«Einen schönen Abend und bis zum nächsten Mal», sagt die Zugchefin. Das aber überlege ich mir zweimalWasser, Kekse und jede Menge Ausreden: Wie sich die historische Panne der Deutschen Bahn als Passagier angefühlt hat. Ein Erfahrungsbericht.Eric Matt, Frankfurt24.06.2026, 13.12 Uhr4 LeseminutenAn den Infoständen in ganz Deutschland, hier in Leipzig, bildeten sich lange Schlangen.IMAGO/EHL Media/Björn Stach / ImagoUm 23 Uhr 23 soll mein ICE in den Karlsruher Hauptbahnhof einfahren. Doch gegen 22 Uhr 45 Uhr ist Schluss. Ich strande in Frankfurt Süd, rund 150 Kilometer entfernt von der Zielstation. Anfangs habe ich noch die Hoffnung auf ein baldiges Weiterfahren. Dann aber kommt die Durchsage, man öffne für alle Passagiere die Türen, um frische Luft zu schnappen. In der Diplomatensprache der Deutschen Bahn bedeutet das: Es wird länger dauern.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kurz danach die Mitteilung, man habe «Wasser und Kekse» im Bordbistro bereitgestellt. Auf Bahndeutsch bedeutet das: Es wird sogar noch viel länger dauern und wir entschuldigen uns schon mal.«Wir bitten um Entschuldigung»Das ist dann auch der Fall. Wenig später heisst es, alle Passagiere sollen den Zug verlassen, der ICE werde komplett geräumt und bleibe stehen. In ganz Deutschland fahre kein einziger Zug mehr, im Nah- und Fernverkehr.Während Zehntausende Passagiere zu spät kommen, ist die Deutsche Bahn in dieser Nacht schnell darin, die Schuld von sich zu weisen: Grund für die Funkstörung sei Vandalismus. So tönt es durch den ICE und durch die Hallen am Bahnhof Frankfurt Süd. Dass das, stand jetzt, nicht zutreffend ist und es vielmehr ein fehlerhaftes Software-Update war, wie sich am Tag darauf herausstellt? Zu diesem Zeitpunkt ist das egal, es entlastet die Bahnmitarbeiter. Schuld sind andere.Das gut gelaunte Bahnpersonal teilt weiter mit, alle Passagiere sollten nun auf die noch funktionierende städtische Tram ausweichen und zum Frankfurt Hauptbahnhof fahren. Die Rettung der Deutschen Bahn ist also eine Bahn, weil sie nicht zur Deutschen Bahn gehört? Erste Fragen von Passagieren, ob die Bahn auch ein Taxi zahle, werden sofort abgewiesen.Nach einer angenehmen Fahrt mit der Tram – anders als viele DB-Züge ist diese klimatisiert – komme ich am Frankfurter Hauptbahnhof an. Dort stehen schon Hunderte Menschen, vor dem Infoschalter hat sich eine 50 Meter lange Schlange gebildet. Wer geduldig wartet, bekommt ein «Fahrgastrechte-Formular» in die Hand gedrückt.In Frankfurt zeigten die Bildschirme, man könne sich für 120 Euro ein Taxi nehmen. Im ICE will man davon nichts wissen.IMAGO/5VISION.NEWS / ImagoDort steht höflich: «Für die Unannehmlichkeiten auf Ihrer Reise bitten wir um Entschuldigung.» Das ist nett, bringt mir aber auch nicht viel. Wenigstens wird mir gesagt, ich könne für bis zu 120 Euro ein Hotel in Frankfurt buchen. Dafür müsse ich in Vorkasse gehen und bekäme das Geld anschliessend erstattet. Na gut, besser als am Bahnhof zu übernachten. Der nächtliche Spaziergang durch das Frankfurter Bahnhofsviertel aber ist wenig erfolgreich, sämtliche angefragte Hotels sind ausgebucht oder liegen deutlich über den 120 Euro.Über Eilmeldungen erfahre ich, dass erste Züge auch wieder fahren. Also eile ich in dieser tropischen Nacht zurück zum Bahnhof. Kurz vor 1 Uhr dann fährt der ICE, den ich in Frankfurt Süd verlassen habe, unbeirrt in den Frankfurter Hauptbahnhof ein. Tatsächlich geht es wenig später weiter in Richtung Süden. Ich sitze vollkommen verschwitzt und übermüdet im Zug. Wenigstens habe ich nun wieder Hoffnung auf mein eigenes Bett.Auf das Taxi ist VerlassMein Problem aber ist: Meine Reise ist in Karlsruhe noch nicht beendet, hier wollte ich auf einen Regionalzug umsteigen und mit dem Deutschlandticket weiterfahren. Die Regionalzüge aber fahren zu der Uhrzeit nicht mehr, ich müsste also warten, bis gegen 5 Uhr wieder die ersten Züge rollen. Also frage ich noch im ICE um Hilfe bei der Zugchefin. Anfangs hilfsbereit, blockt sie sofort ab, als das Wort «Deutschlandticket» fällt. «Damit haben wir nichts zu tun. Wir als ICE haben unsere Dienstleistung erbracht und sie nach Karlsruhe gefahren», sagt die Bahnmitarbeiterin.In ganz Deutschland blinkten in der vergangenen Nacht die Handys auf, um auf die «bundesweite Störung des Bahnfunks» hinzuweisen.IMAGO / ImagoIch verstehe nicht ganz. Immerhin gehören doch der ICE und das Deutschlandticket beide zur Deutschen Bahn. Und noch kurz zuvor wurde mir am Frankfurter Hauptbahnhof zugesichert, die Erstattung von 120 Euro gelte auch für Reisende mit dem Deutschlandticket. Die Zugchefin will davon nichts wissen, wirkt zunehmend genervt. «Ich verstehe nicht, warum die Menschen immer auf den letzten Drücker die letzten Züge nehmen», sagt sie. Ich erwidere, dass auch ich vieles nicht verstehe, was da bei der Deutschen Bahn abläuft.Doch die Diskussion führt ins Nichts. Ich gehe zurück zu meinem Platz, öffne die App eines Taxi-Vermittlungsdienstes und bezahle schweren Herzens 133 Euro, um endlich ans Ziel zu kommen. Kurz vor Ankunft um 2 Uhr 8 in Karlsruhe erklärt die sichtlich erleichterte Zugchefin: «Einen schönen Abend und bis zum nächsten Mal.»Bis zum nächsten Mal? Das überlege ich mir noch.Passend zum Artikel