Jens Spahn und die Leihmutterschaft: Versuch einer ErklärungRücktrittsforderungen und laute Kritik: Der Chef der Fraktion von CDU und CSU im deutschen Parlament steht unter Feuer. Er und sein Mann sind mithilfe einer Leihmutter Eltern geworden, doch Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten. Spahn will nun Zeit gewinnen.17.07.2026, 18.47 Uhr3 LeseminutenDer Unions-Fraktionschef Jens Spahn (rechts) und sein Ehemann Daniel Funke sind durch Leihmutterschaft Eltern eines Sohnes geworden.Christoph Söder / APJens Spahn führt mit dem Bündnis aus CDU und CSU die mächtigste Fraktion im deutschen Parlament. Immer einmal wieder sagte man ihm nach, irgendwann Kanzler werden zu wollen. Nun ist jedoch offen, ob und wie seine Karriere weitergehen wird. Am Freitag beschrieb der CDU-Politiker die «Zerrissenheit und Abwägung», die ihn und seinen Mann zu der Entscheidung gebracht hätten, ihren Kinderwunsch durch Leihmutterschaft in den USA zu realisieren. «Es war ein Prozess, der über lange Zeit ging», sagte Spahn. Sein Mann und er hätten lange miteinander gerungen, wie sie ihren Kinderwunsch erfüllen könnten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten. Kritiker innerhalb und ausserhalb der CDU werfen Spahn vor, ins Ausland gereist zu sein, um deutsche Gesetze zu umgehen. Spahn und sein Partner hatten eine amerikanische Leihmutter engagiert. In den USA ist Leihmutterschaft legal. Biologischer Vater des Kindes ist Spahns Mann. Im Podcast des Journalisten Paul Ronzheimer lehnte Spahn einen Rücktritt vorerst ab. Wie es weitergehe, werde er mit seiner Fraktion nach der Sommerpause besprechen, sagte er.Auf Instagram hatten Spahn und sein Ehemann Daniel Funke am Mittwoch bekanntgegeben, in den USA Eltern eines Sohnes geworden zu sein. Spahn hatte sich früher selbst öffentlich als Gegner der Leihmutterschaft positioniert. Auch die Unionsparteien CDU und CSU lehnen die Leihmutterschaft ab.Entsprechend deutlich war die Kritik vieler Unions-Politiker. Als erster hochrangiger CDU-Politiker forderte der Spitzenkandidat in Mecklenburg-Vorpommern, Daniel Peters, den Rücktritt von Spahn und sah, ähnlich wie Vertreterinnen der Frauen-Union, ein Glaubwürdigkeitsproblem.«Das eine ist die reine Lehre, das andere das echte Leben»Angesprochen auf die Position der CDU, die Leihmutterschaft klar ablehnt, sagte Spahn: «Ich akzeptiere Mehrheitsentscheidungen meiner Fraktion und meiner Partei bei solchen politischen Entscheidungen.» Die ethische Frage sei auch für ihn schwierig, gab Spahn zu. «Das eine ist die reine Lehre, das andere das echte Leben», sagte der Christlichdemokrat, als er gefragt wurde, ob er den Vorwurf der Doppelmoral nachvollziehen könne. Auch einen Widerspruch zu seinem katholischen Glauben möchte Spahn nicht sehen.Erst im Februar hatte sich die CDU an ihrem Parteitag deutlich gegen Leihmutterschaft positioniert. Warum er damals nichts gesagt habe? «Ich hätte es tun sollen, im Nachhinein», gab Spahn zu.Mehrfach verwies Spahn auf die deutsche Rechtslage, die seiner Darstellung nach Leihmutterschaft nicht verbietet. Die Vermittlung einer Leihmutterschaft und das Einsetzen einer Eizelle seien verboten, sagte er. «Eltern werden oder Leihmutter sein, steht nicht unter Strafe.»Fraglich ist, ob Spahn damit die wachsende Kritik an seiner Person einfangen konnte. Kanzler Friedrich Merz kündigte an, die Causa Spahn am Montag im CDU-Präsidium zu behandeln. Merz wurde nach eigener Aussage von Spahn in der vergangenen Woche darüber informiert, dass er und sein Mann Eltern geworden seien.Spahn hatte Leihmutterschaft früher abgelehntDer CDU-Chef aus Mecklenburg-Vorpommern Peters kritisierte in der «Bild»-Zeitung das Agieren von Spahn scharf: «Mit einer Leihmutterschaft in den USA hat Spahn sich in voller Absicht über in Deutschland geltendes Recht hinweggesetzt. Zudem nimmt er für sich in Anspruch, als Privatperson ganz anders handeln zu können, als er als CDU-Mandatsträger abstimmt. Das geht überhaupt nicht.» Peters ist auch Mitglied im CDU-Bundesvorstand.Ähnlich äusserte sich die Vorsitzende der Frauen-Union Mecklenburg-Vorpommern, Chris Günther. Sie verwies auf das Nein der CDU zur Leihmutterschaft, das «felsenfest» stehe. «Wir weichen politische Grundwerte nicht für Einzelfälle auf», erklärte sie.«Für mich persönlich wäre es nicht der richtige Weg», sagte der CDU-Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahl in Berlin, Stefan Evers, dem «Tagesspiegel». Evers ist wie Spahn mit einem Mann verheiratet.Auch Spahn selbst hatte sich 2015 in einem Gastbeitrag für das Magazin «GQ» gegen Leihmutterschaft ausgesprochen: «Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden.»Die Position der deutschen Regierung ist ebenfalls eindeutig. Ende Mai brachte die schwarz-rote Koalition einen Gesetzentwurf für härtere Strafen auf Menschenhandel auf den Weg. Nach dem Gesetz soll künftig auch die Ausbeutung von Menschen bei einer Leihmutterschaft als Menschenhandel bestraft werden.Spahn ist nach Hendrik Streeck, dem Drogenbeauftragten der Bundesregierung, der zweite prominente CDU-Bundestagsabgeordnete, der in den USA eine Leihmutter engagiert hat.Passend zum Artikel