PfadnavigationHomePanoramaBahn-Stillstand„Ein solches Chaos wegen eines technischen Fehlers habe ich noch nie erlebt“, erzählt der DisponentStand: 04:43 UhrLesedauer: 3 MinutenNach dem bundesweiten Bahnausfall verdichten sich die Hinweise auf ein fehlerhaftes Software-Update als Ursache. WELT-Reporter Daniel Koop hat am Berliner Hauptbahnhof mit Reisenden über Frust, Verspätungen und die Folgen des Stillstands gesprochen.Der Ausfall des Bahnfunks hat am Dienstagabend deutschlandweit Tausende Menschen stranden lassen. Disponent Heiko Möller war im Dienst – und berichtet von seiner chaotischen Nachtschicht.Nach dem stundenlangen Stillstand im Bahnverkehr hat ein Disponent Einblicke hinter die Kulissen des Durcheinanders gegeben. „Ein solches Chaos aufgrund eines technischen Fehlers habe ich noch nie erlebt. So etwas macht man wohl nur einmal im Leben mit“, sagte der 49-jährige Heiko Möller der „Bild“. Er koordiniert im baden-württembergischen Gammertingen Züge, Lokführer und Fahrzeuge für die Südwestdeutsche Landesverkehrs-GmbH (SWEG) und war am Dienstagabend im Einsatz, als eine Störung des Bahnfunks den Bahnverkehr im ganzen Land lahmlegte. „Unser erster Gedanke war, dass ein Fahrzeug ein Problem hat“, sagte Möller. Dann aber hätten immer mehr Lokführer angerufen und einen Ausfall ihres Zugfunksystems GSM-R gemeldet. „Da war klar: Das Problem liegt nicht an unseren Fahrzeugen, sondern an der Technik.“Bei der Wartung einer Kernkomponente des Bahnfunks GSM-R war am späten Dienstagabend ein Fehler aufgetreten, teilte der Chef der Bahn-Infrastrukturgesellschaft DB InfraGo, Philipp Nagl, später mit. Was bei dem Tausch der technischen Komponente genau schiefgelaufen sei, werde untersucht. Jedenfalls mussten alle Züge für rund zwei Stunden angehalten werden, Tausende Passagiere strandeten nachts – auch im Einzugsbereich von Heiko Möller. „Die Züge sollten noch bestimmte Punkte anfahren und dort enden. Viele kamen gar nicht mehr an ihr Ziel und mussten kurzfristig an anderen Orten abgestellt werden. Deshalb fehlten später überall Fahrzeuge und Verbindungen fielen aus“, erklärte der Disponent gegenüber „Bild“. Die Leitstelle wurde kurzerhand zum Krisenzentrum. Für rund 40 Fahrgäste eines Zuges, der Tübingen nicht anfahren konnte, musste ein Bus organisiert werden.Auch die Lokführer selbst blieben nicht verschont. „Wir mussten Züge außerplanmäßig abstellen. Für unsere Lokführer benötigten wir plötzlich Taxis“, sagte Möller. Allerdings seien die Taxiunternehmen wegen des hohen Aufkommens an gestrandeten Fahrgästen ausgelastet gewesen. Kollegen sprangen ein.Debatte um Bahnfunksystem GSM-RErst am Mittwochvormittag lief der Bahnverkehr wieder halbwegs normal. Jetzt ist die Diskussion über das betroffene digitale Bahnfunksystem GSM-R entbrannt. Es ist weit mehr als 20 Jahre alt, aber nach Angaben der Bahn nach wie vor Standard in allen europäischen Ländern. Ein Nachfolgesystem gibt es zwar, das sogenannte Future Railway Mobile Communication System (FRMCS). Doch noch gibt es dafür keine Zulassung von der EU. Ausgerollt werden soll es erst in den kommenden Jahren. Lesen Sie auchBundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) forderte am Morgen vom bundeseigenen Konzern eine umfassende Aufklärung. Sollte es sich um Probleme mit Hardware-Komponenten oder um ein Problem beim Update eines Servers handeln, müsse die Bahn ihre Systeme so aufstellen, dass sich das nicht wiederhole, sagte der CDU-Politiker der Deutschen Presse-Agentur. Lesen Sie auchDie Ausfälle zeigten, dass die Systeme der Bahn dringend modernisiert werden müssten, sagte der Vorsitzende des Verkehrsausschusses, Tarek Al-Wazir (Grüne), vor der Sitzung des Gremiums. „GSM ist das, was man heute 2G nennen würde und wir sind ja gerade beim Übergang von 5G auf 6G“, betonte er mit Blick auf das betroffene System. „Natürlich ist für uns die spannende Frage eher langfristig: Wie sorgen wir dafür, dass unsere Systeme widerstandsfähiger werden?“ Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende des Fahrgastverbands Pro Bahn, Detlef Neuß: „Die Bahn muss endlich besser werden, auch technisch“, sagte er der „Rheinischen Post“. „Wir erwarten von der Bahn, dass sie auch beim Zugfunk für mehr Resilienz sorgt.“ luwi mit dpa/rtr