Graf Mülleimer gegen das EstablishmentSie fordern Freibier, die Verstaatlichung von Pop-Stars oder zwei Sonnenuntergänge täglich. Spasskandidaten führen die etablierte Politik vor. Doch was geschieht, wenn die Wähler die Parodie plötzlich beim Wort nehmen?Elena Panagiotidis15.07.2026, 17.43 Uhr6 LeseminutenCount Binface: Ein Mülleimer stellt sich Nigel FarageCount Binface, auf Deutsch etwa «Graf Mülltonnengesicht», alias Jon Harvey, tritt gegen britische Starpolitiker an.Ryan Jenkinson / GettyWenn irgendwo und irgendwer in Grossbritannien gewählt wird, gehört inzwischen fast selbstverständlich ein sprechender Mülleimer zum Kandidatenfeld. Count Binface, zu Deutsch «Graf Mülleimergesicht», bezeichnet sich als unabhängiger intergalaktischer Krieger. Sein Motto: «Make Earth Great Again». Seine Forderungen: die Sängerin Adele zu verstaatlichen und den Preis für Softeis zu deckeln sowie das alte britische Bildschirmtextsystem Ceefax wiedereinzuführen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bei der Nachwahl im ostenglischen Clacton tritt er gegen den Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage an. Farage versucht dort mit einem gezielten politischen Manöver, den Wiedereinzug ins Parlament zu erzwingen. Weil sich die grösseren etablierten Parteien aus Protest oder Taktik weigern, ernsthafte Gegenkandidaten aufzustellen, könnte ausgerechnet ein Komiker Farages prominentester Herausforderer werden.Im Unterhaus sorgt das bereits für Spott: Ein Abgeordneter kommentierte trocken, einer der beiden Topkandidaten in Clacton habe ohnehin nur Ideen für die Mülltonne – und der andere sei Count Binface.Niemand erwartet ernsthaft, dass Count Binface Adele verstaatlichen wird. Darin liegt seine Freiheit. Der politische Hofnarr darf Wahlkampfversprechen und den Politbetrieb blossstellen, seine Macht bleibt begrenzt.Doch was geschieht, wenn er plötzlich nicht nur Applaus und Lacher erzielt, sondern Mandate gewinnt?Martin Sonneborn und «Die Partei»: Brüssels hochbezahlter HofnarrMartin Sonneborn im Jahr 2009 vor dem Reichstag in Berlin.Franka Bruns / APDer historische Hofnarr konnte seinem Herrscher Wahrheiten sagen, die am Hof sonst lebensgefährlich geworden wären. Auch moderne politische Satire lebt davon, dass die Mächtigen vorgeführt werden, die Satiriker aber nicht die Verantwortung übernehmen.In Deutschland nimmt Martin Sonneborn seit Jahren diese Rolle ein. Seine von den Redaktoren des Satiremagazins «Titanic» gegründete Partei «Die Partei» parodiert schon mit ihrem Namen den politischen Betrieb. Seit 2014 sitzt Sonneborn im Europäischen Parlament. Seine Reden erreichten – anfänglich – im Internet ein Publikum, das Debatten aus Brüssel sonst kaum verfolgen würde.Zugleich provoziert er mit seiner Rolle einen naheliegenden Einwand. So erhält Sonneborn die Privilegien und Bezüge eines Abgeordneten, betont aber demonstrativ, sich der politischen Mitgestaltung zu entziehen. Der Hofnarr wird vom Hof fürstlich bezahlt.Ungarns MKKP: Eine Spasspartei legt Hand anWahlkampfplakat der Partei des zweischwänzigen Hundes im April in Budapest.Mateusz Wlodarczyk / Nurphoto / GettyAuch in Ungarn hat sich eine Satirepartei dauerhaft eingerichtet. «Die Partei des zweischwänzigen Hundes» verspricht ewiges Leben, Freibier und zwei Sonnenuntergänge am Tag. Ihre Aktivisten belassen es nicht bei Witzen. Sie greifen ein, wo die Behörden versagen, reparieren beschädigte Gehwege oder verschönern Bushaltestellen. Ihre absurden Versprechen sind Satire. Ihre reparierten Trottoirs sind real.Spassparteien sind kein Phänomen des Internetzeitalters. Schon 1911 parodierte mit seiner «Partei für gemässigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze» der tschechische Autor Jaroslav Hasek den politischen Betrieb Österreich-Ungarns.Achtzig Jahre später gelang der Polnischen Partei der Bierfreunde eine Überraschung: 1991 zog sie mit sechzehn Abgeordneten in den Sejm ein. Was als Persiflage auf die junge Parteienlandschaft nach dem Ende des Kommunismus begonnen hatte, erhielt plötzlich reale parlamentarische Relevanz. Die Fraktion zersplitterte bald in verschiedene politische Lager.Coluche: als französische Politiker Panik schobenWie schnell sich eine Spasskandidatur verselbständigen kann, musste der französische Starkomiker Coluche entdecken. 