Er flog nach Rom wie jemand, der seine Arbeit getan hat. Jonas Vingegaard, der Mann mit dem leisen Lächeln und der lauten Bilanz, verabschiedete sich vor dem Final-Akt in die Hauptstadt und ließ noch einen Satz zurück, der als Gruß an die Konkurrenz verstanden werden konnte: „Ich bin ein Radprofi. Ich will so viel gewinnen wie möglich.“ Was der Däne in drei Wochen Giro d’Italia anrichtete, war jedenfalls weniger ein Tanz als eine Vermessung: „Eigentlich wollte ich das Rosa Trikot holen und eine Etappe gewinnen. Jetzt ist es Rosa plus fünf Etappen geworden. Das lief besser, als ich es mir vorstellen konnte.“ Am Sonntag musste der 29-Jährige nur noch ins Ziel von Rom rollen.Piancavallo, Dolomitenrand, die letzte echte Gelegenheit, das Skript umzuschreiben, offenbarte sich am Samstag. Vingegaard nahm sie nicht mit einer Geste der Befreiung, sondern der Bestätigung. Er gewann die Bergankunft, zog die Linie hart über den letzten Kilometer, und was übrig blieb, war die Statistik: 1:15 Minuten auf Felix Gall, den einzigen Rivalen, der im Hochgebirge halbwegs durchhielt. Vor der Schlussankunft in Rom hatte Vingegaard mehr als fünf Minuten Vorsprung in der Gesamtwertung angehäuft. Nach der finalen 21. Etappe in Rom lag Vingegaard in der Gesamtwertung 5:22 Minuten vor Gall. Der Italiener Jonathan Milan holte den Tagessieg im Sprint.Gall, 28, fährt damit in ein österreichisches Geschichtsbuch, das dünn war und nun eine neue Seite hat. Vorher: Adolf Christian, Dritter der Tour de France 1957. Dazwischen: der Schattenfall Bernhard Kohl, gestrichen aus der Bilanz nach einer Dopingsperre. Jetzt: Gall, als Gesamtzweiter einer Grand Tour.Radsport:Erst Rosa, dann GelbJonas Vingegaard nimmt erstmals in seiner Karriere am Giro d’Italia teil und gilt in Abwesenheit von Tadej Pogacar als klarer Favorit. Der Däne erhofft sich davon auch einen Effekt für die Tour de France.Vingegaard selbst verschiebt mit diesem Sieg seine Koordinaten. Der zweimalige Toursieger und amtierende Vuelta-Champion, schließt die Sammlung und steigt in einen kleinen Klub auf: Fahrer, die alle drei großen Rundfahrten mindestens einmal gewonnen haben. Die Liste ist kurz und schwer: Eddy Merckx, Bernard Hinault, Jacques Anquetil und jetzt dieser Däne. Der Dominator dieses Radsportzeitalters, Tadej Pogacar, hat dieses Triple noch nicht beisammen, der Vueltasieg fehlt dem Slowenen noch. Teil der Wahrheit und Teil von Vingegaards Girosieg ist aber auch, das Pogacar in diesem Jahr verzichtete.Die Bedeutung von Vingegaards Erfolg reicht dennoch über die Via dei Fori Imperiali hinaus, wo am Sonntag die Ehrenrunde die Chronik schloss. In Frankreich steht jetzt das Duell bevor, das seit einigen Jahren den Radsport-Sommer sortiert: Vingegaard gegen Tadej Pogacar, das Pendel zwischen Genie und Geometrie. Auch nach diesem Giro wird der Däne in vielen Beobachteraugen als Außenseiter ins Rennen gehen. Ein Etikett, das ihm stehen könnte, weil es weder Last noch Pose verlangt.„Ich glaube, dass Pogacar dieses Jahr noch die Nase vorn hat“, sagte Florian Lipowitz aus Ulm unlängst, Dritter der vergangenen Tour de France hinter Pogacar und Vingegaard: Vingegaard, so Lipowitz, habe aber genügend Zeit zur Erholung, er werde in Topform an den Start gehen. In Lipowitz’ Einschätzung schwang mit, dass die schwierigste Radrundfahrt der Welt in diesem Juli enger werden könnte als zuletzt.Die Referenz liegt nah: 2024 gelang Pogacar das Double aus Giro und Tour, er dominierte seinerzeit den Mai wie ein Naturereignis. Sechs Etappen, knapp zehn Minuten Vorsprung. In Paris setzte er sich dann gegen den aus einer Verletzung kommenden Vingegaard durch. Diesmal könnte die Statik kippen. Der Giro des Dänen war kein Feuerwerk, sondern eine Temperaturkurve: ein Zeitfahren, das als Sparplan funktionierte; Bergetappen, die nicht explodierten, sondern ausdünnten; ein Team, das die Dramaturgie nicht erfand, sondern verwaltete. Wer ihm folgen wollte, musste Zinsen zahlen.Der Giro selbst zeigte sich in diesem Jahr als Architekt, der mit alten Steinen neue Räume baut. Es war natürlich mal wieder ein extrem anspruchsvoller Parcours, mit fünf schweren Bergetappen und fast 50 000 Höhenmetern. Aber es hat in der Historie der Italienrundfahrt schon brutalere Konzeptionen gegeben. Die Etappen waren häufiger wie in Sätzen komponiert: Crescendi, Pausen, ein Nachhall im Finale. Das begünstigte jene, die nicht nur Kletterer oder Zeitfahrer sind, sondern Interpreten. Vingegaard, wen wundert’s, las die Partitur am besten. Der Österreicher Gall dagegen setzte Akzente, die das Stück atmen ließen: ein frühes Antreten, das die Hierarchien prüfte; ein kaltes Abfahren, das den Mut außerhalb des Rampenlichts zeigte; ein stilles Nicken im Ziel, als Beifall durch die Absperrungen wehte.Die Bilanz des Jonas Vingegaard: Rosa Trikot, fünf Etappensiege, ein Vorsprung, der seinen Sieg unverhandelbar macht. Ein Zweiter, der für sein Land eine Tür aufstößt. Und ein Dritter, der dem deutschen Team Red Bull-Bora-hansgrohe ein weiteres Grand-Tour-Treppchen beschert. Denn, ohne seine Top-Pelotonisten angetreten, darf der Raublinger Rennstall immerhin den dritten Gesamtrang des Australiers Jai Hindley notieren. Bei der Tour de France soll dann die Red-Bull-Doppelspitze mit Florian Lipowitz und Reiko Evenepoel eingreifen, um Vingegaard und Pogacar zu attackieren.