Jonas Vingegaard droht am Enigma Pogacar zu verzweifeln – deshalb hat er die Vorbereitung für die Tour de France über den Haufen geworfenTadej Pogacar gilt als der grosse Favorit an der Frankreich-Rundfahrt. Vingegaard ist jedoch der Einzige im Peloton, der ihn schon bezwungen hat auf der Tour. Doch beim Dänen ist vieles anders als in den vergangenen Jahren.05.07.2026, 05.30 Uhr6 Leseminuten«Ich musste nicht 100 Prozent geben»: Jonas Vingegaard feiert den Sieg am Giro d’Italia 2026 mit seinen Kindern.Fabio Cimaglia / EPAJonas Vingegaard hat die Ziellinie in dieser Saison schon neunmal als Erster überquert. Andere Radprofis reissen in solchen Momenten die Arme hoch oder ballen die Faust. Vingegaard hingegen küsst dreimal den Lenker seines Velos.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Darauf hat er ein Bild von seiner Frau Trine, seiner Tochter Frida und seinem Sohn Hugo geklebt. In den sozialen Netzwerken kursieren Videos aus dem Teamfahrzeug von Visma – Lease a Bike, aufgenommen in Rennphasen, in denen sich Vingegaard besonders quält. Dann brüllt der Rennchef Grischa Niermann ins Funkgerät: «Mach es für Trine. Mach es für Frida.» Das wirkt theatralisch. Aber der 29-jährige Vingegaard sagt: «Am Lenker sind diese drei immer bei mir.» Das Foto verleihe ihm zusätzliche Energie.Er hat in der Vergangenheit wiederholt gesagt, dass es ihm schwerfalle, während Höhentrainingslagern und Rennen von der Familie getrennt zu sein. Sie ist für ihn Zufluchtsort und eine der wenigen Konstanten in seiner Karriere – denn sportlich hat sich für Vingegaard vieles geändert. Deshalb schwebt über der laufenden Tour de France die Frage, was das bei ihm auslöst: Erringt er den dritten Toursieg? Oder gibt es ein sportliches Fiasko am grössten Velorennen der Welt?Ein fürchterlicher Sturz raubt Vingegaard die LeichtigkeitIn den vergangenen beiden Jahren ist Vingegaard an der Tour gegenüber dem Dominator des Radsports, Tadej Pogacar, ins Hintertreffen geraten. Nach seinen Gesamtsiegen 2022 und 2023 triumphierte der Slowene Pogacar zuletzt zweimal in Serie. Vingegaard hatte weder 2024 noch im vergangenen Jahr eine realistische Chance auf den Gesamtsieg.Ist er zu knacken? Tadej Pogacar startet erneut als grosser Favorit zur Tour de France. Auf dem Bild fährt er dem Gewinn der Tour de Suisse 2026 entgegen.Vincent Kalut / ImagoDafür gibt es Gründe, zum Beispiel den fürchterlichen Sturz 2024 an der Baskenland-Rundfahrt, bei dem sich Vingegaard schwer verletzte und unter anderem einen Pneumothorax erlitt. Der Unfall verletzte nicht nur den Körper, sondern zerstörte auch das mentale Gleichgewicht. Vingegaard erzählte später, er habe an diesem Tag den Tod vor Augen gehabt. Auch der Gedanke an den Rücktritt spukte im Kopf herum. Erst die Ehefrau habe ihn vom Weitermachen überzeugt.Fortan wirkte Vingegaard nicht mehr so leichtfüssig und angriffslustig wie bei seinen Tour-Siegen. Während Pogacar in den letzten Jahren auch an den Frühjahres-Classiques mit sichtlichem Elan startete – und siegte, fokussierte Vingegaard sich stur auf die Tour de France. Nur um dort gegen Pogacar bald einmal in die Defensive zu geraten und in der Gesamtwertung den Kürzeren zu ziehen. Seine Equipe wirkte ideenlos, vorbei war die Zeit taktischer Meisterstücke.Vingegaard war im vergangenen Jahr nahe an einem BurnoutIm Januar räumte Vingegaard an einer Pressekonferenz ein, dass er letztes Jahr kurz vor einem Burnout gewesen sei. Der ständige Druck, Pogacar zu schlagen, die riesige Aufmerksamkeit auf der Bühne der Tour de France, die lange Abwesenheit von der Familie. Das alles machte dem Dänen zu schaffen. Das Duell mit dem slowenischen Dominator hat nebst der physischen eine psychische Komponente: «Ich habe gelernt, auf mich zu hören. Ich achte nun darauf, mir Auszeiten zu nehmen, wenn es nötig ist», sagte Vingegaard.Seine Mannschaft Visma – Lease a Bike ist bekannt für ein wissenschaftlich ausgetüfteltes System. Jede Kalorie wird gezählt, jede Trainingseinheit seziert, die Leistungsdaten werden minuziös ausgewertet. Doch in den zwei schwierigen Jahren, unter dem Eindruck des drohenden Burnouts, hat Vingegaard sich ein Stück weit von diesem Regime emanzipiert: «Es liegt an mir, dem Performance-Team zu sagen: Stopp. Das ist zu viel für mich. Wir müssen etwas ändern», sagt er.Eine Folge davon war eine radikal veränderte Vorbereitung auf die Tour de France. Vingegaard