Ein Genosse will der eigenen Partei verbieten, Gratisalkohol auszuschenken. Die Parteispitze reagiert kühl.08.07.2026, 16.00 Uhr4 LeseminutenBild Getty; Bearbeitung NZZLokalpolitik und Alkohol: Dieses Begriffspaar ist kaum zu trennen. Die Sitzungen sind lang, die Materie ist trocken, die Apérodichte ist hoch. Da ist die Versuchung gross, nach getaner Freiwilligenarbeit mit einem Glas Wein anzustossen. Oder sich zu versöhnen – wofür im Schweizer Milizsystem das sprichwörtliche Bier steht, das man auch mit dem politischen Gegner trinkt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nicht alle sehen das fröhliche Beisammensein allerdings unbeschwert. Jetzt hat bei der SP ein Genosse Handlungsbedarf erkannt. Er will, dass die SP vom Alkohol wegkommt. Denn für Leute mit einer Suchterkrankung sei der Alkohol in rauen Mengen schwer zu ertragen. «Sie brauchen einen Safe Space», sagt Benjamin Kobelt.Es geht ihm um InklusionKobelt ist 35 Jahre alt, seit 2021 Parteimitglied und war – erfolgloser – Kandidat bei den Gemeinderatswahlen im letzten Frühling. Er hat einen Antrag eingereicht, über den die SP-Delegierten am Donnerstag an ihrer Versammlung im Volkshaus befinden müssen. Er lautet: «Die SP Stadt Zürich soll künftig an Veranstaltungen keinen Alkohol gratis zur Verfügung stellen.»Der Wortlaut ist in Kobelts Augen indes ein Kompromiss: Gar kein Barbetrieb wäre ihm lieber. Er sagt: «Ich gerate ständig in Versuchung, rückfällig zu werden.»Vor der Versammlung am Donnerstag ist Kobelt mit seinem Ansinnen bei der Parteileitung allerdings auf reichlich kühle Ablehnung gestossen. Er wundert sich darüber und sagt im Gespräch mit der NZZ: «Es geht um Inklusion. Darum, dass wir Suchtkranke nicht ausschliessen.»Benjamin Kobelt.PDKobelt ist eine Figur mit ungewöhnlicher Biografie. Er ist in einem liberalen Elternhaus aufgewachsen, sein Vater war langjähriger Stadtpräsident von Zug. Von Beruf ist er Bauarbeiter, als Hobby spielt er in einer Zunftmusik. In die SP trat er auf dem Höhepunkt der «woken Welle» ein, wie er sagt. Überall habe er gelesen, dass die SP die Arbeiter nicht mehr vertrete. Ihn als Bauarbeiter habe dies zum Parteieintritt motiviert.An seiner ersten Parteiversammlung an seinem damaligen Wohnort im Zürcher Oberland kreuzte Kobelt in Bauarbeiterkluft auf. Was er erlebt habe, habe genau dem Klischee der «Cüpli-Sozialisten» entsprochen: Jemand habe einen langen Vortrag über den Marxismus gehalten. Danach sei Wein aufgetischt worden – 20 Flaschen für 40 Personen.Kobelt kam damals aus einer schwierigen Lebensphase. Er war kokainsüchtig, auch sein Alkoholkonsum war problematisch. Ein halbes Jahr hat er in einer Klinik verbracht. Seither versucht er, abstinent zu leben – aber er sieht sich bis heute als Suchtkranken. Als er seine Bedenken nach der Versammlung an die SP-Kantonalpartei zurückgemeldet habe, sei keine Reaktion gekommen. Mit der Bezirkspartei habe er immerhin ein gutes Gespräch geführt.2023 zog Kobelt nach Zürich. Sein Anliegen brachte er auch hier ein – und die Kreispartei 9 folgte ihm prompt. Am Weihnachtsessen und an anderen Anlässen der Sektion wird seither kein Gratisalkohol mehr ausgeschenkt. Dem Entscheid seien kontroverse Diskussionen vorausgegangen, sagt Kobelt. Viele würden von ihren Gewohnheiten nicht abweichen wollen.Wer den Alkoholausschank hinterfragt, wird rasch als Genussfeind und als Verbotseiferer hingestellt. Kobelt wehrt sich gegen solche