Was wäre der Radsport ohne seinen großen Dominator? Spannender, wie es so oft heißt, jedenfalls nicht. Jonas Vingegaard hat die Konkurrenz beim Giro d’Italia, der am Sonntag in Rom zu Ende gegangen ist, in Grund und Boden gestampft. Doch einen wurde der Radprofi bis zum Schluss nicht los: Tadej Pogačar.Der Slowene war zwar gar nicht dabei bei der Hatz durch Italien – in den Erzählungen über dieses Rennen fuhr der mit Abstand beste Fahrer der vergangenen zwei Jahre aber stets mit. Er ist die Referenzgröße für alles, an der sich auch Vingegaard messen lassen muss. Vor allem Vingegaard. Schließlich hat niemand sonst Pogačar bei den größten Rundfahrten geschlagen.In dieser Hinsicht musste der Däne in Italien mal wieder eine Erfahrung machen, die ihm schon bekannt vorkommen dürfte: „Amore infinito“ – das Motto des Giro – gibt es vor allem für Pogačar. Vingegaard wird die „unendliche Liebe“ der Radsportwelt selten zuteil. Meist reicht es nur für ein bisschen „amore“. Ihm fliegen die Herzen nicht so leicht zu wie seinem großen Rivalen, der dem Rennen bei seinem Debüt 2024 eine selten da gewesene Aufmerksamkeit und drei fast ausschließlich rosarote Wochen beschert hatte.Triumphe bei allen drei RundfahrtenPogačar dominierte die Rundfahrt damals, gewann sechs Etappen und fuhr mit einem Vorsprung von knapp zehn Minuten ins rosafarbene Siegertrikot. Vingegaard kam am Sonntag in Rom mit rund fünfeinhalb Minuten Vorsprung in der Gesamtwertung ins Ziel, fünf Etappensiege waren ihm in Italien gelungen. Das ist nicht ganz die Pogačar-Liga, aber auch nicht weit weg davon. Doch seine Dominanz kam auch beim Giro in diesem Jahr nicht so brachial daher. Pogačar fährt spektakulärer. Mal gewinnt er mit langen Soloattacken, mal mischt er sogar in Sprints mit. Vingegaard agiert zurückhaltender, taktiert häufiger, tritt nur so stark, wie er muss. Das schlägt sich in den Reaktionen nieder.Als er bei einer Etappe mit Ziel in Mailand für die Sicherheit der Klassementfahrer eine Zeitnahme vor der letzten Schlussrunde auf dem Stadtkurs mit den schlechten Straßenverhältnissen erwirkte, murrten italienische Medien, die zwei Jahre zuvor noch ins Schwärmen geraten waren, als Pogačar einem Kind am Streckenrand eine Flasche in die Hand gedrückt hatte. Und manch ein ehemaliger Fahrer, der heute als Experte Geld verdient, forderte während des Rennens mehr Spektakel vom Dänen.Der war die Italien-Mission sehr kontrolliert angegangen, im Verlauf der Rundfahrt aber immer besser geworden und nie in Probleme geraten. In der zweiten Hälfte gewann er drei Etappen. Dabei hatte man stets das Gefühl, Vingegaard hätte am Berg noch den einen oder anderen Gang hochschalten können. Die Königsetappe ließ der Neunundzwanzigjährige sogar seinen treusten Helfer Sepp Kuss gewinnen. Noch mehr Spektakel? Das hat ein Mann wie er nicht nötig.Worauf er da von Beginn an zusteuerte, war an sich auch schon spektakulär genug. Triumphe im Gesamtklassement in allen drei großen Landesrundfahrten waren vor ihm nur sieben Fahrern gelungen. Es handelt sich dabei um einen erlesenen Kreis, dem auch Pogačar noch nicht angehört, weil ihm noch die Vuelta a España fehlt.Vingegaard war in Italien angetreten, um dieses Ziel zu erreichen, ohne sich dabei vor der Tour de France, die er im Sommer auch noch gewinnen möchte, völlig zu verausgaben. „Im Idealfall muss er nicht jeden Tag komplett ans Limit gehen“, hatte sein Sportchef Grischa Niermann vor dem Giro im F.A.Z.-Interview gesagt. So kam es dann auch. Wenn überhaupt, schien Vingegaard nur einmal richtig erschöpft zu sein. Nach dem flachen Zeitfahren auf der zehnten Etappe, als er hinterher davon berichtete, dass er sich mit einer leichten Erkältung angesteckt hatte. In der Schlusswoche dachte er schon an die Tour. Und vermutlich auch an Pogačar.„Ich glaube, dass ich nicht am Ende bin“„Es hängt auch davon ab, wie man aus dem Giro herauskommt“, sagte Vingegaard zu diesem ambitionierten Projekt. „Wenn man nach dem Giro völlig am Ende ist und zwei Wochen Pause braucht, um wieder trainieren zu können, dann wäre das keine gute Vorbereitung. Aber ich glaube, dass ich nicht am Ende bin. Ich habe auch nach diesem Giro ein gutes Gefühl.“ Seine Form bezeichnete er als „extrem gut“, wenngleich sein Lager hofft, dass er zur Frankreich-Rundfahrt noch besser werden kann. Dann wäre der Weg frei für das nächste große Duell mit Pogačar.Das war nach dem schweren Sturz von Vingegaard im April 2024 zuletzt einseitiger zugunsten des Slowenen ausgefallen. Nun gibt es nicht ganz unberechtigte Hoffnungen, dass sich Vingegaard ihm wieder annähern könnte. Der Däne brach auf der letzten schweren Etappe am Piancavallo-Anstieg einen alten Rekord von Marco Pantani – und sah nicht so aus, als hätte er dafür komplett ans Limit gehen müssen, während sich andere Fahrer mit verzerrtem Gesicht abstrampelten.Der Radsport mag mit dem Franzosen Paul Seixas und dem Deutschen Florian Lipowitz zwei neue Akteure haben, die im Juli im Kampf um das Podium mitmischen werden. Die vielleicht sogar noch mehr erreichen können. Doch im Fokus steht zunächst vor allem wieder das Duell zwischen Vingegaard und Pogačar, welches die Radsportwelt schon so lange bewegt. Das liegt auch an den unterschiedlichen Persönlichkeiten. Der eine fährt mit Herz, der andere mit Hirn.Beim Giro war das wieder gut zu beobachten. Vingegaard ging dem Chaos, das dieser Rundfahrt mit ihren Wetterkapriolen und teils schlechten Straßen innewohnt, so gut es ging aus dem Weg, sprintete vor Abfahrten an die vorderste Position, um sein Schicksal nicht in die Beine und Hände anderer zu legen.Doch schon jetzt ist auch abzusehen, dass es so nicht mehr ewig weitergehen wird. Seinen Trip nach Italien nutzte Vingegaard auch dazu, um mit Gerüchten über seine Zukunft aufzuräumen. Mit Netcompany ist ein dänischer Sponsor beim Team Ineos eingestiegen. Sofort kamen Spekulationen auf, ob Vingegaard das Team wechseln könnte. „Dieses Jahr bin ich seit acht Jahren Profi. Ich kann mir auch nicht vorstellen, noch bis zu meinem 35. Lebensjahr zu fahren“, sagte Vingegaard, der in diesem Jahr 30 wird. Gleiches gilt für einen Wechsel zu einem anderen Team. Das Karriereende bei Visma-Lease a Bike ist im Moment das wahrscheinlichste Szenario.Wann der richtige Zeitpunkt dafür ist, weiß Vingegaard noch nicht. Er will von Jahr zu Jahr entscheiden, ob und wie es für ihn weitergeht. Doch seine Aussagen lassen darauf schließen, dass das Ende schon näher ist, als mancher vielleicht denkt. Vingegaard reist aus Italien als Mann ab, der so gut wie alles erreicht hat, was er erreichen wollte. Das kann ihn gefährlicher machen – oder das Gegenteil bewirken. Die Gegenwart ist rosarot. Was nun kommt, ist in vielerlei Hinsicht eine Fahrt ins Blaue.
Giro d'Italia: Jonas Vingegaard ist bereit für das nächste Duell mit Tadej Pogačar
Bei seinem Giro-Sieg kann Jonas Vingegaard Kräfte für die Tour de France aufsparen – und das nächste Duell mit Tadej Pogačar. In Italien räumt der Däne auch noch mit Gerüchten über seine Zukunft auf.











