Etwa vier Minuten steht Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in der Sonne auf dem roten Teppich. Neben ihm wehen die deutsche, die französische und die europäische Flagge. Dann hat das Warten ein Ende: Der Korso rollt ein, sieben Motorräder vorneweg, dahinter der dunkle Renault. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron steigt aus, ein Handschlag, ein Schulterklopfen, dann werden die Hymnen beider Länder angestimmt.Staatsmännisch schreiten Kanzler und Präsident die Ehrenformation der Bundeswehr ab und reichen zum Anschluss den aufgereihten deutschen und französischen Regierungsvertretern die Hand, während zwei Eurofighter der Bundeswehr über die Szenerie hinwegdonnern. Danach geht es hinein ins Schloss Augustusburg in Brühl, in dem einst Charles de Gaulle und Konrad Adenauer den Grundstein für den Élysée-Vertrag gelegt haben. An diesem Freitag tagt dort der 26. Deutsch-Französische Ministerrat und veröffentlicht gleich zwei Erklärungen zu den Gesprächen.Die Franzosen wollen noch mehr Ländern nukearen Schutz gewährenSchließlich tagte an diesem Freitag neben dem Ministerrat auch der Verteidigungs- und Sicherheitsrat. Und dort bestimmte vor allem ein Thema: Paris und Berlin wollen ihre Kooperation in der nuklearen Abschreckung vertiefen. Dafür haben sich, wenige Stunden bevor Macron aus seinem Renault auf den roten Teppich gestiegen ist, die beiden Regierungschefs auf dem Fliegerhorst Nörvenich unter anderem mit Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) und seiner französischen Amtskollegin Catherine Vautrin getroffen.Einen ersten Schritt setzten die Streitkräfte bereits am Donnerstag um: Eine französische Rafale, die für den Einsatz von Atomwaffen ausgelegt ist, wurde gemeinsam mit einem deutschen Eurofighter in der Luft betankt. Noch dieses Jahr sollen erstmals deutsche Soldaten an einem französischen Atommanöver teilnehmen. „Wir schlagen in der Abschreckung einen neuen gemeinsamen Weg ein“, sagte Bundeskanzler Merz in einer gemeinsamen Pressekonferenz.Emmanuel Macron und Friedrich Merz mit ihren beiden Verteidigungsministern zu Besuch bei der Luftwaffe in Nörvenich, hinter ihnen ein französischer „Rafale“-Jet. LUDOVIC MARIN/AFP„Diese beispiellose bilaterale Zusammenarbeit wird dazu beitragen, die Abschreckung in Europa zu stärken und die Sicherheit Europas insgesamt zu verbessern, unter vollständiger Einhaltung unserer völkerrechtlichen Verpflichtungen“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung des Verteidigungs- und Sicherheitsrates. Die deutsch-französische Kooperation solle das Konzept der nuklearen Teilhabe nicht ersetzen, sondern ergänzen und stärken. Im rheinland-pfälzischen Büchel sind amerikanische Atomwaffen stationiert, die im ErnsZudem soll es weitere vertrauliche Beratungen über die Verknüpfung der nuklearen Abschreckung und konventioneller Fähigkeit geben, wie etwa mit weitreichenden Raketen, die militärische Ziele weit im Hinterland eines potenziellen Gegners treffen könnten. Neben der Bundesrepublik haben noch sieben weitere Länder Interesse an dem französischen Angebot gezeigt, darunter Polen, Griechenland und Norwegen.Sollte Le Pen Präsidentin werden, dürfte die Zusammenarbeit viel schwieriger werdenMit dem Ministerratstreffen in Brühl scheinen beide Länder frischen Wind in die Beziehungen bringen zu wollen. Schließlich wirkten diese auch durch das Scheitern des deutsch-französischen Kampfflugzeugprojekts Future Combat Air System (FCAS) zunehmend angespannt. In Brühl setze man nun auf Verständigung.„Deutschland und Frankreich sind gemeinsam davon überzeugt, dass eine florierende, robuste und eng vernetzte Wirtschaft eine Schlüsselrolle für die globale Stellung, den inneren Zusammenhalt und die langfristige Nachhaltigkeit der EU spielt“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung des Ministerrats. Man werde die im August 2025 in Toulon verabschiedete deutsch-französische Wirtschaftsagenda fortsetzen und habe weitere Projekte, die man gemeinsam voranbringen möchte.„Wenn Deutschland und Frankreich nicht zusammenstehen, kommt Europa nicht voran“, sagte Macron am Freitagmittag. Diese Zusammenarbeit sei die Grundvoraussetzung von Fortschritt auf dem Kontinent. Ein Schritt in diese Richtung ist etwa die Einrichtung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe für den Bereich Weltraum. Man erkenne die entscheidende Bedeutung von IRIS², der geplanten europäischen Satellitenkonstellation, „für eine resiliente, integrierte und robuste europäische Weltrauminfrastruktur an“, heißt es in dem Papier.Merz und Macron wollen in den verbleibenden Monaten von dessen Amtszeit noch möglichst viele Vorhaben voranbringen. Schließlich könnte der deutsch-französische Schulterschluss mit der Präsidentschaftswahl in Frankreich im Frühjahr 2027 wieder Risse bekommen. Denn dann könnte die Rechtspopulistin Marine Le Pen als Präsidentin die Geschäfte in Paris leiten. Da sie kritisch auf die EU blickt und zunehmend auf französische Souveränität setzt, könnten künftige Gespräche über gemeinsame Rüstungsprojekte schwieriger werden. Merz erklärte am Freitag, dass die deutsche Hand immer ausgestreckt bleibe für eine vertiefte und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Frankreich. Unabhängig von der Entscheidung der französischen Wählerinnen und Wähler.