichtserklärung zwischen Iran und den USA. Oder wie es im diplomatischen Jargon des Aussendepartements heisst: «Die Schweiz fazilitiert diese Gespräche.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es soll ein grosser Moment werden in einer langen Geschichte. Seit mehr als vier Jahrzehnten leistet sie Gute Dienste für die USA in Iran. Nur selten liegen Glanz und Elend der schweizerischen Diplomatie so nahe beisammen.«Mühsame Geschäfte»Nach der islamischen Revolution und dem Sturm auf die amerikanische Botschaft in Iran übernahm die Schweiz im Jahr 1980 ein Schutzmachtmandat der USA – und stand fortan zwischen zwei verfeindeten Staaten, die ihre diplomatischen Beziehungen abgebrochen hatten. Bald bemerkten die Diplomaten ihre Ohnmacht: Die nachrevolutionäre Führung Irans sei «völkerrechtlich wenig versiert» und missdeute das Engagement der Schweiz als politische Solidarisierung mit Washington, meldete der Missionschef Paul Stauffer aus Teheran nach Bern. Weil man fremde Interessen vertrete, könne man die eigenen Interessen nur beschränkt wahrnehmen.Staatssekretär Raymond Probst wiederum alarmierte schon im Dezember 1980 den Schweizer Botschafter in Washington, er müsse beim State Department vorstellig werden. Allzu sehr muteten die USA der Schweiz eine «Gehilfen- und Mitläuferrolle» zu. Zudem untergrabe die «Lame-Duck-Administration» von Jimmy Carter laufend die Autorität der Schweiz in Teheran: Obwohl sich Botschafter Lang intensiv um eine «angemessene Weihnachtsfeier und religiöse Betreuung» von amerikanischen Geiseln bemüht habe, sei ihm diese Aufgabe entzogen worden.Noch Jahre später beklagten sich die Diplomaten über die «von amerikanischer Seite willkürlich vorgenommene Arbeitsteilung». So blieben der Schweizer Botschaft in Teheran vor allem «mühsame Geschäfte, deren Erledigung der Gewissenhaftigkeit eines Notars bedarf».Im Jahr 1989 übermittelte Botschafter Heinrich Reimann «streng vertraulich» eine desillusionierte Depesche von Teheran nach Bern: Die Schweiz verfüge über «zu wenig politisches Eigengewicht», um Druck auf die beiden anderen Staaten im Mandatsdreieck auszuüben. Es bleibe deshalb nur, auf «Zeichen des guten Willens» hinzuwirken. Die Dokumente von damals bezeugen den mühseligen Dienst der schweizerischen Diplomatie. Aber Gute Dienste enden auch in schlechten Zeiten nicht.Es ist eine diskrete Arbeit: sogenannte Kommunikationskanäle offenhalten, Botschaften übermitteln, Visa-Vergaben – bereit sein für den grossen Moment, in dem eine gegenseitige Annäherung plötzlich wieder möglich erscheint.«Ich bin neutral»Im Jahr 2015 empfing die Schweiz im Hotel Beau-Rivage Palace in Lausanne zur entscheidenden Verhandlungsrunde für ein Abkommen zwischen Iran und den USA. Ein Guter Dienst, wie er besser nicht passen könnte zum Selbstbild der Schweiz.Diplomatisches Gastgebertum als Thriller: im Hotel die Weltpolitik, auf dem Hotel die Schweizer Fahne.Jean-Christophe Bott / KeystoneIn der TV-Serie «The Deal» verdichtet der welsche Filmemacher Jean-Stéphane Bron die langwierigen Verhandlungen zu einem rasanten Kammerspiel: Diplomatisches Gastgebertum wird zum Thriller. Die Schweizer Missionsleiterin spielt die Hauptrolle, obwohl sie nur hinter den Kulissen agiert.Wenn die amerikanische Verhandlerin vor die Kameras tritt, zieht sie sich zurück in die schweizerische Hotelwelt, in die Tiefgarage, wo in einem abgedunkelten Mercedes-Kleinbus der nächste Verhandler herangefahren wird, oder in die gedämpften Gänge. Wenn sie von den fussballschauenden Iranern gefragt wird, für welches Team ihr Herz schlage, lächelt sie und sagt: «Ich bin neutral. Möge der Bessere gewinnen.» Zwar hat sie abseits der Staatsaffäre, um die sie sich als Diplomatin offiziell kümmert, eine inoffizielle Liebesaffäre – aber am Ende wird das Abkommen unterzeichnet.Das ist der Glanz der schweizerischen Diplomatie, wie es ihn zumindest in der fiktiven Serienwelt gibt. In der realen Welt wurde das Abkommen von Donald Trump aufgekündigt. Und gab die Schweiz ihre Botschaft zweimal kurzzeitig auf, als die USA Iran angriffen. Dass der zurückgekehrte Botschafter über Alkoholvorräte in der Botschaft berichtete, soll das iranische Regime verärgert haben – so wusste es der «Blick».Und doch beteuerte die Schweiz immer: Man halte die Kommunikationskanäle offen. Man sei bereit. Am Freitag soll wieder eine Absichtserklärung zwischen Iran und den USA unterzeichnet werden, wieder in einem Hotel in der Schweiz.Passend zum Artikel