KommentarWenige Monate vor der Wahl sichert sich der Ministerpräsident die Unterstützung ultraorthodoxer Wähler, die zuletzt selbst vor gewalttätigen Protesten nicht zurückschreckten. Einen hohen Preis zahlen dafür Armee und säkulare Bürger.15.07.2026, 16.30 Uhr3 LeseminutenBangt um seine Wiederwahl: Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu.APBenjamin Netanyahu ist eingeknickt. Die Knesset hat am Dienstag ein Gesetz seiner Regierung verabschiedet, das ultraorthodoxe Wehrdienstverweigerer vorerst vor Strafverfolgung schützt. Der Ministerpräsident gibt damit einer monatelangen Erpressung nach.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Beinahe im Wochentakt demonstrierten Ultraorthodoxe in jüngster Zeit gegen die Einberufung ihrer jungen Männer, die an religiösen Schulen dem Tora-Studium nachgehen. Sie blockierten Autobahnen, stoppten Züge und lieferten sich Strassenschlachten mit der Polizei. Damit nicht genug, auch Richter und andere Justizvertreter wurden attackiert, deren Aufgabe darin bestand, geltendes Recht durchzusetzen.Das alte Gesetz war dabei eindeutig. Die Wehrpflicht gilt grundsätzlich für alle israelischen Staatsbürger, ein Tora-Studium begründet keinen Anspruch auf Befreiung. Das wusste Netanyahu nur zu genau, er hat es aber über Jahre hinweg ignoriert.Stattdessen nun die Novelle. Erst am Vorabend hatte die Koalition zudem ein Grundgesetz durch die Knesset gebracht, das dem Tora-Studium den Status eines «grundlegenden Werts» des jüdischen Volkes zuerkennt. Damit wurde auch die Logik der Ultraorthodoxen übernommen, dass Israel nicht nur mit dem Gewehr, sondern auch mit der Bibel verteidigt werde.Netanyahu handelt auch aus persönlichen GründenNetanyahus Motive für den jüngsten gesetzlichen Aufschub sind politischer wie persönlicher Natur zugleich. Am 27. Oktober wird in Israel gewählt, und die Umfragewerte für ihn sind mies. Einen offenen Konflikt mit den ultraorthodoxen Parteien kann er sich daher kaum leisten.Im Gegenteil. Will er nach der Wahl erneut eine Regierung bilden, wird er auf genau jene frommen Parteien angewiesen sein, denen er nun entgegenkommt. Weil gleichzeitig mehrere Korruptionsverfahren gegen ihn laufen, klammert er sich an die Macht. Netanyahu weiss, dass es für ihn deutlich schwieriger würde, der Justiz zu entkommen, sobald er das Amt einmal aufgegeben hätte.Man muss Netanyahus Kurs deshalb als Kapitulation vor dem religiösen Mob auf der Strasse lesen. Und als Kapitulation vor einem Koalitionspartner, der seine Macht konsequent auszuspielen weiss.Säkulare tragen die LastDer Preis, den Israel dafür zahlt, ist hoch. Der Ministerpräsident stellt sich gegen den Willen einer Mehrheit der Israeli, die seit langem ein Ende der Sonderregelungen für die Ultraorthodoxen fordert. Kein Wunder, es sind die Säkularen und die moderat Religiösen im Land, die die Last dieser Sonderbehandlung tragen.Die Kriege in Gaza und in Libanon sowie die Konfrontation mit Iran und dessen Stellvertretern haben Israels Streitkräfte bis an die Belastungsgrenze geführt. Reservisten leisten seit Monaten Dienst, viele sind deshalb über lange Zeit von ihren Familien getrennt und fehlen am Arbeitsplatz. Manche von ihnen zahlen den Einsatz für ihr Land gar mit ihrem Leben.Doch der Ministerpräsident opfert auch die sicherheitspolitischen Interessen seines Landes, um politisch zu überleben. Denn die Personalknappheit gefährdet mittlerweile sogar die militärische Handlungsfähigkeit des Landes. Generalstabschef Eyal Zamir bezeichnete den Gesetzentwurf dementsprechend als «unbegreiflich» und nicht vereinbar mit den Bedürfnissen der Armee.Schon Ben-Gurion umwarb die FrommenMit seiner Anbiederung an die radikalen Frommen steht Netanyahu in einer langen israelischen Tradition. Er gehe zwar nicht in die Synagoge, soll David Ben-Gurion einmal gesagt haben, die Synagoge aber, in die er nicht gehe, sei eine orthodoxe.Das Bonmot des Staatsgründers zeigt, wie alt der Konflikt zwischen säkularen und religiösen Israeli ist. Es macht aber auch deutlich, dass auf der religiösen Seite seit je nicht die gemässigten, sondern die besonders strengen orthodoxen Kräfte den Takt vorgeben.Als Gegenleistung für ihre Anerkennung des jungen Staates gewährte Ben-Gurion den Tora-Studenten damals übrigens eine Befreiung vom Wehrdienst. Genau jene Regelung also, die Netanyahu ihnen nun weiter zugestehen will.Das Oberste Gericht hat Netanyahus Gesetz inzwischen zwar vorläufig gestoppt und die Regierung aufgefordert, zu erklären, warum es nicht kassiert werden sollte. Setzt sich Netanyahu am Ende über die Richter hinweg, wäre das allerdings keine Überraschung. Seine Regierung bekämpft die Justiz seit Monaten.Letztlich liegt es nun an den Bürgern, diese jahrzehntealte Ungleichbehandlung zu beenden – an der Wahlurne. Mit Naftali Bennett, Avigdor Lieberman, Gadi Eisenkot und auch Yair Lapid gäbe es sowohl im rechten wie im linken Spektrum Politiker, mit denen ein Wandel möglich wäre. Netanyahus jüngster Versuch, seine Macht zu sichern, könnte somit auch sein letzter gewesen sein.23 KommentareRoland Lörtscher 17.07.20265 EmpfehlungenIm Artikel wird von "Frommen" geschrieben. Diese Leute sind nicht fromm, sondern halt einfach nur religiöse Fanatiker. In ihrer Menschenverachtung stehen sie den anderen Fanatikern von ennet dem Zaun in Nichts nach.Erwin Rosskopf 16.07.20262 EmpfehlungenVielleicht hilft's ja, den Blutdruck mancher Foristen, die sich durch exzellente Kenntnisse Israels und (extra-)ordinäre des Judentums auszeichnen (der Rest der Welt kann natürlich nicht mit der gleichen Aufmerksamkeit und dem gleichen Engagement rechnen) wieder in der Gesundheit zuträgliche Bahnen zu lenken - auch wenn die Bürger des demokratischen Staates Israels Belehrungen aus Deutschland ungemein zu schätzen wissen:
Wehrpflicht in Israel: Benjamin Netanyahu kapituliert vor einem religiösen Mob
Wenige Monate vor der Wahl sichert sich der Ministerpräsident die Unterstützung ultraorthodoxer Wähler, die zuletzt selbst vor gewalttätigen Protesten nicht zurückschreckten. Einen hohen Preis zahlen dafür Armee und säkulare Bürger.











