Keine Ahnung, ob es daran lag, dass ich auf dem Weg nach Zürich und nicht nach Wuppertal war, jedenfalls saß ich im Bordrestaurant der Schweizer Bahn und hatte gerade das Schweizer Apéroplättli bestellt, als auf einmal Unruhe aufkam. Was heißt Unruhe? Eigentlich änderte sich nicht viel. Die Menschen um mich herum plauderten weiter, tranken Kaffee, schauten durch die Gegend, und doch war irgendetwas anders, da war eine Spannung im Raum, die ich mir nicht erklären konnte – dann drehte ich mich um.Sie stand so nah hinter mir, dass mir ihr Duft (zitronig) in die Nase stieg: eine ausnehmend attraktive Frau Mitte 30, kein High Fashion Model, eher eine konventionelle Schönheit. Wohlproportionierter Körper, verdächtig volle Lippen, athletische Oberarme, ultraelegantes Outfit, in der einen Hand ein Louis-Vuitton-Täschchen, in der anderen einen dieser teuren Rimowa-Rollkoffer. Ihre Fingernägel waren gespenstisch gepflegt, ihre Gesichtshaut glatt wie ein lackierter Tisch, kein Fältchen weit und breit, ihr Teint schimmerte golden, und wenn sie ihren Kopf drehte, federte ihr weizenblondes Haar sachte nach. Ohne es zu wollen, suchte ich sie nach einem Schönheitsfehler ab, einem Pickelchen, einer störrischen Locke, aber ich entdeckte keinen. Tatsächlich erinnerte sie mich in ihrer Perfektion an einen dieser Avatare, denen man jetzt häufiger im Internet begegnet.Nun sollte man Frauen, erst recht als Mann, auf keinen Fall aufgrund von Äußerlichkeiten bewerten, und ich versuche, mich auch daran zu halten. Aber ich weiß auch, dass sich, selbst wenn man sich noch so stark dagegen wehrt, gewisse Assoziationen einfach einstellen, weil man nun mal ein Mensch ist. Man kann sie leugnen, aber ich gestehe, an diesem Tag in diesem Bordrestaurant waren sie da, ich konnte nichts dagegen tun. Ich sah also diese Frau und dachte an: Fünf-Sterne-Hotels in Dubai, Formel-1-Rennen in Monte Carlo, Louis-Roederer-Champagner, Hyaluron-Filler, Personal Trainer, VIP-Tickets für alles (außer Schiller-Inszenierungen). Ich verband ihre Erscheinung automatisch mit einem Jetset-Leben und damit auch einer mangelnden Tiefe. Ich meinte, eine Distanz zwischen uns zu spüren, eine unsichtbare Wand, die mein Leben von ihrem grundsätzlich trennte.Dies alles änderte sich in dem Augenblick, in dem sie ihre Bestellung aufgab. Erst glaubte ich, mich verhört zu haben, aber fünf Minuten später stand diese tatsächlich auf dem Tisch. Es war der Moment, in dem ich mich ein bisschen schämte und darüber nachdachte, wie oft wir falschliegen, wenn wir Menschen beurteilen, die wir nicht kennen, und wie viele Missverständnisse deswegen entstehen. Ein Mann mit lackierten Fingernägeln. Ein katholischer Priester. Eine Frau mit Achselhaaren. Ein Paar mit Deutschlandflagge im Garten. Ein älterer Herr im Cabrio. Eine Gruppe Araber am Hauptbahnhof. Eine junge Frau mit Yoga-Matte. Ein Typ mit Lastenfahrrad. Wir sehen diese Menschen und ordnen sie ein.Wir denken, wenn jemand so oder so aussieht, macht, denkt, liebt er bestimmt auch dieses oder jenes. Man meint zu wissen: Wie seine Wohnung aussieht. Wo er Urlaub macht. Welche Musik er hört. Welche Partei er wählt. Und ob man ihn deswegen mag oder nicht. Das ist nicht immer, aber oft ein Trugschluss. Menschen sind widersprüchlicher als unsere Vorstellung von ihnen. Vor allem sind sie interessanter als der Kulturkampf, der uns seit Jahren in Atem hält, ohne vernünftiges Resultat, ohne echten Fortschritt.Die schöne Frau bestellte jedenfalls ein Weißbier, und als ich aus dem Augenwinkel beobachtete, wie sie den ersten Schluck nahm und leicht verschämt den Schaum von ihrer Oberlippe leckte, hatte ich sie tief ins Herz geschlossen. Illustration: GrafiluTobias Haberl schreibt hier im Wechsel mit Simone Buchholz, Lara Fritzsche und Helene Hegemann über Getränke, die es verdient haben.
Wie ich mich in der Schweizer Bahn beim Schubladendenken ertappte
Die High Society trinkt Champagner? Von wegen. Über eine außergewöhnliche Begegnung auf dem Weg nach Zürich.








