Bei Europas Gegnern Unsicherheit schaffen: Deutschland und Frankreich wollen bei der nuklearen Abschreckung enger zusammenarbeitenDer deutsche Kanzler Friedrich Merz und der französische Präsident Emmanuel Macron bemühen sich bei ihrem Ministerrat in Brühl um Einigkeit. Doch einige strittige Punkte bleiben.17.07.2026, 17.51 Uhr4 LeseminutenDer französische Präsident Emmanuel Macron wurde vom deutschen Kanzler Friedrich Merz mit militärischen Ehren auf Schloss Augustusburg in Brühl empfangen.ImagoDer deutsche Kanzler Friedrich Merz und der französische Präsident Emmanuel Macron wurden am Freitag nicht müde zu betonen, dass sie sich mit Schloss Augustusburg einen symbolträchtigen Ort für ihren deutsch-französischen Ministerrat ausgesucht hatten. Auf dem Anwesen im rheinländischen Brühl legten ihre Vorgänger Charles de Gaulle und Konrad Adenauer 1962 den Grundstein für die Annäherung ihrer Länder nach dem Zweiten Weltkrieg. Aus den einstigen Erbfeinden wurden Freunde.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der symbolische Treffpunkt konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Stimmung heute eine gänzlich andere ist. Beim Treffen zwischen Merz, Macron und weiteren Regierungsvertretern beider Seiten ging es weniger um einen Aufbruch als um Krisenmanagement.Frankreich und Deutschland stehen im Zentrum der schwersten Krise Europas in der Nachkriegszeit. Der russische Imperialismus hat den Krieg zurück auf europäischen Boden gebracht. Amerika als Schutzmacht zieht sich vom Kontinent zurück.Ein neuer Weg bei der AbschreckungDiese tektonische Verschiebung wirkt sich besonders stark auf die nukleare Abschreckung aus, einen Bereich, in dem Europa noch immer auf die Vereinigten Staaten angewiesen ist. Ihr Erfolg hängt massgeblich davon ab, dem Gegner glaubhaft zu vermitteln, im Zweifel bereit zu sein, zum Äussersten zu gehen. Donald Trumps isolationistische Signale haben diese Glaubwürdigkeit jedoch erschüttert.Frankreich und Deutschland wollen daher künftig enger zusammenarbeiten. «Wir schlagen in der Abschreckung einen neuen gemeinsamen Weg ein», kündigte Merz am Freitagnachmittag nach dem Ministerrat an. Noch in diesem Jahr sollen konventionelle deutsche Kräfte an einer französischen Nuklearübung teilnehmen. Dieser Schritt folgt der im März von Macron verkündeten Anpassung der französischen Nukleardoktrin. Er hatte Deutschland damals abermals eine engere Zusammenarbeit angeboten.Wie diese Zusammenarbeit nun konkret aussehen soll, liessen Merz und Macron allerdings offen. Die Frage danach, ob französische Atomraketen in Deutschland stationiert werden könnten, umschifften die beiden Regierungschefs. Ziel der Zusammenarbeit sei es, bei den Gegnern mehr Unsicherheit zu schaffen, sagte Macron. «Das ist das Prinzip von Abschreckung.» Frankreich habe den Willen, mit Deutschland so weit zu gehen, wie es möglich sei. Eine Nukleare Steuerungsgruppe, der Kanzler und Präsident sowie die jeweiligen Aussen- und Verteidigungsministerien angehören, solle nun durchdenken, welcher Mix an Fähigkeiten nötig sei, sagte Merz.Kein Ersatz für die NatoDer Annäherung scheinen jedoch Grenzen gesetzt. Macron war es auf Nachfrage wichtig, zu betonen, dass Frankreich kein Interesse an einer Kofinanzierung des Atomprogramms habe. Dieser Umstand dürfte das deutsche Mitspracherecht eher klein halten. Trotz aller Freundschaft will Frankreich wohl am Ende noch immer selbst bestimmen, wann und wie seine Atomwaffen eingesetzt werden.Der deutschen Seite wiederum war es wichtig, zu betonen, dass die gemeinsame Abschreckung die Nato nicht ersetzen soll. «Sie wird die nukleare Abschreckung der Nato und ihre Übereinkünfte zur nuklearen Teilhabe, zu denen Deutschland beiträgt, ergänzen, nicht ersetzen», heisst es im