Von wegen Luxus-Krise. Richemont übertrifft mit einem Hammerquartal alle ErwartungenDer Genfer Uhren- und Schmuckhersteller Richemont verleitet selbst trockene Analysten zu Euphorie. Besonders prächtig läuft es bei Cartier und Van Cleef & Arpels.15.07.2026, 15.10 Uhr5 LeseminutenSchmuck boomt. Gefragt sind vor allem Stücke bekannter Marken – nicht anonyme Diamantringe.Yves Herman / ReutersFinanzanalysten neigen gewöhnlich nicht zum Überschwang. Doch angesichts der neusten Quartalszahlen von Richemont werden auch sie euphorisch: Der Vontobel-Analyst schreibt von stratosphärischem Wachstum, die ZKB nennt die Zahlen «brillant».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Tatsächlich hat der Genfer Schmuck- und Uhrenkonzern die Erwartungen weit übertroffen. Analysten hatten mit einem währungsbereinigten Umsatzwachstum von rund 11 Prozent gerechnet. Richemont steigert die Verkäufe zwischen April und Juni jedoch gegenüber dem Vorjahresquartal um satte 20 Prozent. Berücksichtigt man den leicht stärkeren Euro (Richemont rechnet nicht in Franken ab), betrug das Plus 17 Prozent. Gewinnzahlen veröffentlicht der Konzern erst wieder mit dem Halbjahresabschluss im November.Damit hat sich das Wachstum nochmals deutlich beschleunigt. Zwischen Januar und März hatte es zu konstanten Wechselkursen 13 Prozent betragen, im Vorjahresquartal lediglich 6 Prozent.Hält Richemont an seinen Uhrenmarken fest?Einmal mehr ist Richemont vor allem mit seinen Schmuckmarken gewachsen. Cartier, Van Cleef & Arpels, Buccellati und Vhernier steigerten ihre Verkäufe währungsbereinigt um 24 Prozent. Es war das siebte Quartal in Folge, in dem die Sparte zweistellig wuchs.Mittlerweile erwirtschaften die vier Jewellery Maisons beinahe drei Viertel des gesamten Richemont-Umsatzes. Vor drei Jahren waren es erst rund 67 Prozent gewesen.Die wachsende Dominanz des Schmucks hat in letzter Zeit die Frage aufgeworfen, ob sich Richemont noch stärker auf dieses Geschäft konzentrieren und sich von weniger rentablen Uhrenmarken trennen könnte. Zum Konzern gehören sieben spezialisierte Uhrenhersteller, darunter IWC, Jaeger-LeCoultre, Vacheron Constantin und die deutsche Manufaktur A. Lange & Söhne.Konkrete Anzeichen für einen breiten Rückzug aus dem Uhrengeschäft gibt es jedoch nicht. Zwar hat Richemont soeben eine Uhrenmarke verkauft: Baume & Mercier ging an die italienische Damiani Group. Die Marke nahm im Portfolio allerdings eine Sonderstellung ein. Sie ist im vergleichsweise zugänglichen Luxussegment angesiedelt und verkauft ihre Uhren stärker als die übrigen Richemont-Marken über unabhängige Händler, die mehrere Marken führen.Der Verkauf ist deshalb eher als gezielte Bereinigung am unteren Rand des Uhrenportfolios zu verstehen. Daraus abzuleiten, dass Richemont auch seine Spitzenmanufakturen abstossen könnte, wäre verfehlt.Das betonte der Mehrheitsaktionär und Verwaltungsratspräsident Johann Rupert bereits bei der Präsentation der Jahreszahlen im Mai. Spekulationen über einen Verkauf von Jaeger-LeCoultre bezeichnete er als «absoluten Unsinn». Ein solcher Schritt sei nie zur Diskussion gestanden. Jaeger-LeCoultre sei für die gesamte Uhrensparte zentral.Das Geld fliesst vor allem in den SchmuckAuch ohne weitere Verkäufe ist die strategische Verschiebung innerhalb des Konzerns allerdings unübersehbar. Richemont setzt derzeit stärker auf seine Schmuckhäuser als auf seine spezialisierten Uhrenmarken.Das zeigte sich bereits bei der Ernennung von Nicolas Bos zum Konzernchef im Mai 2024. Richemont kündigte damals an, Bos werde den Konzern in einer Phase mit stärkerer Ausrichtung auf den eigenen Einzelhandel und auf Schmuck führen. Bos hatte zuvor Van Cleef & Arpels stark ausgebaut.Die jüngsten Zahlen