Das Antlitz des Tishreen-Palastes in Damaskus hat sich verändert. In den Tagen nach dem Sturz des Assad-Regimes Ende 2024 streiften Plünderer durch die Gänge der pompösen Anlage. Jetzt glänzt der Boden wieder, Männer in Uniform halten am Tor des hergerichteten Palastes Wache, der von der neuen Regierung für offizielle Anlässe genutzt wird. An diesem Donnerstag wurden dort Deutsch-Syrische Regierungskonsultationen eröffnet.Im Beisein des syrischen Außenministers Asaad al-Schaibani wurde ein Abkommen über die Einrichtung eines gemeinsamen Komitees für die Regierungszusammenarbeit unterzeichnet. Außerdem eines zur Zusammenarbeit der Luftfahrtbehörden beider Länder, um den Flugverkehr zu intensivieren und Direktflüge zu ermöglichen. Schaibani sagte zur Begrüßung, die „institutionelle Zusammenarbeit“ beider Länder habe eine „neue Stufe“ erreicht. Er sprach von einem „gemeinsamen Willen“ diversifizierter Beziehungen. Syrien sei ein vertrauenswürdiger Partner.Géza Andreas von Geyr, Staatssekretär im Auswärtigen Amt und Kopf der deutschen Delegation, sagte, im Zentrum der Gespräche des gemeinsamen Komitees werde der Wiederaufbau Syriens stehen, den Deutschland „nach Kräften“ zu unterstützen bereit sei. Die syrische Regierung stehe hier vor „gewaltigen Aufgaben“, etwa mit Blick auf die Instandsetzung der Infrastruktur und die Grundversorgung der Bevölkerung.Jenseits der Palastmauern hat die syrische Regierung noch viel Arbeit zu verrichten, was auch das Arbeitsprogramm zeigt. Die Regierungskonsultationen knüpfen an den Besuch des syrischen Präsidenten Ahmed al-Scharaa Ende März in Berlin an. Damals wurde ein breit angelegtes Arbeitsprogramm vereinbart. Es umfasst laut syrischen Angaben Themen wie Sicherheitszusammenarbeit, Wirtschaftskooperation, den Wiederaufbau des in Jahren des Krieges zerstörten Syriens, die Übergangsjustiz, Migration, Energie und Transport. In allen Feldern kann die neue Führung in Damaskus Hilfe gebrauchen. Sie muss zum Beispiel neue Sicherheitskräfte aufbauen, die Grenzen zum Irak und zu Libanon sichern.Auch der Kampf gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) ist noch nicht gewonnen. Sie ist weiter in Syrien aktiv und hat sich laut Einschätzung syrischer Beobachter in erster Linie darauf verlegt, durch Anschläge den Übergangs- und Aufbauprozess zu hintertreiben und das Land zu destabilisieren.Die Wirtschaft liegt am BodenVon Geyr verband die Unterstützung mit Forderungen nach guter Regierungsführung. Es müssten unbedingt „fiskalische Rahmenbedingungen“ für die finanzielle Unterstützung des Wiederaufbaus geschaffen werden. „Syrien braucht funktionierende, professionelle und unparteiische staatliche Institutionen für alle Syrerinnen und Syrer“, sagte er. Außerdem eine transparente Aufarbeitung der Verbrechen der Vergangenheit. Ebenso wolle man intensiv darüber sprechen, wie man durch die Förderung des Wiederaufbaus und der Wirtschaft Impulse für eine Rückkehr nach Deutschland geflohener Syrer setzen könne.Damaskus wirbt um Investitionen. Die Wirtschaft des Landes liegt am Boden. Geschäftsleute in Damaskus berichten, sie habe sich nicht erholt. Strom-, Benzin- und auch Brotpreise setzen den einfachen Leuten zu. Vor den subventionierten Bäckereien bilden sich lange Schlangen. Laut einer Studie der Fachpublikation „Syria in Transition“ (SIT) geht die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander. Die Härten im Alltag drücken auf die Stimmung. Die Unzufriedenheit nimmt zu angesichts des täglichen wirtschaftlichen Überlebenskampfes, mit dem sich viele Syrer konfrontiert sehen, was auch Umfragen belegen. „Die Flitterwochen sind vorbei“, sagt ein Intellektueller in der syrischen Hauptstadt.Das ist eine Einschätzung, die auch Vertreter der Geschäftswelt teilen. Laut einer SIT-Umfrage spielen die wirtschaftlichen Lebensumstände auch bei der Bewertung der Sicherheitslage oder des politischen Übergangs eine Rolle. Demnach sagten 75 Prozent der Menschen in Gegenden mit hohem Einkommen, sie fühlten sich sicher, während sich nur acht Prozent der Befragten in ärmeren Gegenden so äußerten. Auch die staatlichen Dienstleistungen werden in reichen Regionen deutlich besser bewertet.Das Thema Migration überlagert die Gespräche mit BerlinSo dürften für die syrische Führung Fragen nach Investitionen in die Infrastruktur und Wirtschaft dringlicher sein als ein Thema, das die deutsche Politik beschäftigt: Migration und die Rückführung syrischer Kriegsflüchtlinge. Schon im Zuge von Scharaas Besuch hatten syrische Regierungsvertreter gegenüber der F.A.Z. um Geduld gebeten. Noch immer heißt es in Damaskus, man müsse erst Erfolge beim Wiederaufbau des Landes erreichen, um eine massenhafte Rückkehr zu ermöglichen.Das Thema überlagerte schon den Syrien-Besuch des deutschen Außenministers Johann Wadephul (CDU) im Herbst 2025. Seinerzeit ging es schwerpunktmäßig auch um andere Themen. Doch unter dem Eindruck der Ruinenlandschaft in der Damaszener Vorstadt Harasta dämpfte der Unionspolitiker auf Nachfrage die Erwartungen, dass eine baldige massenhafte Rückführung syrischer Flüchtlinge möglich sei. Damit rief er eine heftige Kontroverse in den eigenen Reihen hervor und erntete teils scharfe Kritik.Auch der Besuch Scharaas in Berlin war von einer Debatte über Rückführungen und die Rückkehr von Flüchtlingen begleitet. Da ging es um eine sehr hohe Zielmarke von 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrer, die binnen drei Jahren in ihre Heimat zurückkehren sollten. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte das als „Wunsch“ des syrischen Präsidenten dargestellt. Scharaa wollte das nicht gesagt haben. Außenminister Schaibani erklärte: „Wir lehnen jegliche Versuche der Zwangsabschiebung entschieden ab.“Syrien ist auch strategisch wichtigDie deutsche Außenpolitik betrachtet ihre Syrien-Politik indes nicht allein durch die Migrationsbrille. Berlin engagiert sich auch in anderen Feldern. Deutschland hat sich etwa in der Europäischen Union dafür eingesetzt, dass das Innen- und das Verteidigungsministerium nicht mehr mit Sanktionen belegt werden. Syrien gilt in Berlin auch als ein Land, das man als Partner gewinnen will.Und die Führung ist sich dessen bewusst. Regierungsvertreter heben seine geographische Lage und die damit einhergehende strategische Relevanz hervor. Schaibani sprach während der Regierungskonsultationen in Damaskus ebenfalls von der „strategischen Wichtigkeit“ Syriens angesichts ungekannter regionaler Herausforderungen. Er hob die Rolle des Landes für Energielieferungen und Handelskorridore hervor. Weil die strategisch wichtige Meerenge Straße von Hormus, ein Nadelöhr des Energie- und Welthandels, einer dauerhaften Bedrohung durch das iranische Regime ausgesetzt ist, werden alternative Exportrouten nach Europa wichtiger.Scharaa machte das deutlich, als der französische Präsident Emmanuel Macron Anfang des Monats als erster EU-Staatschef Syrien besuchte. „Nach der Krise um die Straße von Hormus hat die Welt den Wert sicherer und stabiler Handelskorridore erkannt“, sagte er. Syrien könne ein Bindeglied zwischen dem Mittelmeer, dem Persischen Golf und dem Irak sein, ein „unverzichtbarer Knotenpunkt“.Von einer besonderen Verbindung zwischen Deutschland und Syrien ist in Damaskus gerade wegen der in Deutschland lebenden Syrer die Rede. Das wurde auch deutlich, als sich syrische und deutsche Delegationsmitglieder persönlich im Tishreen-Palast begrüßten – und sich auf Deutsch unterhielten.