Als die Verfolger nach 166,6 Kilometern das Ziel der zehnten Etappe der Tour in Le Lioran erreichen, ist Tadej Pogačar längst im Ziel. Sechs Fahrer kommen dicht beieinander an. Jonas Vingegaard hat sie über weite Strecken angeführt. Er fährt im Wind, die anderen kleben an seinem Hinterrad. Dann beginnt der Sprint. Remco Evenepoel zieht an. Paul Seixas und Florian Lipowitz folgen, dann Juan Ayuso und Mattias Skjelmose.Einer nach dem anderen überholt Vingegaard. Er kann nicht mehr reagieren. Kein Antritt, kein Aufbäumen. Eben noch führt er die Verfolgung, nun verliert er den Anschluss. Als Letzter der Gruppe rollt er über die Linie. Siebter.Allein mit dem Gesicht im WindVingegaard verliert an diesem Tag 44 Sekunden auf Pogačar. Schon auf der sechsten Etappe in den Pyrenäen hatte er zuvor als Zweiter 2:38 Minuten auf den Slowenen eingebüßt. Mit Zeitgutschriften im Ziel ergab das einen Rückstand von 3:36 Minuten. Solche Zahlen vermessen Niederlagen im Radsport präzise. Doch die Sieben in Le Lioran erzählt mehr. Pogačar gewinnt. Danach kommen Fahrer ins Ziel, die man bislang unterhalb des großen Duells einsortierte. Nun fahren sie vor Vingegaard ein.Seine Mannschaft ist zu diesem Zeitpunkt verschwunden. Wout van Aert fehlt verletzt. Matteo Jorgenson stürzt auf der Abfahrt vom Puy Mary. Sepp Kuss kann nicht folgen. Davide Piganzoli begleitet seinen Kapitän noch, kapituliert aber nach Pogačars Angriff. Also fährt Vingegaard allein. Kilometerlang sitzt er vorn in der Verfolgergruppe, das Gesicht im Wind, als gelte noch die alte Ordnung: Pogačar greift an, Vingegaard jagt hinterher. Die anderen mit Abstand. Doch diesmal sitzen sie direkt hinter ihm. Und sie verfolgen nicht nur Pogačar. Sie fahren auch gegen Vingegaard.Pogačar wird zur Fata MorganaDabei hatte für den neunundzwanzigjährigen Dänen alles glänzend begonnen. Mit einem Triumph. Die Tour startet in Barcelona mit einem Mannschaftszeitfahren. Visma-Lease a Bike fliegt durch die Stadt, ihr Kapitän Vingegaard überquert als Erster die Linie. Schnellste Zeit. Gelbes Trikot. Zwölf Sekunden Vorsprung auf Pogačar. Auf dem Podium nimmt Vingegaard Glückwünsche entgegen. Seine Mannschaft zeigt Stärke, ihr Kapitän trägt Gelb. Der Kampf kann beginnen. So sieht es aus.Auch die nächsten Tage passen ins Bild. Auf der zweiten Etappe verteidigt Vingegaard das Gelbe Trikot. Einen Tag später verliert er es an Pogačar, doch beide liegen noch eng beieinander. Es ist die vertraute Ordnung der Tour. Sie wirkt inzwischen fast wie Teil des Reglements. Pogačar kann überall gewinnen. Vingegaard ist der Mann, der ihn im Juli schlagen will. Zweimal gelingt es ihm. 2022 und 2023.Seitdem steht das Duell im Mittelpunkt der Tour. Der Alleskönner gegen den Spezialisten, Angriffslust gegen mathematische Präzision. In Lioran ändert sich alles. Vingegaard nur Siebter. In der Gesamtwertung bleibt er zwar Zweiter, doch Evenepoel liegt nur noch 30 Sekunden zurück. Und die Meute der Hungrigen folgt dicht dahinter.Pogačar bleibt Pogačar. Vingegaard aber ist nicht einfach Vingegaard. Sein Leben in diesem harten Sport, seine Rolle, sein Rang, auch seine öffentliche Identität hängen an einem anderen. An Pogačar. Der Slowene ist alles: Klassikerjäger, Weltmeister, Rundfahrer, Angreifer. Vingegaard ist der Mann, der ihn bei der Tour wieder schlagen soll. Doch Pogačar ist längst mehr als ein Gegner. Er wird zur Fata Morgana. Vingegaard sieht