zeigen, dass der Plan aufgeht. Neben dem Schmuckgeschäft wächst vor allem der Verkauf über die eigenen Geschäfte. Der Umsatz im stationären Einzelhandel stieg im Quartal währungsbereinigt um 24 Prozent und machte 71 Prozent des Konzernumsatzes aus.Auch bei den Investitionen setzt Richemont klare Prioritäten. In den vergangenen drei Geschäftsjahren floss deutlich mehr Geld in die Schmuckmarken als in die spezialisierten Uhrenmarken. Der Konzern baut vor allem die Fertigungskapazitäten seiner Schmuckhäuser aus.Zudem investiert Richemont in zusätzliche Schmuckmarken. Im Jahr 2019 kaufte der Konzern den italienischen Hersteller Buccellati, 2024 folgte die ebenfalls italienische Marke Vhernier.Im Uhrenbereich liegt die letzte Akquisition dagegen fast zwanzig Jahre zurück. 2008 erwarb Richemont die Mehrheit an Roger Dubuis. Der grosse Ausbau der Uhrensparte liegt sogar mehr als ein Vierteljahrhundert zurück. Im Jahr 2000 übernahm der Konzern Les Manufactures Horlogères mit IWC, A. Lange & Söhne und der Mehrheit an Jaeger-LeCoultre.Cartier verwischt die GrenzeDoch Richemonts Entwicklung lässt sich nicht auf die einfache Formel Schmuck gegen Uhren reduzieren. Ebenso entscheidend ist die Stärke der einzelnen Marken.Das zeigt sich besonders bei Cartier. Das Zugpferd des Konzerns verkauft nicht nur Schmuck, sondern auch Uhren im grossen Stil. In der Berichterstattung von Richemont werden jedoch alle Umsätze nach Marken aufgeteilt. Deshalb werden auch Cartier-Uhren der Sparte Jewellery Maisons zugerechnet.Nach Schätzungen von Morgan Stanley und Luxe Consult ist Cartier inzwischen die zweitgrösste Schweizer Uhrenmarke nach Umsatz. Sie liegt damit direkt hinter Rolex und vor Audemars Piguet, Patek Philippe und Omega. Auch Van Cleef & Arpels hat sich zu einem bedeutenden Uhrenanbieter entwickelt.Die Zahlen nach Geschäftsbereichen vermitteln deshalb nur ein unvollständiges Bild. Betrachtet man nicht die Marken, sondern die verkauften Produkte, zeigt sich, dass auch das Uhrengeschäft von Richemont in letzter Zeit kräftig gewachsen ist.Im vergangenen Geschäftsjahr (per Ende März 2026) legte der Umsatz mit Uhren zu konstanten Wechselkursen um 11 Prozent zu – fast so stark wie der Umsatz mit Schmuck (+13 Prozent). Knapp ein Drittel des gesamten Konzernumsatzes entfällt auf Uhren. Mehr als die Hälfte davon dürften allerdings Cartier und Van Cleef & Arpels erwirtschaften.Das Problem sind damit nicht Uhren an sich. Die Unterschiede verlaufen vielmehr zwischen besonders starken Marken und Herstellern, die sich in einem schwierigeren Markt weniger gut behaupten.Zweistelliges Wachstum in ChinaInzwischen zieht das Geschäft aber auch bei den spezialisierten Uhrenmarken wieder an. Sie steigerten ihren Umsatz zwischen April und Juni währungsbereinigt um 8 Prozent. Besonders gut entwickelten sich laut Richemont Vacheron Constantin, Jaeger-LeCoultre und A. Lange & Söhne.Vor einem Jahr waren die Verkäufe der Uhrensparte noch um 7 Prozent zurückgegangen. Seither hat sich die Entwicklung von Quartal zu Quartal verbessert.Geografisch war das Wachstum von Richemont im ersten Quartal im Übrigen ungewöhnlich breit abgestützt. In Amerika stiegen die Verkäufe währungsbereinigt um 27 Prozent, in Asien-Pazifik um 21 Prozent, in Japan sogar um 36 Prozent. Europa wuchs um 11 Prozent. Auch in China, Hongkong und Macau zusammen legte Richemont wieder zweistellig zu.Einzig im Nahen Osten und in Afrika fiel das Plus mit 3 Prozent bescheidener aus. Wegen des Iran-Krieges gingen die Ausgaben von Touristen laut Richemont deutlich zurück. Eine robuste Nachfrage der einheimischen Kundschaft habe dies jedoch mehr als ausgleichen können.Passend zum Artikel
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