Nachdem nun, ehe man sich versah, schon der erste Monat dieser Weltmeisterschaft vorüber ist, mal ein kleines Zwischenfazit. Zu den wesentlichen Erkenntnissen gehören, erstens: Ein Spiel dauert ab sofort viermal 22,5 Minuten, und während im Fernsehen Werbung kommt, läuft im Stadion Bon Jovi. Zweitens: Es gibt tatsächlich keine Kleinen mehr, mal abgesehen von Deutschland, Brasilien und Tunesien. Und drittens: Donald Trump hat zwar keine Ahnung, was eine rote Karte ist, weiß aber, wie man solche Karten telefonisch abräumt.Sportlich waren die ersten Turnierwochen erstaunlich unterhaltsam. Man hat jetzt, da die ersten spielfreien Tage anstehen, sogar so etwas wie Entzugserscheinungen. Ließe sich da nicht noch eine Trostrunde für bereits ausgeschiedene Teams einbauen? Vielleicht mit 15 Spielen in den USA und je einer Halbzeit in Mexiko und Kanada, um weiterhin alle drei WM-Gastgeber gleichzubehandeln? Das nur mal so als Idee für die selbstverständlich komplett unabhängige Fifa-Spielplankommission.Fußball-WM:Der befleckte BallAuch wenn die Belgier die Amerikaner aus der WM rausgekickt haben: Zurück bleibt ein ramponierter Weltfußball. Es kostete Trump einen Anruf, um die Welt des Sports zu beschädigen. Mal sehen, wie schnell sie sich davon wieder erholen wird.Auf der geopolitischen Ebene kann man der WM ein durchwachsenes Zeugnis ausstellen. Klar, es wäre schöner gewesen, wenn der Fifa-Friedenspreisträger nicht gegen einen WM-Teilnehmer Krieg geführt hätte und wenn nicht die halbe Welt an der Grenze abgewimmelt worden wäre. Aber immerhin haben jene, die reingelassen wurden, jetzt mal wieder mit eigenen Augen gesehen, dass nicht alle Amerikaner wie Trump sind, sondern größtenteils sehr nett. Die meisten WM-Touristen scheinen sogar Spaß gehabt zu haben, während sie sich finanziell ruinierten.Im Weißen Haus und bei Fox leiten sie aus den Jubelszenen in den Stadien und auf den Fanmeilen ab, dass nun endgültig alle anderen Länder und Kulturkreise die USA lieben, weil sie so famos regiert werden. Man muss das diesen Leuten nachsehen, sie glauben teilweise auch daran, dass Nikotin gesund macht und die Erde eine Scheibe ist.Für den Kolumnisten der „American Press“ sind Werbeunterbrechungen eine so grundlegende Erfindung wie Messer und GabelDennoch hat solch eine WM ihren Wert als sportkulturelles Austauschprogramm. Menschen aus der Neuen und der Alten Fußballwelt sind sich in Bars, Warteschlangen und Shuttlebussen begegnet und hatten dabei die seltene Gelegenheit, gegenseitige Vorurteile zu besprechen und sogar abzubauen. Nach allem, was man in den zurückliegenden Wochen gehört und gelesen hat, werden die Amerikaner aber niemals verstehen, weshalb beim Fußball die Uhr immerzu weiterläuft, auch wenn der Ball im Aus ist oder sich ein Galarza auf dem Boden wälzt. Und die Europäer wundern sich weiter, dass ein Spiel im American Football noch 15 Minuten dauern kann, wenn nur noch zwei Minuten Spielzeit übrig sind.Doch in Louisiana und um Louisiana herum finden sie halt: Uhren sind erfunden worden, um die Zeit anzuhalten, Werbung zu zeigen und Bon Jovi zu hören! Ein WM-Kolumnist der in Louisiana erscheinenden Zeitung The American Press hat das seinen Lesern dieser Tage so erklärt: „Es ist so ähnlich wie mit der Erfindung der Essstäbchen in Asien – damit die Welt überhaupt essen konnte.“ Man sollte meinen, so der Kolumnist, „dass der Ferne Osten nach all den Jahren zugeben könnte, dass der Westen ihm – zumindest in diesem Punkt – mit Löffeln und Gabeln etwas voraushat und die Essstäbchen beiseitelegt.“ Und jetzt kommt’s: „Genau so verhält es sich mit den stoppenden Uhren im Sport.“ Ach so.Der Schriftzug des Namensgebers Gilette musste im „Boston Stadium“verdeckt werden. Dass hier die New England Patriots zu Hause sind, war für die Fußballfans aber unübersehbar. Jeenah Moon/ReutersVielleicht ist es doch am besten, wenn demnächst wieder jeder seine eigenen sportlichen Wege geht. Im sogenannten „Boston-Stadium“ haben sie jedenfalls schon wieder mit dem Umdekorieren begonnen. In diesem Stadion, das irgendwo zwischen Boston, Massachusetts und Baton Rouge, Louisiana, liegt und das, wie Bastian Schweinsteiger weiß, am besten joggend zu erreichen ist, erzielte Kylian Mbappé dieser Tage sein achtes WM-Tor. Unten im Stadionkeller, nur ein paar Schritte von der Stelle entfernt, wo Mbappé nach dem Schlusspfiff seine Blitzinterviews gab, leuchtete auf einem Bildschirm die frohe Botschaft: „Countdown to the 2026 NFL Season: 35 Days.“ Und wer keine 35 Tage mehr warten wollte bis zur Rückkehr des „real football“, wie die Ortskundigen sagen, der erfuhr an Ort und Stelle auch: Schon am 25. Juli haben die New England Patriots hier ihr erstes öffentliches Training der Saisonvorbereitung.Am 7. August startet übrigens der VfL Bochum gegen Hertha BSC in die neue Zweitligasaison. Selten hat man sich so sehr darauf gefreut.