Warum die Schweiz bei der Armee immer Zeit verliertIn der Debatte um die Finanzierung der Armee wird ein entscheidender Punkt bislang kaum diskutiert: Die Schweiz sichert ihr Verteidigungsziel weder durch ein Gesetz noch einen Mehrjahresplan ab. Das hat weitreichende Folgen.Leander Isler17.07.2026, 05.25 Uhr5 LeseminutenKeine langfristige Finanzplanung: Wie viel Geld die Armee erhält, entscheidet das Parlament jeden Dezember neu.Gian Ehrenzeller / KeystoneDas Schweizer Verteidigungsziel steht in keinem Gesetz. Festgelegt wird es in parlamentarischen Motionen, die alle vier Jahre neu verhandelt werden, und das Ziel von einem Prozent des Bruttoinlandprodukts wurde bereits verschoben, ehe es je in Reichweite kam: erst von 2030 auf 2035, dann zurück auf 2032. Und selbst dieses Ziel sichert keinen Franken: Wie viel die Armee erhält, entscheidet das Parlament jeden Dezember neu; bindend ist am Ende nur das jährliche Budget, das die Schuldenbremse einhalten muss.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vergleicht man die Schweiz mit ihren Nachbarländern und weiteren europäischen Vergleichsstaaten, sitzt sie allein in der Ecke – mit dem tiefsten Ausgabenziel und dem kürzesten verbindlichen Horizont. Gesteuert wird die Armee über einen Zahlungsrahmen nach Artikel 148j des Militärgesetzes, den das Parlament alle vier Jahre neu festlegt.Wie beweglich der Pfad bleibt, führte der Bundesrat am 24. Juni vor. Er verlagerte die Finanzierung des Ziels von der Mehrwertsteuer in die ordentliche Bundeskasse und senkte seine separate Steuervorlage von 0,8 auf 0,5 Prozentpunkte, nun befristet auf zwölf statt zehn Jahre. Über sie stimmt das Volk frühestens 2027 ab. Ein verbindlicher Pfad sieht anders aus. Gewachsen ist das Budget bisher vor allem, wenn gerade Geld da war: ein guter Rechnungsabschluss, eine Ausschüttung der Nationalbank.Wer sich bindet, beschafft schnellerDie anderen haben sich gebunden, und zwar bewusst: Österreich und Frankreich per Gesetz, Polen und Deutschland ebenso. Wo kein Gesetz steht, bündeln Norwegen, Schweden, Dänemark und die Niederlande die Mittel in mehrjährigen Plänen, die weit über eine Legislatur hinausreichen. Selbst Italien, das wie die Schweiz von Jahr zu Jahr plant, hat mit der Nato-Mitgliedschaft einen Anker, den die neutrale Schweiz nicht hat. Bindung ist Tempo: Finnland unterschrieb keine zwei Monate nach dem Typenentscheid den Vertrag über vierundsechzig F-35. Wer dagegen alle vier Jahre neu verhandelt, bestellt am Ende spät und teuer.Zwischen 2016 und 2025 haben sich die Verteidigungsbudgets Europas real verdoppelt, ein Plus von 102 Prozent, wie die Stockholmer Forschungsstelle Sipri ausweist. Die Schweiz legte um 29 Prozent zu, weniger als fast überall sonst in Europa und von einem ohnehin tiefen Niveau. Beim Anteil am Bruttoinlandprodukt kam sie 2016 auf 0,7 Prozent und 2025 auf 0,8, während Polen von 1,9 auf 4,5 kletterte und Deutschland auf 2,3. Die anderen reagierten auf die veränderte Bedrohungslage; die Schweiz verwaltete ihren Bestand.Die Rechnung kommt mit VerspätungWie sich die fehlende Bindung rächt, zeigt sich am Beispiel der Luftwaffe. Die ersten Schweizer F-35 gehen ab Mitte 2027 zur Pilotenausbildung in die USA und erreichen das Land erst Mitte 2028; die volle Einsatzbereitschaft liegt in den dreissiger Jahren. Italien fliegt die fünfte Generation seit 2016, Norwegen seit 2017. Dabei war der Ersatz absehbar. Die Planung für die Nachfolge der Ende der neunziger Jahre eingeführten F/A-18 begann erst 2017 mit dem Programm Air 2030.Ein Teil dieser Verspätung geht auf einen einzelnen Entscheid zurück: 2014 verwarf das Stimmvolk den Gripen und verschob die Erneuerung der Luftwaffe um ein Jahrzehnt. Der andere Teil ist strukturell und dauert an. Die Aufklärungsdrohne ADS-15 zeigt dasselbe Muster: 2015 bewilligt, für 2019 geplant, ist sie frühestens 2029 einsatzbereit, ein Vorlauf von vierzehn Jahren.Diese politische Passivität hat ihren Preis. Wer jahrzehntelang zu wenig investiert, muss dann kaufen, wenn halb Europa gleichzeitig aufrüstet, und bezahlt doppelt, in Franken und in verlorener Zeit.Der stärkste Einwand, wie ihn die Gegner