Zuschreibungen. Er habe nichts dagegen, wenn konsumiert werde. Er wolle an Parteiversammlungen auch keine Süchtigen ausschliessen, die auf ihren Alkohol angewiesen seien, auch sie brauchten ihren «Space». «Mein Antrag richtet sich gegen den Gratisalkohol, der an SP-Festen heute selbstverständlich ausgeschenkt wird.» Alkohol auf Parteikosten sei das falsche Signal.Vor den Delegierten werde er über die negativen Begleiterscheinungen sprechen. Er sagt: «Ich bin überzeugt, dass die meisten schon Zeugen von übergriffigem Verhalten geworden sind.» Das gelte auch für ihn persönlich: Eine Frau sei ihm gegenüber an einer SP-Veranstaltung zudringlich geworden. Als Opfer sehe er sich nicht, aber es sei eine unangenehme Situation gewesen.Bei der SVP gibt es gar keine GratisgetränkeDie SP ist nicht die einzige Partei, die sich Fragen zum Umgang mit Alkohol stellt. Der Mitte-Präsident Wolfgang Kweitel arbeitet beruflich bei der Gesundheits-NGO Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz. Er sagt, die vielen Apéros in der Milizpolitik seien kein Geheimnis. «Wichtig ist mir, dass sich bei unseren Veranstaltungen niemand genötigt fühlen soll, zum Weinglas zu greifen, und dass es auch immer eine gleichwertige Auswahl anderer Getränke hat.»Bei der FDP wird nach Parteiveranstaltungen ein Apéro offeriert. Die Partei schreibt: «Selbstverständlich gehören attraktive alkoholfreie Alternativen ebenso zu unserem Angebot. Für uns steht ein eigenverantwortlicher Umgang im Vordergrund.» Eine Alkoholdebatte gebe es in der FDP derzeit nicht.Bei der SVP gibt es grundsätzlich keine Gratisgetränke. Die Co-Präsidentin Susanne Brunner sagt, sie habe «nur den Kopf geschüttelt», als sie von der Diskussion bei der SP gehört habe. «Wir sollten die Leute weder erziehen noch beschützen. Sonst verkümmert die Eigenverantwortung.»Dass man auch in der SP-Spitze keine besondere Freude an Kobelts Antrag hat, ist offensichtlich. Der Parteipräsident Oliver Heimgartner sagt: «Ich stelle infrage, dass die Ausschankpraxis der SP am Wahlfest ein zentrales politisches Thema ist.» Heimgartner ist wie Kobelt Mitglied der SP Kreis 9 und musste sich die Argumente gegen den Gratisalkohol bereits einmal anhören.Heimgartner sagt, letztlich gehe es darum, ob die Partei alle vier Jahre an der Wahlfeier eine Runde für die Helfer spendieren dürfe oder nicht. Wobei anzumerken ist, dass es Kobelt grundsätzlich um den Alkoholausschank an SP-Veranstaltungen geht. Dies wären dann mehrere Anlässe pro Jahr.An sich findet Heimgartner das Anliegen gut: An einer Versammlung sollten sich alle wohlfühlen. Dies wolle man nun sorgfältig abklären. Dass Kobelt von Übergriffen berichtet, erstaunt den SP-Präsidenten: Er höre das von der NZZ zum ersten Mal und nehme es sehr ernst. «Ich werde mit ihm das Gespräch suchen.»Die SP-Spitze hat einen Gegenantrag eingebracht: Eine Arbeitsgruppe soll eingesetzt werden mit dem Ziel, «Parteianlässe inklusiver zu gestalten». Für Kobelt ist das nicht akzeptabel. Auf seinen Antrag hin habe er zahlreiche Rückmeldungen erhalten – nicht in erster Linie von Parteikollegen, dafür von Suchtbetroffenen, die ihm gratuliert hätten.In seiner Kreispartei 9 konnte Kobelt eine Mehrheit auf seine Seite bringen, als er ihnen seine persönliche Situation schilderte. Er ist überzeugt, dass er am Donnerstag auch die städtischen Delegierten überzeugen kann.Passend zum Artikel
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