Es ist der letzte deutsch-französische Ministerrat mit Emmanuel Macron als Präsident, doch eine Abschiedsstimmung soll im Schloss Augustusburg in Brühl nicht aufkommen. Vielmehr wollen Berlin und Paris Tatkraft demonstrieren, den Wert der Freundschaft hervorheben: mit Projekten zur Rüstungskooperation, dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und der Abstimmung zum gemeinsamen Vorgehen in der EU.Das ist nach den vergangenen Monaten, in denen diese Freundschaft einigen Belastungen ausgesetzt war, eine Leistung. Vor allem, weil es längst auch darum geht, wie man die Freundschaft darauf vorbereiten kann, dass beim nächsten deutsch-französischen Ministerrat ein anderer Präsident teilnehmen wird – oder eine Präsidentin.Ausgewählt wurde für diesen Ministerrat ein Ort, der in der Geschichte der Freundschaft zwischen Paris und Berlin eine Rolle spielt. Im Schloss Augustusburg begann der französische Präsident Charles de Gaulle 1962 seine Deutschlandreise, die in die Unterzeichnung des Élysée-Vertrags im Januar 1963 mündete. Das sei das Schloss, in dem de Gaulle vor 65 Jahren Konrad Adenauer einen deutsch-französischen Freundschaftsvertrag angeboten habe, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz bei der Begrüßung Präsident Macrons am Donnerstagabend. In seiner Tischrede auf Schloss Augustusburg erwähnte de Gaulle indessen einst nur die notwendige Annäherung angesichts des gemeinsamen Feindes, der Sowjetunion.Die Élysée-Verträge jedenfalls seien „die Basis, die Grundlage für unsere Arbeit heute“, sagte Merz. Macron sprach von einer Zeit, „die von einem strategischen Erwachen Europas geprägt ist, aber auch die Festigung dieses deutsch-französischen Zusammenwirkens bedeutet“. Unter vier Augen aßen Merz und Macron danach zu Abend. Es gab unter anderem bretonische Felsenrotbarbe und Reh in der Pfefferkruste. Auch die Möglichkeit eines Wahlsiegs der Rechtspopulistin Marine Le Pen soll angesprochen worden sein.Viel Austausch, wenig VertrauenDie deutsch-französischen Beziehungen sind seit Jahren von scheinbaren Gegensätzen gekennzeichnet. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine ist ihre Bedeutung für die Sicherheit Europas noch deutlicher geworden. Immer wieder und enger getaktet begegnen sich Präsident, Kanzler und ihre Minister in unterschiedlichen Formaten. Auch dem Ministerrat sind zahlreiche Treffen vorausgegangen, erst am Montag der Gipfel der Koalition der Willigen in Paris.Und doch ist nach einem Jahr Merz im Kanzleramt zwischen Paris und Berlin eine Ernüchterung zu spüren. In Berlin wird registriert, dass die außenpolitische Rhetorik aus Paris zwar viel Tatendrang vorgibt, aber bei der finanziellen Unterstützung für die Ukraine davon weniger ankommt. Zugleich gibt es in Paris Gründe für Skepsis. Bei Pariser Initiativen wie jener zur Sicherung der Straße von Hormus tritt Deutschland zögerlich auf. Ebenso wie bei der Koalition der Willigen.Deutschland hat in die Kommandozentrale bei Paris zwar Soldaten entsandt, wird aber schon mit Blick auf die erste gemeinsame Übung der Koalition im Oktober auf polnischem Boden von den Partnern als zurückhaltend wahrgenommen. Aus der Bundesregierung heißt es, dass man prüfen werde, in welcher Form sich die Bundeswehr daran beteiligen wird – aber man werde sich beteiligen. Das bestätigte Merz am Freitag. Tiefpunkt der Beziehungen war schließlich das Ende des gemeinsamen Kampfflugzeugprojekts FCAS. Am Freitag sagte Macron vor der Presse: „Wir haben nicht alles geschafft, was wir uns vorgenommen haben.