Also gut, dann einmal anders. Nicht in der gewohnten Form. Nicht so, wie das sonst üblich ist. Keine Warnung. Keine Entlarvung. Keine Keule. Nicht von Prinzessin zu Malermeister, ganz ohne linksgrüne Agenda oder regenbogenfarbene Brillentönung. Mit offenem Visier gefragt: Wie würden Sie sich denn eine neutrale Berichterstattung über Ihren Abend in Dessau vorstellen, Ulrich Siegmund? Wie sollten wir hier in den Medien darüber schreiben, dass Sie es in Ordnung fänden?Das würde mich wirklich interessieren. Vor allem, weil Sie ja die mediale zur wichtigsten Frage unserer Zeit erklärt haben – der erste Punkt Ihres „100-Tage-Plans“ verspricht, die Rundfunk-Staatsverträge zu kündigen und stattdessen eine „neutrale“ Presse zu fördern. Wie sähe ein Text über den Abend in Dessau aus, dem Sie das Gütesiegel „neutral“ verliehen?Innere Gestimmtheit als Problem?Der in Ihrer idealen „Grundfunk“-Anstalt gesendet würde? Denn, wenn ich Sie richtig verstanden habe bei der „Diskussionsveranstaltung“ in Dessau, liegen die schlechte Lage des Landes und die schlechte Stimmung der Deutschen ja vor allem daran, dass sich die Medien – und damit meinen Sie nicht nur die Öffentlich-Rechtlichen, sondern auch „die Zeitungen“ – als vierte Gewalt aufspielen und parteiisch über die Probleme der Menschen berichten. Dass sich viele Journalisten von innerer Gestimmtheit lenken lassen, sie Ihren politischen Gegnern die Daumen drücken und deshalb voreingenommen und moralgetrieben über die AfD informieren.Tatsächlich kann sich der Eindruck aufdrängen, die negative Berichterstattung über die AfD habe sich ritualisiert. Als wäre das Verhältnis zwischen AfD und Medien nicht das Verhältnis zwischen politischem Akteur und professionellem Beobachter, sondern das zwischen zwei sich gegenseitig bekämpfenden Instanzen vor dem Gericht der Öffentlichkeit. Und diese Öffentlichkeit scheint inzwischen stärker in Richtung AfD zu tendieren. Das legen jedenfalls die landesweiten Umfragewerte nahe. Je mehr negative Berichte über die AfD erscheinen, desto beliebter wird sie offenbar.Gegen Medien zu sein, ist salonfähigEs gilt anzuerkennen, dass Ihre Partei da in Anlehnung an amerikanische Vorbilder eine geschickte Strategie gefunden hat, um sich kostengünstig Wählerstimmen zu sichern. Denn gegen Medien und ihre „Desinformation“ zu sein, ist gerade wirkungsvoller und irgendwie salonfähiger als gegen Flüchtlinge oder die Erhöhung des Rentenalters. Gegen „die“ Medien haben sehr viele Deutsche aus sehr unterschiedlichen Gründen etwas – vom „Tatort“-Gegner bis zum Impfskeptiker.Jetzt haben Sie aber in Dessau gesagt, dass wir „alle gemeinsam“ an Deutschland arbeiten müssten, und ich gehe davon aus, dass dieses „alle gemeinsam“ auch Menschen mit einschließt, die ihr tägliches Brot mit dem journalistischen Handwerk verdienen. Nicht nur der Duftnotenverkauf oder das Lackieren, sondern auch die Recherche zu einem lügenden Berliner Bürgermeister oder das Verfassen einer Reportage über Negativerfahrungen von Anwohnern mit Windkrafträdern sind Tätigkeiten, die zum Bruttoinlandsprodukt beitragen – nicht nur zum mentalen.Wie sähe ein kritisch fairer Bericht über Dessau aus?Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie Journalisten generell aus Ihrem „alle gemeinsam“ ausschließen wollen. Dafür haben Sie ja auch viel zu viel Kontakt zu ihnen. Etwa auch zu mir. Ich erinnere mich an ein Gespräch, das wir vor ein paar Monaten im F.A.Z. Podcast für Deutschland geführt haben. „Danke für das angenehm konstruktiv-kritische Interview“, haben Sie im Anschluss gesagt. Das haben wir sogar noch auf Band, falls Sie sich daran nicht mehr erinnern können. Wie sähe jetzt also ein kritisch fairer Bericht über den Dessauer Abend aus?Vielleicht beginnen wir mit dem Titel des Abends. Eine „Diskussionsrunde“ war im hauseigenen Youtube-Kanal „AfD TV“ angekündigt. Aber würden Sie wirklich sagen, das war eine Diskussion? Ich habe drei Menschen auf dem Podium gesehen, die sich in allen Punkten einig waren und gegenseitig recht gaben, sich als Freunde bezeichnet und ausdrücklich geduzt haben. Geleitet wurde das Gespräch von einer Moderatorin, die sich ebenfalls als Mainstream-abtrünniger Teil der Runde empfand und mehr Vorlagen gab, als Fragen zu stellen. Eine neutrale Berichterstattung müsste doch vielleicht festhalten, dass der Titel „Diskussionsrunde“ nicht ganz stimmt, wenn gar keine unterschiedlichen Positionen vertreten sind, oder? Sie selbst weisen ja darauf hin, wenn etwa bei Maischberger nur „Ukraine-Freunde“ und „Kriegstreiber“ sitzen. Diskussion kann nur heißen, was zumindest in Nuancen unterschiedliche Ansichten präsentiert. Das war in Dessau nicht der Fall. Oder soll man das als „neutraler“ Betrachter anders sehen?Wie würden Sie solche Sätze einordnen?Kurz zum Inhalt des Abends. Wie würden Sie den beschreiben? Würden Sie sagen, dass es ein unterhaltsamer politischer Austausch war? Mit ein paar Witzen unter der Gürtellinie? „Wo ist Stauffenberg, wenn man ihn mal braucht?