hat in dieser Saison drei Etappenrennen bestritten, die er allesamt souverän für sich entschieden hat: Paris–Nizza, die Katalonien-Rundfahrt und zuletzt den Giro d’Italia mit einem beachtlichen Vorsprung. Mit dem Gesamtsieg an der Italien-Rundfahrt hat er als erst siebenter Radprofi jede der drei Grand Tours gewonnen. Diese Marke hat er Pogacar voraus. Vingegaard sagte: «Es ist mehr, als ich mir als Bub erträumt habe.»Nach einer dreiwöchigen Rundfahrt behält Vingegaard die FormDoch der Start am Giro war im Hinblick auf die Tour de France auch ein Wagnis; das Double aus Siegen an diesen beiden Rundfahrten gilt als besonders schwierig. Gut möglich, dass Vingegaards Plan aus der Not geboren ist. Mit einem Grand-Tour-Sieg im Sack zur Tour de France anzutreten, das nimmt Druck von den Schultern. Seine Kritiker behaupten das zumindest. Seit drei Jahren versucht Vingegaard, das Enigma Pogacar zu lösen. Hilft ihm der Umweg über Italien, die Lösung für dieses Rätsel zu finden?Ein Blick in die Daten nährt diese Hoffnung. Nach dem verpassten Tour-Sieg letztes Jahr siegte Vingegaard wenige Wochen später an der Vuelta. In Abwesenheit Pogacars zwar, aber die Leistungsdaten zeigten, dass Vingegaards Werte nach einer dreiwöchigen Rundfahrt wie der Tour de France paradoxerweise nicht schlechter werden, sondern stabil bleiben oder sogar besser werden.Zwei Tage vor dem Tour-Start in Barcelona spricht er an der Pressekonferenz der Favoriten über seine Vorbereitung: «Ich musste beim Giro nicht hundert Prozent geben. Deshalb habe ich mich rasch erholt.» Er hatte mehr freie Tage mit der Familie als in anderen Jahren. Die letzten Wochen verbrachte er im Höhentrainingslager in Tignes. «Ich fühle mich bereit für die Tour. Auch wenn Pogacar für mich der grosse Favorit ist. Er ist der beste Velofahrer der Geschichte.»Vingegaard hat mehr Renntage als PogacarAugenblicke später fährt Vingegaard mit seinen Teamkollegen eine Allee hinunter zur Fahrerpräsentation. Dann steht er auf einer Bühne, hinter ihm ragt 172,5 Meter hoch die Sagrada Família empor. Die Basilika mit dem höchsten Kirchturm der Welt, die seit Baubeginn 1882 unvollendet ist, Irrungen und Wirrungen hinter sich hat. 2035 soll sie fertiggestellt werden.Von einem Irrweg will Vingegaard in Bezug auf die vergangenen Jahre nicht sprechen. Doch er sagt: «Ich verspürte wenig Motivation, mich gleich wie in den letzten fünf Jahren auf die Tour vorzubereiten. Ich wollte neue Reize. Also haben wir die Vorbereitung über den Haufen geworfen.» Er hat so viele Renntage in den Beinen wie selten zuvor, mehr als Pogacar sogar. Die zahlreichen Wettkämpfe, der Neustart, scheinen ihm gutzutun. Freundlich gibt er Auskunft, gibt sich reflektiert, wirkt ruhig und voller Vorfreude. Er sagt: «Psychisch geht es mir viel besser als im vergangenen Jahr.»Trotz aller Zuversicht ist das System um Vingegaard fragiler als bei seinen Tour-Siegen. Sein langjähriger Trainer verliess die Visma-Equipe im vergangenen Winter und wechselte zu Red-Bull-Bora-Hansgrohe. Der neue Coach soll fordernder sein, Unangenehmes eher ansprechen, Vingegaard stärker pushen. Das muss nicht schlecht sein. Hinzu kommt, dass der langjährige Rennchef Niermann, einer der Architekten der beiden Tour-Siege, Anfang September zu Lidl-Trek wechseln wird.Van Aerts Ausfall wiegt schwerObendrein ist Vingegaards Team an dieser Tour nicht mehr so breit aufgestellt wie früher. Wout van Aert, der wichtige Road-Captain, hat sich an der Tour Auvergne-Rhône-Alpes eine Ellbogenverletzung zugezogen. Weil sich die Blessur entzündete, fehlt Vingegaard nun der wichtigste Helfer. Der sagt: «Es ist ein grosser Verlust. Aber wir haben auch so ein starkes Team.»Es spricht an dieser Tour de France einiges gegen Vingegaard. Schon wieder. Doch genau das könnte ein Vorteil werden. Seine Rolle im Kreis der Favoriten hat sich verändert. Der Däne, der das Rampenlicht nicht unbedingt sucht, steht nicht mehr alleine im Fokus als Herausforderer. Frankreich hofft auf das 19-jährige Wunderkind Paul Seixas, Deutschland auf Florian Lipowitz, Belgien auf Remco Evenepoel. Die Spitze ist breiter besetzt als in früheren Jahren.Vingegaard weiss, dass er der einzige Fahrer in diesem Kreis ist, der Pogacar schon bezwungen hat. «Ich weiss, dass ich ihn an den langen Aufstiegen abhängen kann. Dieses Wissen ist extrem wichtig.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel