Konsultationen in Damaskus: Deutschland will Ausschaffungen, Syrien sucht KapitalDeutschland und Syrien wollen enger zusammenarbeiten. In Berlin denkt man dabei vor allem an die Rückkehr der syrischen Migranten. Doch dafür wird die Bundesrepublik Damaskus etwas bieten müssen.16.07.2026, 16.55 Uhr4 LeseminutenIm März besuchte der syrische Übergangspräsident Ahmed al-Sharaa erstmals Deutschland und traf sich mit Kanzler Friedrich Merz.Michele Tantussi / Getty ImagesIbrahim ist unzufrieden. «Wir wollen alle nach Deutschland», sagt der 32-jährige Syrer am Mittwochabend vor seinem Bekleidungsgeschäft in der Altstadt von Damaskus. Obwohl die Sonne schon lange untergegangen ist, steht die Hitze immer noch in den jahrhundertealten Gassen der syrischen Hauptstadt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seinen Nachnamen möchte der Mann nicht nennen. «Die aktuelle Lage in Syrien ist hart», sagt der junge Christ. Nicht nur werde täglich alles teurer, auch die Gesellschaft verändere sich: Die sunnitische Mehrheit kontrolliere jetzt das Land. Für Minderheiten wie etwa die Christen werde das Leben schwieriger.Die deutsche Regierung will allerdings das Gegenteil von dem, was Ibrahim möchte: Syrerinnen und Syrer in Deutschland sollen das Land verlassen. Vor allem sollen nicht noch mehr Menschen aus dem nahöstlichen Land nach Europa kommen.Treffen in Asads einstigem PalastAuch um dieses Ziel zu erreichen, reiste am Donnerstag eine deutsche Delegation zu den ersten Regierungskonsultationen zwischen Syrien und Deutschland nach Damaskus. Der Ort des Treffens verdeutlichte, welchen Weg Syrien in den vergangenen Monaten gegangen ist. Der Tishreen-Palast im Norden der syrischen Hauptstadt war einst ein Symbol der Asad-Dikatur. Wenige Tage nach dem Sturz des Diktators wurde das Anwesen geplündert und stark beschädigt. Jetzt plätschern im Innenhof des Damaszener Prunkbaus wieder die Springbrunnen. Seit wenigen Monaten nutzt Syriens neue Regierung den Palast für diplomatische Zwecke.Die sich nun gemässigt gebenden Islamisten, die nach dem Bürgerkrieg die Macht in Syrien übernahmen, sind für Deutschland zum Gesprächspartner geworden. Die Stimmung war beim ersten Treffen der Regierungsvertreter gut. Sie vereinbarten ein sogenanntes gemeinsames Komitee für die Regierungszusammenarbeit zu bilden, hiess es aus syrischen und deutschen Diplomatenkreisen: ein stetiger Austausch, um die Beziehungen beider Länder zu stärken.Die Zahl der freiwilligen Rückkehrer bleibt geringIm Zuge des Treffens wurden allerdings auch unterschiedliche Erwartungen an die künftige Zusammenarbeit deutlich. Deutschland hofft vor allem auf Bewegung bei der Migration: mehr Ausschaffungen und freiwillige Ausreisen. Die syrische Führung hingegen will vor allem Investitionen ins Land holen.Für die deutsche Seite reiste der Staatssekretär Geza Andreas von Geyr aus dem Auswärtigen Amt nach Damaskus. Er machte den Schwerpunkt aus deutscher Sicht klar. In den Gesprächen zwischen deutschen und syrischen Regierungsvertretern gehe es unter anderem darum, «wie wir die Rückkehr von Syrerinnen und Syrern aus Deutschland in ihre Heimat befördern und unterstützen können und wie wir dafür gegebenenfalls durch Wiederaufbau und die Ankurbelung der Wirtschaft Impulse setzen können», sagte er bei der Eröffnung der Konsultationen.Die deutsche Regierung steht innenpolitisch unter Druck. Der Kanzler Friedrich Merz hat den Bürgern eine «Migrationswende» versprochen. Zwar kommen inzwischen weniger neue Migranten ins Land, doch die Zahl der Ausschaffungen bleibt hinter den von der Regierung gesetzten Erwartungen zurück.Hinzu kommt, dass nach dem Ende des Bürgerkriegs