PfadnavigationHomeICONISTModeArtikeltyp:MeinungWachstumstreiberWarum Diamanten die neuen It-Bags sindStand: 07:11 UhrLesedauer: 4 MinutenDer Schweizer Schmuckkonzern Richemont legt glänzende Zahlen vor – vor allem wegen der Cartier-VerkäufeQuelle: picture alliance/Photononstop/Tibor BognarSchmuck trotzt der Luxuskrise – und das überrascht kaum. Wer in einen Goldring investiert, entscheidet sich für Qualität, Nachhaltigkeit und individuellen Stil. Gerade deshalb wirkt Schmuck heute fortschrittlicher als so mancher Wertgegenstand, der es unbedingt sein will.Die Luxusbranche lieferte zuletzt eher schlechte Nachrichten. Bei den großen Kering-Marken wie Gucci oder Balenciaga führt das zur Identitätssuche. Gleichzeitig wächst die Modesparte von LVMH längst nicht mehr mit der Unantastbarkeit vergangener Jahre. Und der chinesische Markt, jahrzehntelang der zuverlässigste Wachstumsmotor der Branche, ist ins Stottern geraten.Und genau in diesem Moment legt Richemont glänzende Zahlen vor. Der Umsatz des Schweizer Konzerns stieg im Quartal bis Ende Juni um 20 Prozent, mehr als doppelt so stark wie erwartet. Die Schmuckhäuser Cartier, Van Cleef & Arpels, Buccellati und Vhernier legten sogar um 24 Prozent zu. Besonders kräftig kauften Amerikaner, doch auch in Europa und Asien wurde mehr Schmuck verkauft. Schmuck gehört derzeit zu den wenigen Luxuskategorien, die über unterschiedliche Marken, Regionen und Preisklassen hinweg zuverlässig wachsen. Auch Tiffany, Bulgari, Boucheron oder Pomellato entwickeln sich gut. Bei Kering sank das Geschäft mit Mode und Lederwaren im ersten Quartal 2026 um drei Prozent, Gucci sogar um acht Prozent. Die deutlich kleinere Schmucksparte der oder wuchs dagegen um 22 Prozent. Bei LVMH hat Schmuck die lange dominierenden Lederwaren vorerst abgelöst, während Uhren und Schmuck sieben Prozent zulegten. Ist der Diamantring die neue It-Bag? Der Erfolg hat handfeste Gründe. Nach Jahren hoher Nachfrage nach Luxusmode und vor allem Handtaschen erhöhten viele Marken ihre Preise schneller, als Qualität, Kreativität oder Service zunahmen. McKinsey erklärt die bessere Entwicklung von Schmuck auch damit, dass seine Preise im Durchschnitt langsamer stiegen als die anderer Modekategorien. Bis 2028 soll der Absatz nun beinahe viermal so schnell wachsen wie jener von Bekleidung. In China hat zudem die Schwäche des Immobilienmarkts hochwertigen Schmuck als Wertanlage attraktiver gemacht.Luxuskunden geben also weiterhin Geld aus, sie sehen aber genauer hin, wofür. Der Mode ging es lange gut, bis sie zum politischen Schlachtfeld gemacht wurde. Sie sollte divers sein, inklusiv, genderneutral oder aus alten Plastikflaschen gefertigt. Lesen Sie auchNun sortiert sich dort gerade vieles neu, Kreativdirektoren zirkulieren zwischen den Häusern, ganze Markenidentitäten verschwinden. Doch wer mehrere Tausend Euro bezahlt, möchte keine Produkte einer Marke erwerben, die im nächsten Jahr ihr Erscheinungsbild komplett verändert. Schmuck, Gold und Edelsteine versprechen dagegen Beständigkeit. Beim Serpenti-Ring von Bulgari zahlt man auch für Design, Handwerk, Geschichte und Service. Es bleibt das Gefühl, etwas Echtes zu besitzen. Gold bleibt Gold, gerade wenn der Zeitgeist weiterzieht. Fortschritt als