ihn vor sich, richtet sein Jahr auf ihn aus, trainiert im Höhencamp, hält Diät, lebt wochenlang fern der Familie – und doch rollt Pogačar immer weiter davon. Der Unerreichbare.Ehefrau Trine warnt und fordertWas macht das mit einem Fahrer? Mit einem Mann, dessen größte Niederlage jedes Jahr denselben Namen trägt? Die Antwort hat seine Frau Trine schon im Sommer 2025 gegeben, als sie öffentlich warnte, das Team treibe ihren Mann zu weit. Es vergesse den Menschen hinter dem Athleten.Ihr Mann könne seine Batterien nicht in einem weiteren dreiwöchigen Höhentrainingslager aufladen, sagt sie. Er müsse nach Hause, nach Dänemark, zur Familie. Vingegaard weist das damals zurück. Die Aussagen seien aus dem Zusammenhang gerissen, die dänischen Medien hätten aus nichts eine Geschichte gemacht. Ein Jahr später klingt das anders.Vingegaard hält die Welt auf DistanzSchon bei der Vorstellung seines Programms für 2026 spricht Vingegaard ungewöhnlich offen über die Gefahr des Ausbrennens. Höhentrainingslager, Diäten, Leistungstests, minutiöse Vorbereitung, Stürze, Dauerstress. Immer bereit. Immer leicht. Immer besser. Er sei dem Burnout nahe gekommen. So habe es nicht weitergehen können. Das Team reagiert. Sein Programm wird stärker auf ihn zugeschnitten. Weniger lange Höhentrainingslager, weniger Zeit fern der Familie, mehr Rücksicht auf den Menschen hinter dem Profi.Seine Erfolge geben ihm zunächst recht. Vingegaard gewinnt Paris–Nizza, die Katalonien-Rundfahrt und den Giro d’Italia, drei Etappenrennen. Dann geht es wieder zur Tour. Auf in den Kampf mit Pogačar. Vingegaards Rolle verengt sich auf drei Wochen im Juli und auf einen einzigen Gegner. Der brilliert auf Kopfsteinpflaster, in den Ardennen, in den Pyrenäen und in den Alpen. Er gewinnt im Frühjahr, im Sommer und im Herbst. Danach lächelt er in die Kameras, macht einen Scherz, umarmt einen Gegner. Strahlemann, Charmeur, Everybody’s Darling. Und Vingegaard?Er bleibt der Jäger. Der Spezialist für lange Anstiege, Höhe, Hitze und Entbehrung. Er ist der Leidensmann. Auf der rasenden Fahrt durch Frankreich droht er nun, seine Rolle zu verlieren. Nicht mehr der große Rivale Pogačars zu sein. Nur noch einer aus der Gruppe dahinter. Schmal, ernst, pflichtbewusst. Immer auf der Spur eines Gegners, der nicht nur stärker wirkt, sondern auch freier.An diesem Wochenende stehen zwei Bergetappen an. Am Samstag geht es nach Le Markstein in den Vogesen, am Sonntag hinauf zum Plateau de Solaison. Es warten viele Höhenmeter. Die Anstiege sind länger. Auf solches Gelände hofft Vingegaard. Dass er in diesen Tagen außerhalb des Rennens mit Maske unterwegs ist, passt ins Bild. Er schützt sich vor Infekten, zieht sich zurück und hält die Welt auf Distanz.Am Wochenende wird sie ihn wieder einholen. Dann muss er auf der Strecke Fragen beantworten: Kann er Pogačar noch angreifen? Oder reiht er sich in die Gruppe der Verfolger ein? War die Sieben ein Unfall? Und kann er den Rückstand in einem überschaubaren Rahmen halten, um dann auf den brutalsten Etappen dieser Tour am Freitag und Samstag der kommenden Woche Pogačar noch einmal gefährlich zu werden?
Jonas Vingegaard bei der Tour: Kann er Tadej Pogačar noch schlagen?
Jonas Vingegaards Identität hängt an Tadej Pogačar. Bei der Tour de France fährt der Däne, als gelte die alte Ordnung noch – doch längst droht ihm der Verlust seiner Rolle. Was macht das mit einem Fahrer?










