Berlin. Man benötigt kein Ticket, um an dieser Weltmeisterschaft teilzunehmen. Für ein Fanerlebnis der amerikanischen Art reicht ein Parkplatz in South Philadelphia. Drei blaue Pavillons stehen an den Kofferräumen der geparkten Autos. Darunter Kühlboxen, ein Grill und ein Picknicktisch. Es riecht nach Asphalt und Fleisch. Neben der Musikbox posieren französische Fans für ein Foto. Dann ziehen sie Richtung Stadion, in dem in wenigen Stunden das Achtelfinale ihres Teams gegen Paraguay angepfiffen wird.Tailgating heißt diese Tradition, das Picknicken und Grillen auf den Stadionparkplätzen, ohne die Sportveranstaltungen in den USA undenkbar sind. Schon bei der Begegnung der Elfenbeinküste gegen Ecuador ging ein Video von Fans viral, die auf dem Parkplatz das Trinkspiel Flipcup spielen. Ein Tailgating-Klassiker.Szenen wie diese hatten Skeptiker nicht erwartet. Europäische Fans fürchteten ein seelenloses Turnier in einem Land ohne Fußballkultur. Fifa-Chef Gianni Infantino versprach den Amerikanern 104 Super Bowls – Fußballspiele nach dem Vorbild des größten Sportspektakels des Landes. Bis zu den Viertelfinals kamen im Schnitt 65.000 Zuschauer pro Spiel. In der Summe besuchten schon in der Gruppenphase mehr Menschen die Spiele als bei jeder WM zuvor. Zum Vergleich: In Deutschland 2006 waren es rund 52.500.Es ist nicht nur die bisher größte WM, sondern auch die teuerste. Die Fifa schaute sich vom US-Sport vorwiegend eines ab: das Geschäft mit den Fans – und trieb es weiter, als es selbst die USA zulassen.Das Interesse an den Spielen ist auch vor dem Fernseher groß. 30 Millionen sahen das Achtelfinale gegen Belgien, die meistgesehene Fußballübertragung der US-Geschichte – ausgerechnet beim 1:4-Ausscheiden des Gastgebers. Selbst Schottland gegen Haiti verfolgten sechs Millionen, obwohl parallel die NBA-Finals liefen.Buh-Rufe bei den „Hydration-Breaks“Von Beginn an sahen sie dabei ein Novum im Fußball: Werbeunterbrechungen während des Spiels. Bereits im Dezember verkündete die Fifa die sogenannten „Hydration Breaks“, dreiminütige fest eingeplante Trinkpausen. In den USA sind Pausen beim American Football üblich. Aber bei den Fußballfans stießen sie auf Ablehnung, regelmäßig wurde gebuht.
Fußball-WM: Wie viel Super Bowl verträgt die Weltmeisterschaft?
Werbepausen, Halbzeitshow, Rekordpreise: Die Fifa kopiert das Geschäftsmodell des US-Sports – und treibt es so weit, dass es selbst amerikanischen Fans zu viel wird.