1980 kündigte er an, bei der Präsidentschaftswahl des folgenden Jahres anzutreten. In Latzhose und Turnschuhen erklärte er sich zum Kandidaten der gesellschaftlichen Aussenseiter und wollte vor allem jene mobilisieren, die das Vertrauen in die etablierte Politik verloren hatten.Zunächst schien die Kandidatur eine weitere Provokation des für seine derben Auftritte bekannten Komikers zu sein. Dann sah ihn eine Umfrage plötzlich bei 16 Prozent. Das Establishment geriet in Panik. Nach öffentlichem Druck und Morddrohungen zog Coluche die Reissleine und gab seine Kandidatur auf.Jon Gnarr in Island: wenn der Komiker plötzlich regieren mussDer isländische Komiker und Ex-Bürgermeister von Reykjavik im April 2017.Marie D. De Jesus / Houston Chronicle / GettyDass Satiriker auch Krise können, bewies Jon Gnarr in Island. Als der Staat nach dem Bankenkollaps in eine schwere Krise geriet, gründete der Komiker und Punk-Musiker Gnarr die «Beste Partei». Zu ihren Wahlversprechen gehörten kostenlose Handtücher in Schwimmbädern und «offene statt heimliche Korruption».Bei der Kommunalwahl in Reykjavik wurde die Partei 2010 stärkste Kraft und Gnarr Bürgermeister. Was als Protestpartei begonnen hatte, stand nun in Regierungsverantwortung. «Es war, als wäre Mike Müller auf einmal Bundesrat», schrieb die NZZ damals. Doch Gnarr und seine Mitstreiter erwiesen sich als lernfähig; es gelang Gnarr, die Finanzen zu konsolidieren. Er wurde zum respektierten Bürgermeister.Beppe Grillo: wie der IT-Populismus Italiens Fünf-Sterne-Bewegung erschufBeppe Grillo im Februar 2016 bei einem Auftritt in Mailand.Antonio Calanni / APZiemlich folgenreich war der Aufstieg Beppe Grillos in Italien. Der Komiker trat mit wütenden Monologen gegen Korruption und die politische Klasse auf. Über seinen Blog baute er ein Millionenpublikum auf. 2007 rief er zum «Vaffanculo Day», dem «Leck mich am Ar . . .-Tag», auf. Hunderttausende protestierten gegen korrupte Politiker.2009 gründete Grillo mit dem Internetunternehmer Gianroberto Casaleggio das Movimento 5 Stelle. Die Bewegung wollte die bisherige politische Klasse durch direkte Beteiligung der Bürger überwinden. Digitale Abstimmungen sollten Parteien und Funktionäre ersetzen. Sie traf damit einen Nerv. 2013 verzeichnete Grillos Bewegung bei den Parlamentswahlen einen massiven Zulauf. Gleichzeitig stieg auch Forza Italia des Ex-Ministerpräsidenten Berlusconi auf. «The Economist» titelte auf seinem Cover anlässlich der italienischen Wahlen: «Send in the Clowns».Bei der Parlamentswahl 2018 erhielt die Fünf-Sterne-Bewegung knapp ein Drittel der Stimmen und wurde stärkste Einzelpartei. Die Cinque Stelle konnte mit der rechten Lega ebenso koalieren wie später mit dem sozialdemokratischen Partito Democratico. Unter Giuseppe Conte stellten sie den Ministerpräsidenten.Damit war aus der Antipartei eine Regierungspartei geworden. Ihre digitale Basisdemokratie erwies sich als weniger horizontal als versprochen, Abstimmungen waren intransparent, Kritiker wurden per Mausklick ausgeschlossen. Vordergründig galt das Prinzip «Einer zählt so viel wie jeder andere», doch im Hintergrund wirkte die stark zentralisierte Führung um Grillo und Casaleggio. Beppe Grillo selbst verstand sich als unantastbarer Prophet der eigenen Bewegung. Bis sich die Partei emanzipierte und ihn schliesslich entmachtete.Selenski: vom Fernsehpräsidenten zum echten StaatschefWolodimir Selenski in seiner Rolle als Wasil Holoborodko in der Erfolgsserie «Diener des Volkes» – kurz bevor er 2019 tatsächlich zum Präsidenten der Ukraine gewählt wurde.ImagoKein Fall illustriert die Transformation vom Entertainer zum Staatsmann so drastisch wie jener Wolodimir Selenskis. Der ukrainische Schauspieler und Komiker hatte sich mit der Comedy-Truppe Kwartal 95 jahrelang über Politiker und Oligarchen lustig gemacht. In der erfolgreichen TV-Serie «Diener des Volkes» spielte er einen Lehrer, der eine flammende Rede gegen Korruption hält. Das heimlich aufgenommene Video geht im Netz viral. Plötzlich wird der Lehrer zum Präsidenten der Ukraine gewählt.2019 dann überholte die Realität die Fiktion. Selenski trat mit einer Partei an, die nach der Fernsehserie benannt war, und gewann den zweiten Wahlkampf mit rund drei Viertel der Stimmen. Bei seiner Antrittsrede sagte er: «Jeder von uns ist Präsident.»Das Ergebnis zeigte, wie überdrüssig ein grosser Teil der Bevölkerung des bisherigen politischen Systems war. Im Februar 2022 wandelte sich der einstige Komiker dann endgültig zum seriösen Politiker und Kriegshelden, als er die russische Vollinvasion im olivgrünen Shirt direkt aus den Strassen der ukrainischen Hauptstadt mit den Worten parierte: «Wir sind da.» Das Angebot, in die USA auszureisen, lehnte er ab mit den Worten, er brauche keine Mitfahrgelegenheit, sondern Waffen. Die Kommunikation des früheren Entertainers wurde zu einem wichtigen Teil der ukrainischen Verteidigung.Vier Jahre nach Beginn des brutalen russischen Angriffskriegs ist Selenski immer noch in Kiew. Zwar gibt es mittlerweile Kritik, die Kehrseite der Macht ist, dass auch Selenski zunehmend autoritäre Reflexe zeigt und Korruptionsskandale im Apparat hat. Doch sein Werdegang beweist: Auch ein Komiker kann in einer existenziellen Krise in eine Rolle hineinwachsen, auf die ihn kein Drehbuch hätte vorbereiten können.Passend zum Artikel