Abschlussdokument.Darüber hinaus bekräftigten die beiden Länder eine Reihe von Rüstungsprojekten, die allerdings zum Teil bereits vor dem Ministerrat auf den Weg gebracht worden waren. Sie wollen sich etwa bei der Entwicklung von weitreichenden Präzisionswaffen abstimmen und auch künftig das europäische Frühwarnsystem Jewel voranbringen, das mittels Satelliten und Radaranlagen feindliche Raketen erkennen soll, bevor sie auf europäischem Boden einschlagen.Gemeinsamer Panzer bleibt StreitpunktAll die inszenierte Einigkeit konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die deutsch-französischen Beziehungen derzeit nicht so belastbar sind, wie von beiden Seiten erhofft. Macron sagte zwar, dass man aus dem gescheiterten Kampfflugzeugprojekt FCAS lernen wolle. Den Streit über ein anderes konventionelles Projekt konnte der Ministerrat jedoch nicht ausräumen.Beim Panzerprojekt Main Ground Combat System (MGCS), das ab den 2040er Jahren die Leopard- und Leclerc-Modelle ablösen soll, sind sich Deutschland und Frankreich weiter uneins, was die genaue Ausstattung angeht. Der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius hatte kürzlich bereits angedeutet, dass das Projekt ebenfalls scheitern könnte. Man wolle nun «in einem Forschungsprogramm einen kollaborativen Gefechtsansatz prüfen», heisst dazu vage im Abschlussdokument. Der Streit ist also offenbar nur vertagt.Für den Frankreich-Experten Jacob Ross von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) sind die Unstimmigkeiten Symptom eines strukturellen Konflikts. Frankreich und Deutschland seien sich im Grundsatz einig, dass Europa seine Verteidigung selbst in die Hand nehmen müsse. Bei den Details sei man sich jedoch uneins.In Paris registriere man zwar wohlwollend, dass Deutschland viel Geld für die Verteidigung in die Hand nehmen wolle. Aus französischer Sicht investiere Deutschland jedoch zu wenig in Schlüsselindustrien wie KI und Drohnen. Zudem herrsche in Frankreich Irritation darüber, dass Deutschland zwar eine Führungsrolle in Europa beanspruche, sich jedoch bei konkreten französischen Vorstössen – wie der Entsendung von Friedenstruppen in die Ukraine oder einer Mission in der Strasse von Hormuz – zurückhält. Auch bei der Europäisierung der Verteidigung nehme man Berlin als Bremse war. «Deutschland löst sich aus Sicht Frankreichs zu langsam aus der Abhängigkeit von den USA», sagt Ross.Deutschland hat keine Angst vor Le PenDass sich beide Seiten nun trotz der Unstimmigkeiten in der nuklearen Frage aufeinander zubewegt haben, dürfte neben den geopolitischen Erschütterungen vor allem einen Grund haben: die Wahlen in Frankreich im kommenden Jahr.Die Kandidatin des Rassemblement National, Marine Le Pen, hat laut aktuellen Umfragen gute Aussichten auf einen Sieg. Le Pen plädiert zwar nicht mehr für einen EU-Austritt Frankreichs, gilt aber als Kritikerin einer engeren europäischen Kooperation. Eine mögliche Ausweitung des französischen Atomschirms sah sie in der Vergangenheit ebenfalls kritisch. Ihre Partei will diese zumindest an Bedingungen knüpfen.Merz gab sich gelassen und erklärte, er gehe davon aus, dass sich jeder Nachfolger – oder eine Nachfolgerin – an dem orientiere, was richtig und notwendig sei. «Die deutsche Hand bleibt immer ausgestreckt zur vertieften und vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Frankreich.» Unabhängig davon, wie die Wähler in Frankreich entschieden.Ob es mit den Vereinbarungen von Brühl gelingt, die deutsch-französische Nuklearpartnerschaft so zu verankern, dass eine potenzielle Präsidentin Le Pen diese nicht aufkündigen könnte, bleibt allerdings fraglich. Mit einer gemeinsamen Übung dürfte es jedenfalls nicht getan sein.Passend zum Artikel
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