deutlich weniger Syrer freiwillig in ihre Heimat zurückkehren, als von der deutschen Regierung erhofft. Laut Zahlen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf), die der NZZ vorliegen, sind im ersten Halbjahr 2026 zwar insgesamt 2964 Personen über ein von Bund und Ländern gefördertes Programm nach Syrien zurückgekehrt. Gemessen an den rund 940 000 Syrern, die laut dem Statistischen Bundesamt Ende 2025 in Deutschland lebten, bleibt die Zahl der Rückkehrer jedoch verschwindend gering.Syrien will Investitionen anziehenDie Idee der deutschen Regierung lautet daher: den Wiederaufbau fördern, um die Migranten zur Rückkehr zu motivieren. Nach eigener Aussage hat sie allein im Jahr 2025 Hilfen in Höhe von 218 Millionen Euro für den Wiederaufbau Syriens zugesagt.Die syrische Seite hofft hingegen auf eine stärkere wirtschaftliche Zusammenarbeit. Syriens Aussenminister Asaad al-Shaibani lobte am Donnerstag eine im April unterschriebene Absichtserklärung von Siemens Energy, um das Stromnetz in dem weitgehend zerstörten Land wiederaufzubauen. «Wir möchten diesen Besuch auch nutzen, um eine Einladung an die deutschen Unternehmen zu richten, sich Syrien anzuschauen und die Möglichkeiten zu erkunden, die es für den deutschen Privatsektor hier gibt.»Beim Thema Migration hielt man sich in Damaskus jedoch bedeckt. Shaibani drückte Deutschland zwar seinen Dank für die Aufnahme von so vielen seiner Landsleute während des Bürgerkriegs auf, äusserte sich zur Rückkehr von Syrern aus Deutschland im öffentlichen Teil der Veranstaltung jedoch nicht. Zumindest Nala Osman, Abteilungsleiterin für Migration im syrischen Aussenministerium, die fliessend und akzentfrei Deutsch spricht, bemühte sich um Optimismus. «Wir tun unser bestes», versprach sie im Gespräch mit der NZZ.AfD will Hilfen ganz abschaffenDie Grünen-Politikerin Lamya Kaddor, stellvertretendes Mitglied im Auswärtigen Ausschuss, wundert es kaum, dass Deutschland mit seinen Zielen bislang nicht durchdringt. «Freiwillige Rückkehr kann nur dann gelingen, wenn die Voraussetzung für ein sicheres und selbstbestimmtes Leben geschaffen ist», sagte sie der NZZ. Dazu gehörten eine verlässliche Infrastruktur, wirtschaftliche Perspektiven und der Zugang zu Bildung.Kaddor fordert von der Bundesregierung, die Hilfen an die Bedingung zu knüpfen, dass Minderheiten in den politischen Transitionsprozess eingebunden werden. Fehlende Partizipation und Repräsentation von religiösen und ethnischen Minderheiten sowie von Frauen blieben in Syrien kritikwürdig.Die AfD will die Hilfen hingegen ganz einstellen. «Angesichts der erheblichen innen- und finanzpolitischen Herausforderungen in Deutschland sind weitere Zahlungen an Drittstaaten abzulehnen und müssen grundsätzlich einer besonders strengen Prüfung unterzogen werden», sagte der aussenpolitische Sprecher der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag, Markus Frohnmaier, der NZZ.Er kritisierte zudem, dass die Bundesregierung bei der Förderung der Rückkehr syrischer Flüchtlinge und der konsequenten Umsetzung von Rückführungen deutlich hinter den bestehenden Möglichkeiten zurückbleibe. «Wer Schutz vor Krieg gesucht hat, sollte die Möglichkeit erhalten, zum Wiederaufbau seines Heimatlandes beizutragen», sagte Frohnmaier.Für die deutsche Regierung wird es ein Spagat, den innenpolitischen Erwartungsdruck mit den wirtschaftlichen Hoffnungen der neuen syrischen Partner zu vereinbaren. Dass beide Seiten miteinander sprechen, ist zwar ein Anfang – bis zu einer echten Einigung in der Migrationsfrage dürften jedoch noch viele Gesprächsrunden nötig sein.Passend zum Artikel
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