“, „Dann stellen wir sie an die Wand!“ Würden Sie die Sätze Ihres Freundes Uwe Steimle einordnen oder einfach weglassen? Das würde mich interessieren. Und wenn, wie würden Sie die Sätze bewerten? Als ein wenig über das Ziel hinausgeschossen, aber von der Kunstfreiheit gedeckt? Oder als Sätze, die Sie nicht sagen, aber denen Sie auch nicht widersprechen würden? Wie werteten Sie als neutraler Beobachter das Verhalten eines potentiellen deutschen Ministerpräsidenten, der still danebensitzt, wenn mit einem Attentat auf einen der wichtigsten Repräsentanten des deutschen Staates kokettiert wird? Und zwar nicht in einer Comedyshow, sondern bei einer politischen „Diskussionsrunde“?Das Publikum applaudierte und jubelte auf der Veranstaltung der AfD Sachsen-Anhalt.dpaVerstieße es Ihrer Ansicht nach gegen das Neutralitätsgebot der Presse, wenn anlässlich seines Auftritts in Dessau über Uwe Steimle berichtet würde? Wie schrieben Sie über Steimle, so, dass es „fair“ bleibt? Steimles Satz zu Deutschland als „Besatzungsgebiet der USA“, seine Liebeserklärung an Putin als einen Menschen, „der sich von seinem Herzen treiben lasse“? Wie geht das: Neutralität bei der Beschreibung einer Person, die so viel Nichtneutrales gesagt hat?Ein peinlicher oder ein stolzer Moment?Und zuletzt die Sache mit der Hymne. Ich würde gerne wissen, wie Sie den Moment beschrieben, in dem der Saal in Dessau die DDR-Hymne anstimmt, obwohl ja eigentlich unsere, die Hymne der Bundesrepublik Deutschland, gesungen werden sollte. War das für Sie als jemand, der 1990 geboren wurde, ein peinlicher oder ein stolzer Moment – oder würden Sie auch das gar nicht für erwähnenswert halten?Worüber dann stattdessen berichten? Über das eigentliche Thema des Abends wahrscheinlich: den „Frieden“ und wie man ihn ohne Waffen schafft. Ohne Aufrüstung, mit mehr Diplomatie hin nach allen Seiten. Sie würden wahrscheinlich berichten, dass Friedrich Merz und die Bundesregierung uns durch ihre Rüstungspolitik in einen Krieg treiben. Aber würden Sie auch erwähnen, dass das in Reaktion auf einen menschenvernichtenden Angriff von russischer Seite aus geschieht? Oder wäre Ihnen das zu wenig neutral?Witz würde in Russland nicht folgenlos bleibenUnd dass zeitweilig Russisch gesprochen wurde auf dem Podium, würde der neutrale Journalist Ulrich Siegmund das kommentieren oder nicht? Und wenn ja, wie? Als witzige Provokation gegen den westdeutschen US-Bias? Oder neutraler, als Zeichen der Sprechfreiheit in diesem Land? Eine Freiheit, die man für das heutige Russland wahrscheinlich nicht ohne Weiteres voraussetzen wird. Oder können wir uns vorstellen, dass ein Witz über einen Mordanschlag auf den russischen Präsidenten dort folgenlos bliebe?Wäre es aus Ihrer Sicht voreingenommen, wenn man Ihre Reaktion und die Ihres Parteivorsitzenden Tino Chrupalla auf die Einlassungen Ihres gemeinsamen Freundes Steimle erwähnte? Auch, dass Chrupalla die DDR-Hymne laut mitsingt, während Sie lächelnd danebenstehen?Buch passt nicht zum ThemaUnd wäre es reflexhaft, wenn man auf das Buch zu sprechen käme, das Sie den Anwesenden am Schluss als Gastgeschenk mitgegeben haben? Eine Biographie über den Dessauer Luftfahrtpionier Hugo Junkers, erschienen 2023 im rechtsgerichteten Lau-Verlag. Eine Biographie über einen Mann, der als entscheidender Rüstungsproduzent im Ersten Weltkrieg nicht recht zum Thema des Abends „Frieden schaffen ohne Waffen“ passen will. Aber vielleicht ist das jetzt in Ihrer Sicht auch wieder zu voreingenommen.Mich würde wirklich interessieren, wie der neutrale Beobachter Ulrich Siegmund über die Dessauer Veranstaltung berichtete. Es wäre angesichts der zentralen Bedeutung, die die AfD in Sachsen-Anhalt in der medialen Frage sieht, ein Beweis staatspolitischer Verantwortung, wenn Sie vormachten, wie es richtig gehen soll. Was Fairness und Neutralität aus Sicht der AfD bedeuten – unkommentierte Wiedergabe politischer Programmatik oder Vorzeichenwechsel in der Tendenz? Das einmal am Fallbeispiel Dessau zu buchstabieren wäre – ganz neutral gesprochen – ein Akt, der uns jetzt „alle gemeinsam“ weiterbrächte.
Brief an Ulrich Siegmund: Wie "neutral" berichten?
Das Verhältnis von AfD und Medien ist von Reflexen und Routinen geprägt. Mit Blick auf eine Wahlkampfrunde in Dessau stellt sich die Frage: Wie würde der potentiell erste AfD-Ministerpräsident Deutschlands selbst „neutral“ darüber berichten?