BegehrlichkeitSchmuck eignet sich nicht automatisch als Geldanlage, ist aber wertbeständiger als viele trendabhängige Produkte. Der hohe Goldpreis müsste das Geschäft eigentlich erschweren. Tatsächlich wird weltweit nach Gewicht weniger Goldschmuck gekauft, dafür aber deutlich mehr Geld ausgegeben. Die Kunden kaufen also nicht möglichst viel Edelmetall, sondern einfach ausgewählter und hochwertiger. Lesen Sie auchSchmuck und Uhren bleiben natürlich auch Statussymbol, allerdings oft nachhaltigere als die Statussymbole jenes Milieus, das traditionelle Statussymbole so verachtet. Ein Goldarmband kann unendlich getragen, repariert, umgestaltet, vererbt und nach Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten wieder aus einer Schublade geholt werden. Ein Lastenfahrrad, das genauso viel kostet, eher nicht. Während vermeintlich progressive Milieus Statussymbole erst gesellschaftlich umdeuten müssen, um sich guten Gewissens selbst eines anzuschaffen, ist der Markt undogmatischer. Während Richemonts Uhrenmanufakturen etwa um nicht wenig beeindruckende acht Prozent wachsen, legen die Schmuckhäuser eindrückliche 24 Prozent zu. Daraus folgt aber weder, dass Männer sich neuerdings mit 20 Diamantarmbändchen behängen wollen oder ihr Uhrenbudget geschlossen in Geschenke für die Frau umleiten, noch dass Schmuck vom „patriarchalen Tauschobjekt“ zum feministischen Emblem geworden ist. Es bedeutet vielmehr, dass der Mann weiter seine Uhr kauft und Schmuck verschenkt. Und wenn einer Frau ein Ring gefällt, kauft sie ihn natürlich einfach selbst. Das traditionelle Schmuckgeschenk wurde nicht abgeschafft, sondern um wirtschaftliche Unabhängigkeit erweitert. Das Lastenrad behauptet Fortschritt, der Diamantring bildet ihn schon längst im Kaufverhalten ab. Und der Kapitalismus beherrscht Pluralismus offenbar besser als seine Kritiker.Lesen Sie auchSchmuck wird auch längst nicht mehr nur zu Verlobung, Hochzeit oder rundem Geburtstag gekauft, sondern auch zur Geburt eines Kindes, zur Beförderung oder als Belohnung für ein erfolgreich überstandenes Quartal. Zumindest in den USA, wo Leistungsdenken und Ambition weiterhin einen hohen Stellenwert haben. Einer Studie des Diamanten-Produzenten De Beers zufolge entfielen 2025 nur noch 25 Prozent der Käufe natürlicher Diamanten in den USA auf Brautschmuck; 44 Prozent waren Geschenke, 31 Prozent Selbstkäufe. Ohnehin ist die Nachfrage in den USA besonders stark. Vermögende Amerikaner geben ungehemmter Geld für Schmuck aus als Europäer. Wirtschaftlicher Erfolg gilt dort häufiger als etwas, das man feiern darf. In Europa muss man Wohlstand erst steuerlich berechnen und im Idealfall ein wenig bedauern. Amerika geht inzwischen schon mal zur Kasse. Der Erfolg von Schmuck ist auch ein Sieg über den Zeitgeist: Am Ende entscheidet der Kapitalismus, was modern ist – und selten hat dieses Urteil schöner am Handgelenk gefunkelt als heute.
Luxus-Schmuck: Warum Diamanten jetzt die neuen It-Bags sind - WELT
Schmuck trotzt der Luxuskrise – und das überrascht kaum. Wer in einen Goldring investiert, entscheidet sich für Qualität, Nachhaltigkeit und individuellen Stil. Gerade deshalb wirkt Schmuck heute fortschrittlicher als so mancher Wertgegenstand, der es unbedingt sein will.