höherer Verteidigungsausgaben vorbringen, hat drei Teile. Erstens: Die Schweiz sei wohlhabend, und rechne man alle Kosten zusammen, liege ihre Armee schon bei gut einem Prozent des BIP. Wohlhabend ist die Schweiz. Doch diese Vollkostenrechnung, die vor allem die Gegner höherer Ausgaben anführen, misst keine Fähigkeit.Sie zählt Posten wie Erwerbsersatz hinzu, aus denen keine Drohnenabwehr entsteht. Was Kampfjets, Luftverteidigung und Munition bezahlt, ist das ausgewiesene Rüstungsbudget, und das bleibt schmal. Die Armee selbst plant seit 2024 fähigkeitsbasiert. Zuerst wird bestimmt, was sie können muss, daraus folgt, was es kostet. Nicht der Preis bestimmt die Fähigkeiten; die Fähigkeiten bestimmen den Preis.Zweitens: die Neutralität. Da lohnt sich ein Vergleich mit anderen neutralen Staaten. Österreich ist seit 1955 neutral, und Finnland war es bis 2023; beide haben sich dennoch gebunden. Vor Exposition schützt die Neutralität ohnehin nicht: Wer Europa testen will, ohne die Nato zu berühren, findet in der Schweiz lohnende Ziele; am «Stern von Laufenburg» im Aargau hängen seit 1958 die Stromnetze des Kontinents zusammen. Eine Störung dieses bedeutenden Infrastrukturknotens träfe halb Europa, ohne einen Bündnisfall auszulösen.Der dritte Einwand ist der jüngste: Die Schweiz bewege sich ja mit dem am 24. Juni bekräftigten Rüstungsfonds. Doch der regelt den Zahlungsfluss, nicht die Verbindlichkeit des Ziels; die zusätzlichen Mittel, die ihn speisen sollen, hängen zudem an der Abstimmung von 2027.Keine Frage des KönnensDie Konsequenz ist nicht die nächste Debatte über die Nachkommastelle, sondern eine andere Frage: nicht nur, wie viel ausgegeben werden darf, sondern auch, wie verbindlich die finanzielle Planung sein soll. Der erste Schritt wäre, sich auf jene Grösse in Milliardenhöhe festzulegen, welche die Fachleute für die Verteidigung des Landes für nötig halten, um die zahlreichen Ausrüstungs- und Fähigkeitslücken so schnell wie möglich zu schliessen.Der zweite, diesen Pfad zu binden: per Gesetz oder in einem mehrjährig verpflichtenden Plan. Das wäre kein Verzicht auf demokratische Kontrolle. Das Parlament behielte das letzte Wort über jeden Franken; festgelegt würde allein, dass das Ziel nicht alle vier Jahre wieder zur Disposition steht.Es ist keine Frage des Könnens. Im Kalten Krieg hätte die Schweiz binnen 48 Stunden rund 650 000 Soldaten mobilisieren können, pro Kopf eine der grössten Armeen der Welt. Technologisch war sie vorne mit dabei: Sie baute eigene Kampfpanzer, der Radpanzer Piranha von Mowag wurde zur Vorlage für Fahrzeugfamilien rund um den Globus, bis hin zum heutigen Stryker der US-Armee. Heute zählt die Armee noch 100 000 Soldaten. Der Rückzug war naiv, denn er unterstellte, die Bedrohung sei mit dem Kalten Krieg vergangen. Spätestens die Annexion der Krim 2014 widerlegte dies.Mittlerweile beziffert die Armeeführung allein den Modernisierungsbedarf auf mindestens 40 Milliarden Franken, mit dem Betrieb auf gegen 100 Milliarden. Es ist die verspätete Rechnung dafür, dass dem VBS seit 1990 rund 150 Milliarden Franken vorenthalten wurden.Die Pandemie hat in Erinnerung gerufen, was in der Krise gilt: Als Schutzmaterial und Impfstoffe knapp wurden, versorgte jeder Staat zuerst die eigene Bevölkerung. Auf fremde Lieferbereitschaft ist im Ernstfall kein Verlass. Bundesrat und Parlament sitzen weitaus näher an den Nachrichtendiensten und an der Armee als die Öffentlichkeit. Sie sollten daher die Bedrohungslage und die eigenen Fähigkeiten sehr genau kennen. Sie tragen deshalb die grösste Verantwortung für die Verteidigung. Wer zuwartet, spart nicht, sondern verteuert. Und er vergrössert die Lücke, die ein Gegner ausnützen könnte.Leander Isler arbeitet im Bereich Governance, Risikomanagement und Compliance und kommentiert schweizerische Sicherheits-, Finanz- und Gesellschaftspolitik.
Schweizer Armee: Wieso es an langfristiger Planung fehlt
In der Debatte um die Finanzierung der Armee wird ein entscheidender Punkt bislang kaum diskutiert: Die Schweiz sichert ihr Verteidigungsziel weder durch ein Gesetz noch einen Mehrjahresplan ab. Das hat weitreichende Folgen.