“Deutsche sollen dieses Jahr erstmals an Nuklearübung teilnehmenEin erstes Zeichen für die deutsch-französische Tatkraft sollte schon vor dem Ministerrat auf dem Flugplatz Nörvenich gesetzt werden – oder vielmehr in der Luft darüber. Zum ersten Mal übten deutsche Eurofighter und französische Rafale-Kampfflugzeuge zusammen die Betankung in der Luft. Weil die Rafale Nuklearwaffen tragen können, war es ein konkreter Schritt zu der angestrebten engeren Zusammenarbeit bei der nuklearen Abschreckung.Danach trat auf dem Flugplatz am Freitagvormittag zunächst der Deutsch-Französische Verteidigungs- und Sicherheitsrat zusammen. Symbolik spielte auch hier eine wichtige Rolle. Der Rat mit Außen- und Verteidigungsministern tagte an einem Tisch mitten in einem Hangar, in dem je zwei Rafale und zwei Eurofighter ausgestellt waren.Es wurde vereinbart, dass deutsche Militärs im Herbst erstmals als Beobachter an den streng geheimen vierteljährlichen Übungen der französischen Nuklearstreitkräfte unter dem Decknamen POKER teilnehmen dürfen. „Wir stärken die europäische Abschreckung“, sagte Merz. „Noch in diesem Jahr werden wir uns an einer nuklearen Übung der französischen Streitkräfte beteiligen.“ Frankreich ist zwar Gründungsmitglied der NATO, hat aber seine nuklearen Einsatzfähigkeiten nicht in die Militärstrukturen des Bündnisses integriert und nimmt anders als Großbritannien nicht an der nuklearen Planungsgruppe der NATO teil.Doch inzwischen sind die Atommächte Paris und London zusammengerückt. Im vergangenen September waren ranghohe britische Militärs bereits zu Übungen in das französische Kontrollzentrum in Taverny bei Paris eingeladen, um die Manöver der Rafale-Kampfflugzeuge der Forces Aériennes Stratégiques (FAS) zu verfolgen. Im Herbst sollen nun Bundeswehroffiziere in Taverny zu Gast sein.Schulterschluss vor ungewissem WahlausgangFCAS wird in einer gemeinsamen Erklärung des Verteidigungs- und Sicherheitsrats nicht namentlich erwähnt, aber an der „Combat Cloud“ als einer Säule des ursprünglichen Projekts soll weitergearbeitet werden. Das versicherten Merz und Macron am Freitag vor der Presse. Man werde einen „europäischen Gefechtsstandard definieren“, heißt es in der Erklärung, „um die Interoperabilität aller europäischen Luftsysteme einschließlich begleitender bemannter Kampfflugzeuge und unbemannter Fluggeräte zu gewährleisten und die gemeinsame Entwicklung eines künftigen Systemverbunds zu fördern“.Beim Ministerrat auf Schloss Augustusburg kamen Macron und Merz mit jeweils zehn Ministern von jeder Seite zusammen. In der gemeinsamen Erklärung bekannte man sich zur Zusammenarbeit bei Schlüsseltechnologien wie Künstlicher Intelligenz, Raumfahrt und Kernfusion. Neben der Abstimmung zum gemeinsamen Vorgehen in der EU wurde auch über den Umgang mit China gesprochen.Macron äußerte später vor der Presse, Frankreich und Deutschland seien sich noch nie so einig in der China-Politik gewesen. Europa verliere täglich eine Milliarde Euro im Handel mit China. In der Erklärung steht auch das Ziel, die Verhandlungen zum mehrjährigen Finanzrahmen der EU noch in diesem Jahr abschließen zu wollen – und damit deutlich vor der französischen Präsidentenwahl im Frühjahr 2027.Beschlossen wurde auch, den deutsch-französischen Jugend- und Bürgeraustausch für einen möglichen Machtwechsel in Paris zu rüsten. Der Bürgerfonds unterstützt neben Städtepartnerschaften zahlreiche grenzüberschreitende Projekte. Die Jugendministerinnen gaben die Integration des Bürgerfonds in das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) bekannt. Damit soll rechtzeitig vor dem Wahltermin sichergestellt werden, dass dem Bürgerfonds nicht ohne Weiteres die Mittel gekürzt werden können. Das DFJW hat den Rechtsstatus einer internationalen Organisation und damit eine autonome Geschäftsführung.